Aus: Ausgabe vom 11.10.2017, Seite 8 / Ansichten

National befreite Zone des Tages: Buchmesse

Von Arnold Schölzel
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Kein Witz: Manchmal versuchen Nazis, Neonazis oder ihre romantisierend-deutschnationale Gefolgschaft zu schreiben. In deutscher Sprache. Ein Widerspruch in sich. So etwas taucht sogar als Buch auf, in der Bundesrepublik regelmäßig. Es handelt sich zumeist um »Mein Kampf« in Endlosvervielfältigung unter anderem Namen. Das wandert z. B. auf die Frankfurter Buchmesse und fällt dort nicht weiter auf. In diesem Jahr gibt es allerdings auf einmal Kritik am Auftritt des »neurechten«, wie das heute heißt, Verlages »Antaios« aus Sachsen-Anhalt. Messedirektor Juergen Boos sagt aber ganz richtig am Dienstag im FAZ-Interview, »rechte Verlage« seien »immer schon auf der Buchmesse präsent, nur hat niemand dagegen protestiert«. Für links wie rechts gelte Meinungsfreiheit, Ausnahme: verbotene Bücher. Und was für Turbulenzen es gegeben habe: »Nehmen wir nur die Jahre 1967 und 1968, als studentische Protestaktionen sogar zu Polizeieinsätzen führten«.

Das war’s? Nicht ganz. Bei zumindest einem Antinazibuch wurde es am Main vor 50 Jahren ungemütlich: Am Messestand des Staatsverlages der DDR lag damals die zweite Auflage des »Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik. Staat, Wirtschaft, Armee, Verwaltung, Justiz, Wissenschaft« aus. Es enthielt die Namen von 1.900 »schwerstbelasteten Naziführern und Kriegsverbrechern«, die damals noch an entscheidenden Stellen der BRD saßen – angefangen bei Bundespräsident Heinrich Lübke. Der war in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde als Bauleiter 1943 bis 1945 für die Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen zuständig. Die habe es dort bis 1944 überhaupt nicht gegeben, behauptete er nun. Ein Frankfurter Amtsrichter nahm daher die »kommunistische Propaganda« aus den Standregalen. Tatsachen zu Nazis – das ging gar nicht. Ersatzweise waren ihre Verlage ja »immer schon« in Frankfurt.

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