Aus: Ausgabe vom 12.10.2017, Seite 12 / Thema

An und für sich

Wie steht es mit dem Klassenbewusstsein der Lohnabhängigen? Widerspruchserfahrungen und Gesellschaftsbilder im Kapitalismus

Von Werner Seppmann
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Trotz aller Veränderungen, die Organisation und Widerstand der Lohnabhängigen erschweren, existieren in den Industriebetrieben immer noch Strukturen, die eine Mobilisierung begünstigen (Arbeiter im Daimler-Werk in Sindelfingen üben Solidarität mit den Kollegen von Opel in ­Bochum, 2. Mai 2013)

Auf den ersten Blick scheint es mit dem Klassenbewusstsein der Lohnabhängigen in der Bundesrepublik nicht gut bestellt zu sein. Trotz gravierender sozialpolitischer Einschnitte, trotz wachsender Verunsicherungen aufgrund permanenter »Umstrukturierungen« in den Betrieben und der destruktiven Wirkung des Hartz-IV-Systems, aber auch angesichts der erheblichen und wenig vorteilhaften Veränderungen in der Arbeitswelt durch die zunehmende Dominanz der Computertechnologie, ist von angemessenen (Widerstands-)Reaktionen der abhängig Beschäftigten nicht viel zu sehen. Aber es gibt bemerkenswerte Ausnahmen: Auch in den vergangenen Jahren wurde mit Nachdruck gestreikt, jedoch nicht, wie in den Dekaden zuvor in den industriellen Großbetrieben, sondern insbesondere in den »Dienstleistungsbereichen«. Als konfliktbereit erwiesen sich die Beschäftigten in jenen Zonen der Arbeitswelt, die einem hohen Privatisierungsdruck ausgesetzt sind. Dabei hat es durchaus eine neue Qualität, dass mittlerweile Streiks in Krankenhäusern mit Beteiligung des Pflegepersonals und der Ärzte stattfinden.

Zwar gibt es auch in den industriellen Kernbereichen immer noch eine deutliche Artikulation von Klasseninteressen – jedoch hauptsächlich von Seiten des Kapitals. Mit der nach Maßgabe der Profiterhöhung erfolgten Umgestaltungen in der Arbeitswelt in den letzten beiden Jahrzehnten hat es mehr als nur einen Etappensieg errungen. Eine überdeutliche Mehrheit der Lohnabhängigen scheint sich einem vermeintlichen »Schicksal« zu fügen und den Sieg der Kapitalseite als »alternativlos« zu akzeptieren.

Konflikterfahrungen

Ein an den eigenen Interessen orientiertes Handeln, das unter den Lohnabhängigen das Klassenbewusstsein stimuliert, ist mithin zwar die Ausnahme. Aber das bedeutet nicht, dass in deren Gesellschaftsbildern die soziale Widerspruchsentwicklung keine Spuren hinterlassen würde und auch nicht, dass Arbeiterbewusstsein als durch und durch angepasstes angesehen werden muss. Jüngere Untersuchungen in Industriebetrieben konnten bedenkenswerte Ergebnisse präsentieren: »Aufgrund der wahrgenommenen Spaltungen und Ungerechtigkeiten bröckelt die Legitimationsgrundlage der kapitalistischen Wirtschaft. Die Aussage: ›Das heutige Wirtschaftssystem ist auf Dauer nicht überlebensfähig‹ halten zumindest relative Mehrheiten in West (54 Prozent) und Ost (41 Prozent) für zutreffend. Auffällig ist der hohe Anteil an Befragten, die unentschieden sind (34 Prozent West, 33 Prozent Ost). Rechnet man diese Antworten hinzu, so summieren sich die Antworten, die keine eindeutige Positividentifikation mit dem kapitalistischen System beinhalten, auf 88 Prozent West und 74 Prozent Ost.«¹

Diese Einstellungsmuster sind bei den Lohnabhängigen (vorrangig in den größeren Betrieben) keine Ausnahmeerscheinung. So heißt es in einer anderen industriesoziologischen Untersuchung, die vor der Weltwirtschaftskrise von 2007 durchgeführt wurde, dass die Konturen des Gesellschaftsbildes der abhängig Beschäftigten, vor allem der Industriearbeiter, nach wie vor durch die Interessenwidersprüche von Kapital und Arbeit geprägt seien.² Fünf Jahrzehnte »konsumgesellschaftlicher« Lebensverhältnisse, »sozialpartnerschaftlicher« Klassenbeziehungen und »kooperativer« Organisationsformen der Arbeit mit erweitertem Selbstgestaltungsanteil haben also ebenso wenig etwas an der Ausprägung von Mentalitätsformen als Ausdruck des grundlegenden Gesellschaftsantagonismus ändern können wie eine angebliche »Individualisierungstendenz« oder die realen Spaltungs- und Differenzierungsprozesse innerhalb der Lohnabhängigenklasse, die in den letzten beiden Dekaden eklatante Formen angenommen haben.³

Die alltägliche Erfahrung des strukturellen Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit wirkt also nachhaltiger als mögliche Negativerfahrungen infolge der Binnendifferenzierungen der Lohnabhängigenklasse, beispielsweise durch die Trennung von »Kern-« und »Randbelegschaften«. Auch das Institut für Demoskopie Allensbach hatte (mit einem Ausdruck des Bedauerns) schon vor zwei Jahrzehnten festgestellt, dass großen Bevölkerungsteilen selbst »alte Formeln von Klassengegensätzen und Klassenkampf … zunehmend wieder … zur Beschreibung der sozialen und ökonomischen Realität« als geeignet erscheinen.⁴

Kontinuitäten

Die prekären Erfahrungen am Arbeitsmarkt und eine weit verbreitete Unsicherheit sind zwar nicht ohne irritierende Konsequenzen für das Gesellschaftsbild der Lohnabhängigen geblieben. Sie können die klassenspezifischen Widerspruchserfahrungen partiell überlagern, jedoch nicht vollständig beseitigen. Jedenfalls korrespondiert in überraschender Klarheit der aktuelle Bewusstseinsstand der in den Kernbereichen des Industriesystems Beschäftigten mit Einstellungen, die schon in den 50er Jahren von einer respektablen Untersuchung bürgerlich-akademischer Soziologie registriert wurden: »Der Industriearbeiter sieht die Gesellschaft stets in einer Zweiteilung und nicht als komplexes Gefüge vieler Klassen (…) Die Zweiteilung wird entlarvt als Ausbeutung der arbeitenden Klasse durch die über die Produktionsmittel verfügende Klasse.«⁵

Das Gesellschaftsbild der arbeitenden Klassen wurde in dieser Untersuchung als »dichotomisch« bezeichnet, was heißt, dass die Klassenblöcke als durch einen unüberwindbaren Abgrund getrennt erlebt werden.⁶ Daran hat sich (trotz einiger Modifikationen) bis heute wenig geändert. Nach dem sozialen Status befragt, ordnen sich viele zwar in einer imaginären »Mitte« ein, meist jedoch nur, um zu verdeutlichen, dass man nicht zu den »Abgehängten« und »Verlierern« gehört.

Die Grundlage dieser relativen Konstanz proletarischer Bewusstseins- und Mentalitätsformen ist die Tatsache, dass trotz aller einstellungsverzerrenden Spaltungen und Fragmentarisierungen die Arbeiterklasse im industriellen Sektor (die selbst nach den fragwürdigen Kategorisierungen der amtlichen Statistik fast zehn Millionen Erwerbstätige umfasst) immer noch durch die Kollektivität ihrer Soziallage in Kombination mit arbeitsalltäglichen Konflikterfahrungen geprägt ist. Der Gewerkschafter Eberhard Fehrmann hat die entscheidenden Punkte benannt: »Die Industriearbeiter sehen sich wie keine andere Lohnarbeiterfraktion einer historischen Dauerattacke des Kapitals auf ihre Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Dampfmaschine, Taylorismus, Automation und heutige digitale Vernetzung (Industrie 4.0) haben hier der mystifizierenden Vorstellung von einer idyllischen bürgerlichen Welt von Freiheit, Gleichheit, Eigentum schon frühzeitig den Boden entzogen und die Unvereinbarkeit von kapitalistisch motivierter Arbeit und demokratischer Gesellschaft erlebbar gemacht. Die ständige technische Umwälzung und Infragestellung ihrer Arbeitsbedingungen und die damit einhergehende Einschränkung ihrer Identität und ihrer Gestaltungsspielräume sind immer noch die Grundlage ihrer Arbeitserfahrung, die sie zu einer kollektiven Einheit zusammenwachsen ließ und Solidarität und Konfliktbereitschaft tief im Bewusstsein verankerte.«⁷ Aber um so mehr stellt sich natürlich die Frage, wo denn dann das Klassenbewusstsein als ein politischer Faktor bleibt.

Klassenformierung

Meist ist diese an sich berechtigte und sich auch aufdrängende Frage mit realitätsfernen Vorstellungen über die sozial vermittelten Bewusstseinsprozesse verbunden. Es ist allemal richtig, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt – aber damit ist noch nicht gesagt, dass es sich automatisch um ein progressives Bewusstsein handeln muss. Dass die Sache komplizierter ist, wird schon durch den Satz aus der »Deutschen Ideologie« von Marx und Engels deutlich, in dem betont wird, dass mit diesem Sein, der ganze »Lebensprozess« der Menschen gemeint ist.⁸ Und dieser weist vielfältige Differenzierungsmomente auf.

So mehrschichtig und widersprüchlich wie die Alltagsverhältnisse und die Sozialisationswege der Individuen sind auch die davon geprägten Bewusstseinsformen. Dadurch wird nicht die grundlegende Erkenntnis des Historischen Materialismus einer konstitutiven Vermitteltheit des Denkens mit den sozialen Prozessen außer Kraft gesetzt, sehr wohl aber die mechanistische Gleichsetzung von bedrängter Soziallage und progressiven Einstellungen. Faktisch ist sogar das Gegenteil der Fall: Es gehört zu den »Herrschaftsgeheimnissen der bürgerlichen Gesellschaft« (Ernst Bloch), dass letztere mit ihrer sozioökonomischen Widerspruchsentwicklung desorientierende Bewusstseinsformen hervorbringt. Eine Elementarform des Ideologischen ist der Waren- und Marktfetischismus, also Bewusstseinsverzerrungen, die aus der herrschenden Praxis resultieren. Marx hielt sie für so bedeutsam, dass er ihnen im »Kapital« ein ganzes Kapitel (über den »Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis«) gewidmet hat, dessen Intention darin besteht, den ideologischen Schein zu bekämpfen, dass die bestehenden Machtverhältnisse »naturwüchsig« und alternativlos seien und die Menschen nur Rädchen in einem außerhalb ihres Willens stehenden Getriebe.⁹ Sein Verständnis der integrativen Kraft der kapitalistischen Praxisformen demonstriert Marx auch mit seinem im »Kapital« gegebenen Hinweis auf eine Arbeiterklasse, die »aus Erziehung, Tradition, Gewohnheit die Anforderungen jener Produktionsweise als selbstverständliche Naturgesetze anerkennt«.¹⁰

Weil in der bürgerlichen Gesellschaft spontane Bewusstseinsformen Funktionselemente der bestehenden Verhältnisse sind, kann Klassenbewusstsein nur das Resultat sozialer Selbstaufklärung sein: Die Menschen müssen sich die Erkenntnis über den Charakter des sozialen Konflikts erarbeiten. Aufgrund dieser elementaren Annahme hat Marx keinen Automatismus zwischen Klassenlage und Klassenhandeln unterstellt, sondern die Bildung von Klassenbewusstsein und einer gesellschaftlich durchsetzungsfähigen Arbeiterklasse immer als politische Aufgabe im Rahmen objektiver Voraussetzungen definiert: Die Existenz der Arbeiterklasse gründet in objektiven Strukturen, ihrer Stellung im Produktions- und Reproduktionsprozess. Das sind die zentralen Klassenmerkmale. Jedoch kann kollektive Handlungsfähigkeit nur das Ergebnis der Bewusstwerdung des strukturellen und antagonistischen Charakters der eigenen Existenzbedingungen sein.

Lernprozesse

Die industrielle Arbeitswelt ist die ideale Voraussetzung für solche kollektiven Lernprozesse. Hinzu kommt, dass Aktionen in den Bereichen unmittelbarer Produktion von großer Wirkungskraft sein können, weil sie die Kapitalverwertung an zentraler Stelle zu stören in der Lage sind. Denn es handelt sich um Zentren, in denen die global erzeugten Vorprodukte zusammenlaufen und erst durch ihre Weiterverarbeitung zu »marktreifen« Waren werden.

Zwar schrumpft schon seit Jahrzehnten sowohl die absolute Zahl der großen Betriebe als auch der durchschnittliche Belegschaftsumfang. Jedoch hängt politische Handlungsfähigkeit nicht zwangsläufig von den Größenverhältnissen ab. Denn ob eine Betriebseinheit 2.800 oder 1.200 Mitarbeiter umfasst, ist für die politische Sozialisation und die Organisationsfähigkeit der Lohnabhängigen von geringerer Bedeutung als die Qualität der Interessenartikulation, die Tradition (oder eben auch die fehlende Kontinuität) der Klassenkämpfe und die aus diesen Erfahrungen resultierenden Bewusstseins- und Handlungsdispositionen.

Dass Handlungsfähigkeit in den Großbetrieben erwachsen kann, ist auch dem Kapital immer bewusst gewesen. Einem Teil der betrieblichen Umgestaltungen (beispielsweise den Auslagerungen) in den letzten Jahrzehnten lag immer auch die Absicht zugrunde, die Entwicklung konfliktfähiger Belegschaften zu verhindern oder zu erschweren.

Aber trotz aller Veränderungen, welche die Organisations- und Widerstandsmöglichkeiten der Lohnabhängigen erschweren, existieren in den Industriebetrieben immer noch Strukturen, die Mobilisierungsprozessen förderlich sind. Deshalb hängt die »radikale Umgestaltung eines sozialen Systems (…) immer noch von der Klasse ab, welche die menschliche Basis des Produktionsprozesses bildet. In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern ist dies die industrielle Arbeiterklasse. Die Änderungen in der Zusammensetzung dieser Klasse und das Ausmaß ihrer Integration in das System ändern nicht die potentielle Rolle der Arbeiterschaft.«¹¹

Antikapitalismus

In der schon angesprochenen Studie zum Gesellschaftsbild der Beschäftigten in den industriellen Kernzonen wird darauf hingewiesen, dass die Widerspruchserfahrungen, in Kombination mit persönlichen »Mißachtungserfahrungen«, einen latenten Antikapitalismus provozieren – der jedoch zugleich »ortlos« ist, weil er keine perspektivischen Orientierungen und organisatorischen Anknüpfungspunkte kennt.¹² Gerade deshalb ist die Existenz dieses Konfliktbewusstseins besonders bemerkenswert, das jedoch noch kein Klassenbewusstsein repräsentiert, denn aus der Erfahrung sozialer Konflikte entwickeln sich nicht automatisch adäquate Vorstellungen von den Klassenkonstellationen.

Zur Ausbildung und Fundierung von Klassenbewusstsein sind Vermittlungsschritte notwendig. Auf eine Formel gebracht ist organisierte Aufklärung durch eine aufgeklärte Organisation unumgänglich. »Nicht die ungefilterte Erfahrung der Massen allein, sondern bewusste Reflexion über Erfahrung entscheidet letztlich darüber, ob im Protest eine neue Form sozialen Bewusstseins entsteht oder nicht.«¹³ Die Arbeiterklasse wird sich nicht zum Subjekt der Veränderungen profilieren können, wenn ihre Mitglieder »nicht vor dem Ausbruch der Massenkämpfe, die allein die Möglichkeit zur Entwicklung revolutionären Bewusstseins schaffen, die notwendige Erziehung, Schulung und praktische Erprobung einer proletarischen Vorhut in der Verarbeitung und Agitation des revolutionären Programms stattgefunden hat«.¹⁴ Auch die angebliche »Spontaneitätstheoretikerin« Rosa Luxemburg hat das prinzipiell nicht anders gesehen: Das Proletariat kann »erst im Feuer langer und hartnäckiger Kämpfe den Grad der politischen Reife erreichen (…) der es zur endgültigen großen Umwälzung befähigen wird«.¹⁵

»Aufgeklärte Organisation« heißt übrigens auch, dass die Kräfte der Veränderung sich sozialtheoretisch auf der Höhe der Zeit befinden, dass sie wissen müssen, was in der Gesellschaft vorgeht, um einen Begriff von den konkreten Aktionsbedingungen zu haben.¹⁶ Ohne gesellschaftstheoretische Kompetenz ist die politische Beschwörung der Arbeiterklasse ein weltloses, ein hohles Ritual. Nur mit gegenwartsanalytischer Kompetenz ist es möglich, die subjektiven Wahrnehmungsweisen der objektiven Widersprüche mit progressiven Lerneffekten zu vermitteln.

Positivistische Befragungssoziologie

Das komplexe Verhältnis von Konflikterfahrung und Bewusstseinsdispositionen gerät jedoch den meisten Studien über das »Lohnarbhängigenbewusstsein« nicht oder nur unvollständig in den Blick. Weil deren Autoren den Prinzipien einer positivistischen Befragungssoziologie verpflichtet sind, die ohne gesellschaftstheoretische Fundierung operiert und deshalb nicht in der Lage ist, ihre Erhebungsergebnisse zu einen reflektierten Wissen über die Strukturen der gesellschaftlichen Bewusstseinformen in Beziehung zu setzen, bleibt ihnen verschlossen, dass die von ihnen erfassten Meinungen und Einstellungen in ein ganzes Geflecht ideologischer Vermittlungsverhältnisse eingebunden sind, deren Bedeutungen sich nur erschließen, wenn die spezifischen Formen ihrer individuellen Verarbeitung mit in Rechnung gestellt werden.

Mit den Methoden des soziologischen Empirismus können nur Momentaufnahmen von Bewusstseinszuständen gewonnen werden, nicht jedoch jene Prozesse der Gesellschaftsbildkonstitution erfasst werden, die diesen zugrunde liegen. »Abgebildet« werden »befragungssoziologisch« nur bloße Einstellungsfragmente, die entsprechend aktueller Erfahrungen und Einflüsse (Krisenerlebnisse, diffuse Zukunftsaussichten, aber auch ein latenter »Optimismus« bei konjunkturellen Aufschwungtendenzen wie gegenwärtig) entstanden sind, sich bei veränderten Konstellationen jedoch auch schnell wieder wandeln können. Dennoch sind sie als Ausdruck sozialer »Basiserfahrungen« der Dreh- und Angelpunkt der subjektiven Widerspruchsverarbeitung, die jedoch im Rahmen soziokulturell vermittelter Interpretationsmuster und unter Einfluss individueller Lebensansprüche und Artikulationsbedürfnisse stattfindet. Grundsätzlich muss deshalb zwischen dem Gesellschaftsbild (das wiederum Bestandteil eines umfassenderen Weltbildes ist) und den diversen ihm zugeordneten Einstellungen und Meinungen (die oft zu Vorurteilen vermittelt sind) unterschieden werden.

Während Welt- und Gesellschaftsbilder eine hohe Konstanz aufweisen, sind Einstellungen deutlich kurzlebiger. Ein Gesellschaftsbild und mehr noch das Weltbild, sind Produkte des gesamten lebensgeschichtlichen Entwicklungsprozesses der Individuen. Geprägt sind sie von Herkunft und sozialen »Milieus« (als Ausdruck soziokultureller Selbstartikulationsmuster der verschiedenen Klassen und Schichten), aber auch durch konkrete Lebensbedingungen als eines Komplexes unmittelbarer Erfahrungen, deren Verarbeitung selbst wiederum durch ideologische Orientierungen und Wahrnehmungsraster strukturiert ist.¹⁷

Prozesse der Bildung von Klassenorientierungen und angemessener Interessenartikulation bewegen sich innerhalb dieses Geflechts differenter und oft auch widersprüchlicher Einflußverhältnisse, Bewußtseinsebenen und Einstellungsformen.

Anmerkungen

1 Klaus Dörre/Ingo Matuscheck: Kapitalistische Landnahme, ihre Subjekte und das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen. In: Klaus Dörre/Anja Happ/Ingo Matuscheck (Hg.): Das Gesellschaftsbild der LohnarbeiterInnen. Soziologische Untersuchungen in ost- und westdeutschen Industriebetrieben, Hamburg 2013, S. 44

2 Vgl.: Sonja Weber-Menges: »Arbeiterklasse« oder Arbeitnehmer? Vergleichende empirische Untersuchung zu Soziallage, Lebenschancen und Lebensstilen von Arbeitern und Angestellten in Industriebetrieben, Wiesbaden 2004, S. 272

3 Vgl. Werner Seppmann: Ausgrenzung und Herrschaft. Prekarisierung als Klassenfrage, Hamburg 2013

4 Renate Köcher vom Allensbacher Institut, zit. n.: Der Spiegel, H. 40/1997

5 Heinrich Popitz/Hans Paul Bahrdt/E. A. Jüres /H. Kesting: Das Gesellschaftsbild des Arbeiters. Soziologische Untersuchungen in der Hüttenindustrie, Tübingen 1957, S. 216

6 Instruktiv ist der Überblick über wichtige der in den letzten Jahrzehnten durchgeführten Untersuchungen zu den Gesellschaftsbildern von Arbeitern und Angestellten von Hans-Günter Bell (Arbeiterstudien und Klassenbewusstsein. In: SPW. Zeitschrift für Sozialistische Politik und Wirtschaft, H. 147/2006). Dass gesellschaftliche Bewusstseinsprozesse vielschichtiger und vermittelter sind als von den meisten empirischen Studien überhaupt wahrgenommen wird, müsste gesondert diskutiert werden. Vgl. auch: W. Seppmann: Die verleugnete Klasse. Zur Arbeiterklasse heute, Berlin 2010

7 Eberhard Fehrmann: Die Arbeiterklasse und der Vormarsch des Rechtspopulismus. In: Sozialismus, H. 5/2017, S. 49

8 Vgl.: Marx-Engels-Werke, Bd. 3, S. 26

9 Vgl.: Erich Hahn/Thomas Metscher/Werner Seppmann: Kritik des gesellschaftlichen Bewusstseins. Über Marxismus und Ideologie, Hamburg 2016

10 MEW, Bd. 23, S. 765

11 Herbert Marcuse: Versuch über die Befreiung, Frankfurt am Main 1969, S. 83

12 Vgl.: Klaus Dörre/Ingo Matuscheck, a. a. O., S. 47f.

13 Peter Brückner: Psychologie und Geschichte, Berlin 1982, S. 260

14 Ernest Mandel: Lenin und das Problem des proletarischen Klassenbewußtseins. In: Paul Mattick u. a.: Lenin. Revolution und Politik, Frankfurt am Main 1970, S. 168

15 Rosa Luxemburg: Sozialreform oder Revolution?, Leipzig 1919, S. 48

16 Vgl.: Werner Seppmann: Kapitalismusbegriff und Sozialismuskonzeption. In welcher Gesellschaft leben wir?, Berlin 2013

17 Darauf, dass bei der Ausprägung von Einstellungen, Meinungen und Reaktionen seit dem frühen 20. Jahrhundert auch noch die Vorgänge psychischer Formierung und Manipulation eine zentrale Rolle spielen und sich dadurch ideologische Prozesse zusätzlich irrationalisiert haben, kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Aber erwähnt werden soll, dass die psychischen Formierungen nicht »selbsttätig« wirken wie postmoderne Diskurse im Windschatten tradierter bürgerlicher Ideologien unterstellen, sondern mit den mentalen Verarbeitungsprozessen der Subjekte verbunden sind. Vgl. u. a.: Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied/Berlin 1967; Leo Kofler: Der asketische Eros. Industriekultur und Ideologie, Wien 1967; Hans Kilian: Das enteignete Bewusstsein. Zur dialektischen Sozialpsychologie, Neuwied 1971

Werner Seppmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 8. September 2017 über die »neue Rechte«.

Im Mangroven-Verlag Kassel ist soeben der erste Band einer sechsbändigen Werkausgabe mit Texten zur Klassenanalyse und Klassentheorie von Werner Seppman erschienen: »Kapital und Arbeit. Klassenanalysen I«, ca. 161 Seiten, 17,00 Euro. Als weitere Bände sind geplant: »Die Aktualität der Klassenfrage«, »Krise und Widerstand«, »Die verleugnete Klasse. Zur Arbeiterklasse heute«, »Kapitalismus und Computer: Die Digitalisierung der Arbeitswelt« und »Methodenfragen der Klassenanalyse«. (www.mangroven-verlag.de)

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