Aus: Ausgabe vom 12.10.2017, Seite 10 / Feuilleton

Ewige Liebe

Von Thomas Wagner
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»Er ist auferstanden, er ist nicht hier« (Google-Server in Finnland)

Im Dokumentarfilm »Transcendent Man« aus dem Jahr 2009 erzählt Raymond »Ray« Kurzweil, der technische Chefentwickler von Google, von der Hoffnung, eines Tages könnte sein verstorbener Vater wieder zum Leben erweckt werden. Wenn der Erdball erst einmal flächendeckend mit Sensoren bestückt und die Rechnerleistung entsprechend hoch wäre, ließen sich alle Informationen, die Kurzweil senior zu Lebzeiten hinterlassen habe, einsammeln und für die Rekonstruktion seines Geistes nutzen.

Viele Menschen hoffen, ihre verstorbenen Liebsten im Jenseits wiederzusehen. Den Glauben daran zu schüren, ist die »Geschäftsgrundlage« der Kirchen. Nicht wenige Unternehmer aus dem Silicon Valley halten die Sterblichkeit dagegen für ein technisches Problem, für das sich in naher Zukunft eine Lösung finden werde. Zu ihnen gehört Martine Rothblatt.

Die 1954 geborene Gründerin des Satellitenradionetzwerks Sirius XM hat Erfahrung mit scheinbar unmöglich zu realisierenden Ideen. Als Ärzte bei ihrer siebenjährigen Tochter eine schwer behandelbare Atemwegserkrankung diagnostizierten und meinten, das Mädchen würde nur noch drei Jahre leben, fing Rothblatt an, »Medizin und Biologie zu studieren«, berichtete die Süddeutsche Zeitung (23.8.2017). Die Unternehmerin »kaufte mit dem Geld, das sie mit Sirius verdient hatte, einem Pharmakonzern die Rechte für ein Medikament im Frühstadium ab und heuerte die besten Wissenschaftler an, um eine Therapie für ihre Tochter zu finden«.

Die Unternehmung hatte Erfolg, Rothblatt brachte ein Medikament auf den Markt, dass das Fortschreiten der Krankheit deutlich bremsen kann. Ihre Tochter sei heute 33 Jahre alt, schrieb die Süddeutsche. Und das von ihr gegründete Pharmaunternehmen United Therapeutics sei zu einem Konzern mit rund 750 Mitarbeitern herangewachsen, der 2016 einen Umsatz von 1,6 Milliarden Dollar machte und an der Börse mit 5,6 Milliarden Dollar notiert ist.

Nun geht Rothblatt, die zunächst als Mann lebte und ihr Geschlecht mit 40 Jahren anpassen ließ, ein noch ehrgeizigeres Projekt an. Sie will der Frau, mit der sie seit 35 Jahren verheiratet ist, das ewige Leben schenken. »Rothblatt will mit Hilfe von künstlicher Intelligenz eine digitale Kopie von Menschen erschaffen, die ein Bewusstsein haben soll, das Bewusstsein des Menschen soll auf die Kopie übertragen werden«, hieß es in der Süddeutschen. Der erste Schritt war der Bau einer Maschine, die einmal das Gefäß für den Geist ihrer geliebten Gattin Bina werden könnte. »Bina48 ist eine Roboterbüste, die sprechen kann. Ihr Gummigesicht sieht aus wie das von Bina Aspen Rothblatt, ihre künstliche Intelligenz hat sich stundenlange Interviews der echten Bina gemerkt, inklusive ihrer Lieblingslieder und -filme und ihrer Art zu sprechen.«

Der Softwareentwickler und Publizist Jaron Lanier hatte in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober 2014 in Frankfurt am Main darauf hingewiesen, dass in gewissen Kreisen im Silicon Valley »der laute, zuversichtliche Glaube« herrsche, »dass die Technologie sie eines Tages unsterblich machen« werde. Die erfolgreiche Therapie von Rothblatts Tochter zeigt, dass der Glaube tatsächlich Berge versetzen kann. Zumindest, wenn genug Kapital zur Verfügung steht. Das private Vermögen von Rothblatt wird auf 340 Millionen Dollar geschätzt.

Eine Diskussionsrunde mit dem Autor über die Demokratiegefährder aus dem Silicon Valley ist seit der vergangenen Nacht in der Mediathek des österreichischen Fernsehens abrufbar: zukunft.orf.at


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