Aus: Ausgabe vom 13.10.2017, Seite 10 / Feuilleton

Der Preis ist Zeiss

Von Eike Stedefeldt

Und es müssen unbedingt Zeiss-Gläser sein? Herr Z. legt das Nana-Mouskouri-Gedenkmodell zurück auf den Tisch. Ja, bestätigt Freund Gerald, die Firma Fielmann werbe mit der High-End-Marke, und außerdem, zeigt er auf meine Brille, hätten wir damit langjährige Erfahrung.

Herr Z. ist Optiker am Kottbusser Damm 32; in dem Kiez sitzt Bargeld nicht sehr locker. »Haben Sie denn schon Angebote eingeholt?« – Gewiss doch. »Und wo lagen die Preise?« Ihm wäre es andersrum lieber, sagt Gerald, also, dass er uns Fielmanns Preis für die Nahsichtbrille nennt und wir dann vergleichen. Notgedrungen beginnt der Mann im allzu ängstlichen blauen Anzug zu rechnen: 71 Euro je Glas, Entspiegelung, Fassung. »Da lägen wir bei 221,50.« Ein fragender Blick. »Gut«, willigt Gerald ein.

Sehr froh sieht Herr Z. nicht aus, zumal Gerald aufs Auftragsformular tippt: »Und woran erkenne ich, dass ich Zeiss-Gläser bestelle? Als Hersteller steht da nur eine 8.« Wir seien aber misstrauisch, dreht Herr Z. sein Tablet in unsere Richtung. »Hier, Code 8 in der Liste bedeutet Zeiss.« Vorm Feiertag werde sie leider nicht fertig, Zeiss-Gläser müsse man bestellen. »Wie bitte? Fielmann erklärt die zum Standard und dann sind die nicht vorrätig?« – Im Lager habe man Gläser von Herstellern der Zeiss-Gruppe, aber keine echten von Zeiss. Irritiert verlassen wir die Filiale, nachdem Herr Z. wunschgemäß noch meine Sehhilfe gereinigt hat.

Drei Tage später versucht Gerald das Unmögliche: vergeblich. »Wenn Sie natürlich Zeiss-Gläser bestellen«, sagt die Stimme am Telefon, »das dauert!«

Dann ist die Brille, oh Wunder, doch am 2. Oktober abholbereit. Gerald sieht nun viel schärfer, als mir zuweilen lieb ist. Nur das winzige Logo im Glas bleibt ihm verborgen. Zur Suche muss er ja auch die Brille abnehmen.

Am 10. Oktober sind wir bei Augenoptik Neumann, Gneisenau- Ecke Zossener Straße. Seit einer Woche wackelt mein Tausend-Euro-Gestell. Unter Herrn Zs. Händen hatten sich die Messing-Plaste-Nasenpads ungefragt in Silikon-Wegwerfdinger verwandelt, deretwegen Brillen rasant Grünspan ansetzen. Nun werden solide Neuteile appliziert – macht vierfünfzig. »Kann es sein, dass Ihre Brille auch leicht verzogen ist?« Mit Kennerblick hat die Kollegin erspäht, dass Herr Z. wohl keine halben Sachen macht.

»Wo wir gerade hier sind«, lässt sich Gerald vernehmen, als sie mir das gerichtete Gestell anpasst, »ich kann das Zeiss-Logo in meinen Gläsern nicht erkennen.« Sie dreht und wendet seine Brille. »Ich auch nicht. Die Entspiegelung ist jedenfalls keine aktuelle Zeiss-Norm, die würde dann violett schimmern. »Was sagt denn Ihr Garantiezertifikat?« Er habe bloß den Fielmann-Pass. »Bei Zeiss gibt es immer ein Zertifikat!« Sie wolle die Gläser genauer prüfen. Als die Frau wieder erscheint, gesteht sie, dass überhaupt kein Label vorhanden ist. Ist es beim Einpassen zufällig aus der Form gefallen oder mit Absicht? – »An sich ist es immer da in der oberen Ecke rechts«, lautet die beredte Antwort.

Gerald wiegt an die zwei Zentner, als uns eine halbe Stunde später am Kottbusser Damm 32 eine Frau K. Platz zu nehmen bittet. Herr Z. ist nicht auszumachen. Schwein gehabt!

Unter auffallender Körperbeherrschung rekapituliert Gerald, was bisher geschah. Frau K. hört geduldig zu und lässt sich dann Brille und Pass geben: »Ja, das sind R+H-Gläser. Dafür steht auch das Kürzel RH im Brillenpass.« Wäre er ein Schnellkochtopf, flöge jetzt die Pfeife vom Deckel. »Wir erfassen die Auftragsdaten hier vorn manuell, erst später wird hinten alles ins System eingegeben. Das war wohl ein Übertragungsfehler.« Gerald ist anzusehen, was er denkt.

Frau K., redlich um eine Lösung bemüht, tut mir leid. »Sie möchten mineralische Gläser anstelle von Kunststoff, aber mit den gewünschten optischen Eigenschaften bietet Zeiss sie nicht an«, erklärt sie. Diese überraschende Eröffnung kann Gerald eingedenk der Auskünfte des Herrn Z. mitnichten besänftigen. »Angesichts solchen, ich möchte nicht von Betrug sprechen, also sagen wir: Geschäftsgebarens weiß ich nicht, ob ich bei der Firma Fielmann noch Kunde werden möchte.«

Frau K. beherrscht offenkundig antiquierte bürgerliche Verkehrsformen wie das Äußern von Verständnis und Bedauern und die formvollendete Bitte um Entschuldigung. Derlei vermag Geralds Herz bedrohlich zu erweichen, und noch ehe ich einschreiten kann, hat er sich auf ihren Vorschlag eingelassen: Maßanfertigung der Gläser bei Zeiss für die gleiche Fassung, Aushändigung der neuen Brille in spätestens 14 Tagen gegen Abgabe der jetzigen zum vereinbarten Preis.

Frau K. geleitet uns zur Tür. »Sie nehmen das hoffentlich nicht als persönlichen Angriff«, lächelt Gerald sie an. Nein, nein. Und so Sie hier nicht wieder davon lesen, hat alles geklappt.

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