Aus: Ausgabe vom 13.10.2017, Seite 8 / Ansichten

Mietermekka des Tages: Prenzlauer Berg

Von Kristian Stemmler
Wohnung_zu_vermieten_54756359.jpg
Mangelware bezahlbarer Wohnraum: In begehrten Gegenden wie dem Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg bewerben sich schon mal 800 Leute um ein Quartier. Das Rennen machen auch bei günstigeren Angeboten Bestverdiener, die nur eine Zweitwohnung wollen

Rund 60 Mark für 70 Quadratmeter am Prenzlauer Berg. Das waren noch Mieten. Natürlich ist das schon eine Weile her, die Wohnungen waren damals noch nicht ganz so schick, wir reden von Ostmark, und das Berliner Altbauquartier lag in einem Staat, in dem man sich mit Immobilien keine goldene Nase verdienen konnte. In der Bundesrepublik, die sich die DDR vor 27 Jahren einverleibt hat, sind Wohnungen hauptsächlich dazu da, Konzerne zu mästen und Leuten, die sowieso schon genug haben, ein paar Euronen zusätzlich zu verschaffen. Für den daraus resultierenden alltäglichen Mietenwahnsinn gab es jetzt mal wieder ein hübsches Beispiel, das mehrere Medien zur Berichterstattung veranlasste. Im oben erwähnten Hauptstadtviertel machte sich ein Vermieter den Spaß, eine Wohnung mit 80 Quadratmetern Fläche für unter 1.000 Euro monatlich anzubieten. Das Ergebnis: Es gab 852 Bewerbungen, denn eine Unterkunft zu diesem Preis ist in diesem Stadtteil mittlerweile so etwas wie Goldstaub. Zur Besichtigung, die RBB im Bild festhielt, kamen Hunderte Interessenten.

Hausverwalter Ralf Harms sagte am Mittwoch gegenüber Stern.de, ihn habe weniger der Ansturm überrascht als die Tatsache, dass von den 852 Bewerbern 641 ein Nettoeinkommen von mehr als 6.000 Euro angegeben hatten. Darunter seien auch Personen mit über 20.000 Euro netto gewesen, die nur eine Zweitwohnung suchten. Letztere haben die besten Chancen, denn sie nutzen die Unterkunft nicht so stark ab, wie der Verwalter verriet. Zugleich zeigte er sich doch verwundert, »wie viele Leute mit so hohen Einkommen es überhaupt gibt«. Ein klarer Fall von Sozialneid, denn schließlich haben diese Herrschaften im Schweiße ihres Angesichts die Steuererklärung frisiert. Aber im Ernst: Solange Immobilien eine Profitmaschine bleiben, wird sich an der Lage nichts ändern. Helfen würde nur eins: die Wohnungen denen, die darin wohnen!


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Mehr aus: Ansichten