Aus: Ausgabe vom 14.10.2017, Seite 12 / Thema

Herbst und Frühling

Vor vierzig Jahren – das Scheitern der Roten Armee Fraktion als Alibi für eine abmarschbereite Linke

Von Georg Fülberth
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Die Reaktion des Staates auf die Anschläge und Entführungen der RAF war ein stiller Ausnahmezustand. Im Herbst 1977 erwies sich die Bundesrepublik als ein Polizeistaat – Fahndung in Nürnberg 20.10.1977

Im Deutschen Kaiserreich (1871–1918) gab es folgende, teils offizielle, teils inoffizielle nationale Gedenktage: den Sedanstag (2. September) für eine gewonnene Schlacht gegen Frankreich 1870, den Reichsgründungstag (18. Januar) und Kaisers Geburtstag (22. März Wilhelm I., 27. Januar Wilhelm II.).

Der Verfassungstag (11. August) war in der Weimarer Republik nie populär. Konservative und Reaktionäre hielten sich weiterhin an den alten Reichsgründungstag. Der 9. November stand – »Novemberverbrecher« – mehrheitlich eher für Verrat als Revolution und war kein Feiertag, aber aufgeladen.

Die Bundesrepublik legte sich – ihrer Selbstwahrnehmung als antikommunistischer Frontstaat entsprechend – zunächst den offiziellen 17. Juni und dann inoffiziell den 13. August zu. Ersterer wurde ab 1990 durch den 3. Oktober ersetzt. Am 27. Januar wird der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht – mit Fahnen auf Halbmast. Der 9. November bekam jetzt eine neue, festliche Bedeutung.

Und dann gab es den 18. Oktober 1977: die Geiselbefreiung von Mogadischu, die Todesnacht von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stammheim, die Tötung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die Rote Armee Fraktion (RAF). Hierfür wurde das pathetische Wort vom »Deutschen Herbst« gefunden, der einerseits nur alle zehn Jahre medial begangen wird, andererseits jeden Tag: Es gibt kein anderes politisches Phänomen in der Geschichte Westdeutschlands, das so ausgiebig per Geschichtsschreibung, Journalismus und Film behandelt wurde wie die RAF, die während der fast 28 Jahre ihres Bestehens (1970–1998) nur etwa 60 bis 80 Mitglieder zählte. Seriös ist Jutta Ditfurths Biographie über Ulrike Meinhof. Was ansonsten dazu bisher geschrieben, gefilmt und gesendet wurde und wird, ist mittlerweile nicht mehr interessant als Beitrag zur Tatsachengeschichte der RAF von ihrer Entstehung bis zu ihrer Selbstauflösung, wohl aber für den mentalen Zustand einer sich endgültig als Siegerin des 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts verstehenden Nation. Untersucht man dies, geht es nicht mehr um die Rote Armee Fraktion, sondern um das, was im Selbstverständnis der BRD daraus wurde und warum.

Oberflächliche Chronik

Am 2. April 1968 legten Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein aus Protest gegen den Krieg in Vietnam Brände in zwei Kaufhäusern in Frankfurt am Main. Sie wurden am 31. Oktober zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt und am 13. Juni 1969 bis zur Entscheidung über einen Revisionsantrag vorläufig freigelassen. Als dieser abgelehnt worden war, trat Söhnlein seine Strafe an, die drei anderen flüchteten nach Frankreich. Thorwald Proll, der sich 1970 der Justiz stellte und 1971 vorzeitig auf freien Fuß gesetzt wurde, hat Jahrzehnte später in einer Veranstaltung eine Interpretation der damaligen Vorgänge aus seiner Sicht gegeben: Die Teilnehmer an der linken Bewegung erlebten seit Mitte der 1960er Jahre eine Zeit sich ständig erweiternder Horizonte. Ein Hindernis nach dem anderen, scheinbar unüberwindlich, wurde aus dem Weg geräumt, bis schließlich das jeweils nächste nicht mehr ernst genommen werden musste. Nach dem Kaufhausbrand wurden Grenzen sichtbar und damit die realen Bedingungen, unter denen nur weitergekämpft werden konnte. Hierher gehörte die Macht des Staates, seinen Strafanspruch durchzusetzen.

Andreas Baader ging von Frankreich nach Westberlin, wo er im April 1970 verhaftet wurde. Während einer Ausführung in ein Institut der Freien Universität wurde er am 14. Mai gewaltsam befreit. Ein Bibliotheksangestellter ist dabei durch einen Schuss schwer verletzt worden. Ulrike Meinhof, die an der Aktion beteiligt war, ging mit Baader und den anderen Beteiligten in die Illegalität. Von diesem Moment an waren sie und die Mitglieder der von ihnen gegründeten RAF Gejagte ohne jede Chance, das Gesetz des Handelns zu bestimmen – völlig im Gegensatz zu dem von ihnen 1971 ausgerufenen »Konzept Stadtguerilla«. Dieses ging davon aus, dass akut die Alternative zwischen Faschismus und Revolution bestehe und dass eine latente revolutionäre Situation durch sie zugespitzt werden könne. 1972 waren alle führenden Mitglieder der RAF in Haft. Die Versuche, sie freizupressen, scheiterten am 18. Oktober 1977. Anders als 1975 – damals war der CDU-Politiker Peter Lorenz entführt und gegen Gefangene ausgetauscht worden – war nun klar, dass der Staat sich nicht noch einmal auf einen solchen Handel einlassen werde und dass der Druck nicht ausreichen würde, ihn dazu zu zwingen. Spätestens 1982 war auch die sogenannte zweite Generation der RAF zerschlagen. Die Anschläge der dritten bis 1993 standen in keinem auch nur im entferntesten als realistisch einzuschätzenden operativen Verhältnis zu der Möglichkeit einer Gefangenenbefreiung. Es waren politische Demonstrationsdelikte, die sich gegen Repräsentanten des politischen, vor allem aber des ökonomischen Systems der BRD richteten, einmal auch – bei der Zerstörung der noch im Bau befindlichen Justizvollzugsanstalt Weiterstadt – gegen eine Institution des staatlichen Repressionsapparats. Mit der Verhaftung von Birgit Hogefeld und der Erschießung von Wolfgang Grams 1993 endete auch diese dritte Phase. 1998 löste sich die Rote Armee Fraktion auf. Ihre letzten Gefangenen kamen erst 2011 – nach Haftzeiten von bis zu 26 Jahren – frei.

Der vorstehende kurze Abriss muss wahrscheinlich von allen überlebenden Beteiligten – auf beiden Seiten – als Beleidigung wahrgenommen werden. Alles, was ihnen wichtig war, fehlt.

Diese Reduktion ist beabsichtigt, eine Verhöhnung aber nicht. Es geht nicht um die Rote Armee Fraktion, sondern um die Funktion jenes 18. Oktober 1977 für die Entwicklung der BRD. Und auch das ist schon wieder falsch. Seine Wirkung war eher ein Indiz als eine Ursache.

Bis zu seinem Tod war Helmut Schmidt stolz auf die aus seiner Sicht drei größten Taten seines Lebens: die Bekämpfung der Flut in Hamburg 1962, den 18. Oktober 1977 und seinen Anteil an Vorbereitung und Durchsetzung des Raketenbeschlusses der NATO von 1979. Die Nachrufe sind ihm dabei gern gefolgt. In allen drei Fällen ging es um die Selbstbehauptung des Staates gegen seine Widersacher, einschließlich der Naturgewalten. Wichtiger als der Anteil des Weltkriegsoberleutnants an der Bekämpfung der RAF war der Aufbau des Repressionsapparats seit 1970. Das ist geblieben und war das Werk vieler geübter Hände auch ohne den Darsteller im Vordergrund. Der durchgreifende Sicherheitsstaat als stahlharte Hülle des Markts legitimiert sich auch heute noch vom Ausnahmefall her: gegen den – inzwischen islamistischen – Terror. Wichtiger als sein jeweiliger Einsatz ist das Signal nach innen: gegen diejenigen (selbst wenn es sie gegenwärtig kaum noch gibt), die auf die Idee kommen sollten, die bestehende Ordnung in Frage zu stellen.

Die haben das 1977 sofort begriffen. Es gab damals eine radikale Linke, die auf 1968 zurückging, sich aber inzwischen in einer zumindest latenten Krise befand. Seit 1973, spürbar wohl erst 1974, dann in der Rezession von 1975 wurden die Bremsspuren, die der weltweite Wechsel des Wirtschaftstils – vom Keynesianismus zum Marktliberalismus – hinterließ, auch für diejenigen sichtbar, die sich bis dahin dem Elan der »systemüberwindenden Reformen« hingegeben hatten. Sofort nach dem ersten Auftritt der RAF forderte die CDU – obwohl in der Sache kein Zusammenhang damit bestand – ein Vorgehen gegen die »Radikalen im öffentlichen Dienst«, und Willy Brandt antwortete, da müsse man ihn nicht zum Jagen tragen. Besorgte Mütter rieten ihren studierenden Kindern, sie sollten es doch lieber mit Umweltschutz versuchen als mit Revolution. Ab 1976 – das Jahr, in dem Wolf Biermann ausgebürgert wurde – verlor die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) einen großen Teil ihres Intellektuellenanhangs und quälte sich mit dem Eurokommunismus. Auch die maoistischen Kleingruppen stagnierten. Die »neuen sozialen Bewegungen« lockten weg vom Weg des Leninismus, der zumindest auf kurze Sicht nicht weiterführte. So traf die Katastrophe des 18. Oktober 1977 auf bereits verunsicherte Milieus. Deren nun schnell abgelieferte Absage an das, was sie als »Gewalt« bezeichneten, galt im Kern nicht dem Waffengebrauch der RAF – von dem hatten sie sich meist von Anfang an distanziert –, sondern ihrem eigenen bisherigen Verständnis von Politik und Militanz. Die nun aufsteigenden Grünen wurden zum Auffangbecken. Wer übrig blieb – der ab 1979 gespaltene »Kommunistische Bund« (KB) und die DKP – gerieten in die Isolation. Die Autonomen der 1980er Jahre waren schon kein Rest des alten Aufbruchs mehr, sondern gehörten zu einer anderen politischen Generation.

Der 18. Oktober 1977 war nicht der Grund und nicht einmal der Anlass für diese Entwicklung, selbst als Vorwand taugte er nicht so recht. Er war nur eine Durchgangsstation in einem Prozess, der ohnehin ablief. Wer nach 1973/1974 radikale Politik mit denselben Mitteln betrieb wie vorher, lief unweigerlich ins Leere. Die Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der Spaltung der fittesten kommunistischen Organisation der siebziger Jahre, des KB, 1978/79 hatten nichts mit Opportunismus auf der einen, Unbelehrbarkeit auf der anderen Seite zu tun, sondern mit der Suche nach dem richtigen Weg. Er wurde nicht gefunden, denn es gab ihn nicht.

Der Ausdruck »Deutscher Herbst« ist angelehnt an den Titel eines Films von 1978: »Deutschland im Herbst«. Dessen Regisseure wurden eher dem linken Spektrum zugerechnet, und der Herbst war ein Herbst der Linken. Sogenannte Kreative – ein Menschenschlag, der zu dieser Zeit in Mode kam – machten die RAF, während diese weiterkämpfte, hurtig zu einem Objekt der Kulturindustrie.

Dem Herbst der Linken folgte der Frühling der Mitte und der Rechten. Letzterer brach am 9. November 1989 an und hat bis heute nicht mehr aufgehört. (Vielleicht ist es aber schon Sommer.) Ein Deutschland, das den Kalten Krieg gewonnen hatte, konnte es sich nun leisten, den Zweiten Weltkrieg mit Kusshand verloren zu geben und sich als sanfte Vormacht darzustellen. Längst regierte nicht mehr der schneidige Krieger Schmidt, sondern der dicke Zivilist Helmut Kohl. Hierher gehört eine Initiative des Justizministers Klaus Kinkel auf dem Dreikönigstreffen der FDP 1992, der von »Versöhnung« redete und vorzeitige Haftentlassungen anregte, von denen einige tatsächlich stattfanden.

Bis in die Gegenwart äußern sich immer öfter Angehörige von RAF-Opfern. Sie wollen Auskunft über konkrete Tatanteile. 2008 veröffentlichte Carolin Emcke das Buch »Stumme Gewalt«. Sie ist ein Patenkind des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, der im November 1989 einem Anschlag zum Opfer gefallen war, und regte einen Austausch von Begnadigung und Offenlegung an: Wenn RAF-Mitglieder Auskunft über die nicht geklärten Einzelheiten von Anschlägen gäben, solle im Gegenzug Straffreiheit auch für bis dahin unbekannte Täterinnen und Täter gewährt werden – ein Beitrag zum inzwischen hegemonial gewordenen zivilgesellschaftlichen Herrschaftsverständnis. Die RAF war aber gar nicht, wie Emcke schrieb, stumm. Was man immer von ihren öffentlichen Erklärungen halten mag: Diese waren alles, was sie zu sagen hatte.

Gegenkurs I

In einem Konkret-Gespräch 1992 äußerten sich die RAF-Gefangenen Karl-Heinz Dellwo, Knut Folkerts und Lutz Taufer nach der Kinkel-Initiative dahingehend, dass ihr Kampf eine teilweise Entwicklung der BRD zum Besseren eingeleitet habe. Hermann L. Gremliza und Thomas Ebermann widersprachen. Es handelte sich implizit auch um eine Diskussion über die Revolte von 1968. Manchmal stellen sich ehemalige Mitglieder der RAF in deren Kontinuität. Leute, die ihren individuellen Weg nach oben damals begannen, werden ihnen das nicht gönnen, denn sie meinen, gezeigt zu haben, dass es doch auch anders ging. Ebermann und Gremliza bewerteten den Wandel seit 1968 nicht positiv, und sie befinden sich da in guter Gesellschaft. In seinem Buch »Das Zeitalter der Extreme« hat Eric Hobsbawm 1994 einleuchtend darauf hingewiesen, dass die sich anarchistisch gebende Entfesselungskunst der 68er und der Marktradikalismus große Schnittflächen haben, und fünf Jahre später sind Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrer Untersuchung »Der neue Geist des Kapitalismus« dann auch schon darauf gekommen.

In einem Fernsehinterview 2001 erklärte das ehemalige RAF-Mitglied Christian Klar, er habe am weltweiten Kampf gegen den Imperialismus teilgenommen. Jener war in der Form, wie er ihn damals geführt hatte, inzwischen verloren. Zwischen 1945 und 1989 waren Imperialismus und Antiimperialismus eingespannt in den Ost-West-Konflikt. Von daher ist es zu erklären, dass die RAF bereit war, mit palästinensischen Organisationen zu kooperieren und dass ihre Aussteigerinnen und Aussteiger in der DDR Aufnahme fanden. Mit dem Untergang des Staatssozialismus kehrte der Imperialismus in die Form zurück, die er bis 1941 (bis zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion) hatte: den Kampf kapitalistischer Staaten gegeneinander und als deren durch keine Gegenmacht mehr gehemmte Herrschaft über den Süden. Das bedeutete auch das Ende des Antiimperialismus der vorangegangenen nahezu fünf Jahrzehnte. Von dem einen Zustand führt kein ungebrochener Weg in den anderen. Christian Klar weigerte sich zu Recht, die vergangene Phase als Kriminalfall zu verhandeln. Wer aber den früheren Kampf verlor, findet mit derselben Orientierung keinen Platz in der siegreichen Ordnung.

Die Mittel, mit denen die RAF ihren Teil des Kampfes gegen den Imperialismus führte, waren von vornherein wenig erfolgversprechend. Für die stärkste antiimperialistische Formation, den Staatssozialismus, gilt das ebenfalls. Dies allerdings zeigte sich wohl erst im nachhinein.

Gegenkurs II

Günter Gaus, der 2001 das Interview mit Christian Klar führte, war von 1974 bis 1981 Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, nahm dort also qua Amt und mit Loyalität die Interessen des kapitalistischen deutschen Staates wahr. Nach der Öffnung der ungarischen Grenze im September 1989 veröffentlichte er im Spiegel eine Zeitdiagnose. Die klang nicht froh. Gaus skizzierte dort unter anderem auch die neue kapitalistische Weltordnung, die sich nach der Niederlage des Sozialismus einzustellen begann. Er beurteilte diesen immer fair, wohl nicht, weil er ihn gut gefunden hätte, sondern vielleicht eher nach einer Maxime von Karl Kraus. 1920 hatte dieser den Verteidigern der alten, durch die Oktoberrevolution herausgeforderten Herrschaft so geantwortet: »Der Kommunismus als Realität ist nur das Widerspiel ihrer eigenen lebensschänderischen Ideologie, immerhin von Gnaden eines reineren ideellen Ursprungs, ein vertracktes Gegenmittel zum reineren ideellen Zweck – der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte ihn uns als konstante Drohung über den Häuptern jener, so da Güter besitzen und alle andern zu deren Bewahrung und mit dem Trost, dass das Leben der Güter höchstes nicht sei, an die Fronten des Hungers und der vaterländischen Ehre treiben möchten. Gott erhalte ihn uns, damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr ein und aus weiß vor Frechheit, nicht noch frecher werde, damit die Gesellschaft der ausschließlich Genussberechtigten, die da glaubt, dass die ihr botmäßige Menschheit genug der Liebe habe, wenn sie von ihnen die Syphilis bekommt, wenigstens doch auch mit einem Alpdruck zu Bette gehe!«1

Wenn das aber so ist, wenn also der Kommunismus so unentbehrlich ist, und sei es als Mittel einer Prügelpädagogik, sollte auch sein Untergang bedauert und gefragt werden, warum es so weit mit ihm kommen konnte.

Eine herzlose und oberflächliche Chronik wie der oben gegebene Abriss zur Geschichte der RAF würde den Punkt zu finden versuchen, ab dem die Sache verloren war.

Die Oktoberrevolution – noch so ein Jubiläum! – war nach Auffassung ihrer Akteure nur ein Vorgefecht gewesen. Ihr Erfolg war von der von ihnen erwarteten Umwälzung im Westen abhängig. Als diese ausblieb, gerieten die Bolschewiki – wenngleich in unendlich größerem Maß – in eine ähnliche Situation wie Ulrike Meinhof, als sie 1970 aus einem Fenster im Erdgeschoss eines Hauses in Dahlem sprang.

Über die Ursachen des deutschen Desasters von 1918/1919 gehen die Meinungen auseinander. Für Rosa Luxemburg war der Kapitalismus laut ihrer Imperialismusanalyse reif für die Revolution, die dann aber von der deutschen Sozialdemokratie verraten worden sei. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Sebastian Haffner.2

Allerdings vergingen sich Ebert, Noske und Scheidemann seiner Meinung nach weniger am Sozialismus als an der Demokratie. Eduard Bernstein gab Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die Schuld an sinnlosem Blutvergießen.3 Sie hätten nicht verstanden, dass der Kapitalismus in einem industriell hochentwickelten Land nicht gewaltsam gestürzt, sondern allenfalls sozialstaatlich, gewerkschaftlich, arbeitsrechtlich und genossenschaftlich durchdrungen werden könne.

Spätestens mit dem Ausfallen des »Deutschen Oktober« 1923 wurde eine Sackgasse sichtbar. Stalins Proklamation der Errichtung des Sozialismus in einem Land, der Sowjetunion, war eine Konsequenz, und damit begann eine Überforderung mit all ihren moralischen Konsequenzen, einschließlich der Verbrechen. Wenn wir – wie etwas lächerliche Generäle einer geschlagenen Truppe, die ihren Krieg doch noch gewinnen wollen – nach späteren Momenten suchen, in denen das Schlimmste hätte vermieden werden können, hilft das alles nichts: Am Ende kommt 1989 und damit die Niederlage auch der antiimperialistischen Bewegung in ihrer bisherigen Art und Weise.

Über solche Dinge sollte man sich schon Gedanken machen, bevor man sich zur RAF äußert. So leichthin wie in einer aus großer Entfernung, wenngleich wohl sogar solidarisch gemeinten, hingesprochenen Bemerkung von Peter Hacks geht es wohl doch nicht.4

Jetzt

Der Roten Armee Fraktion werden 33 oder 34 Tötungen in den 28 Jahren ihres Bestehens vorgeworfen. In ihrer Auflösungserklärung von 1998 nennt sie 26 ihrer Mitglieder und Sympathisanten, die ums Leben kamen. Vier Unbeteiligte fielen Polizeikugeln zum Opfer. Zwischen 1945 (also nicht erst seit 1961) und 1989 starben an den Grenzen zwischen den beiden deutschen Staaten bzw. an der Berliner Mauer 872 Menschen, unter ihnen 27 Angehörige der DDR-Truppen.5 Allein im Jahr 2016 sind etwa 5.000 Flüchtende im Mittelmeer ertrunken.6

Was die letztgenannte Zahl betrifft – sie wird von einigen für viel zu niedrig gehalten –, so kann es zur Ahndung keinen Stammheim- und keinen Mauerschützen-Prozess geben. Einzeltäter lassen sich nicht namhaft machen. Man könnte aber von einer imperialististischen Ursache sprechen: Die kapitalistischen Metropolen konkurrieren den Süden nieder und überschwemmen ihn mit Waren, Kapital und Waffen. Staaten brechen zusammen, in ihren Ruinen toben Bürgerkriege und anderes Elend. Menschen flüchten von dort und verlieren ihr Leben.

Offensichtlich ist die Welt seit dem 18. Oktober 1977 nicht wohnlicher geworden.

Lässt sich das ändern?

Wer keine Antwort hat, wird über frühere Versuche, etwas zu unternehmen, vielleicht etwas vorsichtiger urteilen, als es mehrheitlich üblich ist. Spricht jemand von verbrecherischem Wahnsinn – wie nennen wir den angeblich nicht verbrecherischen?

Anmerkungen:

1 Antwort an Rosa Luxemburg von einer Unsentimentalen. In: Die Fackel (1920) Nr. 554/556, S. 8.

2 Sebastian Haffner: Die verratene Revolution – Deutschland 1918/19, Hamburg 1969

3 Eduard Bernstein: Die deutsche Revolution. Geschichte der Entstehung und ersten Arbeitsperiode der deutschen Republik, Bonn 1998

4 »Terroristen. Netschajewistische Genossen, die unbeschreiblichen, aber ganz überflüssigen Ärger anrichten und erleiden. Parteien: RAF, Bewegung 2. September«. Peter Hacks: Die Namen der Linken. In: ders.: Werke, Bd. 13, Berlin 2003, S. 539. Gemeint ist wahrscheinlich die Bewegung 2. Juni. Sergej Gennadijewitsch Netschajew (1847–1882), russischer Revolutionär, zeitweiliger Anhänger Michail Bakunins.

5 https://de.wikipedia.org/wiki/Innerdeutsche_Grenze#Grenztote

6 Zahl der ertrunkenen Migranten auf Rekordstand, Spiegel online, 23.12.2016, http://t1p.de/8zq3

Georg Fülberth schrieb an dieser Stelle zuletzt am 2.12.2016 über die erste große Koalition in der Bundesrepublik.


Debatte

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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Globale Revolte Aufstieg und Fall der 68er

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