Aus: Ausgabe vom 13.10.2017, Seite 10 / Feuilleton

Und wenn man gerade beim Bösen ist

Der südkoreanische Horrorfilm »The Wailing« stellt Fragen und weicht ihnen dann aus

Von Kai Köhler
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Keine heldischen Eigenschaften: Dorfpolizist mit Tochter

Dämonen sind auch im südkoreanischen Horrorthriller »The Wailing« keine erfreulichen Zeitgenossen. Spannung gewinnt der Film durch die Frage, auf was für einen Dämon eine Serie grausamer Morde im Städtchen Gokseong zurückgeht. Immerhin ist ziemlich schnell klar, dass die blutbefleckten Täter, die apathisch inmitten des von ihnen angerichteten Grauens hocken, keine Verantwortung tragen. Sind sie – wie die Rationalisten meinen – unter dem Einfluss halluzinogener Pilze durchgedreht? Oder steckt ein Fremder dahinter, ein geheimnisvoller alter Japaner, der in eine nahegelegene Berghütte eingezogen ist? In Betracht kommen auch ein geheimnisvolles Mädchen und ein Schamane, der eigentlich engagiert wurde, um das Böse zu bekämpfen. Und wenn man gerade beim Bösen ist: Ist das nicht der Fremdenhass der Dorfgemeinschaft? Zeigt nicht der Mob, der spät im Film in die Berge fährt, um den Fremden zu lynchen, genau jene Brutalität, die er zu bekämpfen vorgibt?

In solchen Ungewissheiten liegt die Qualität des Films. Regisseur Na Hong Jin spart zwar nicht mit Kunstblut, doch, gemessen am Stand des Genres, sind Ekeleffekte eher sparsam eingesetzt. Auch konventionalisierte Spannungstechniken à la »Hinter welcher Ecke wartet denn das schleimige Monster?« kommen kaum zum Einsatz. Vielmehr setzt Na auf die Rätselhaftigkeit des Geschehens und die präzise Erzeugung von Stimmungen. Mit Licht und Wetter, Tages- und Jahreszeiten unterstützt er gut zweieinhalb Stunden lang die Ambivalenz seiner Geschichte.

Dazu kommt eine Dramaturgie, wie man sie in koreanischen Filmen des öfteren findet: Anfänglich wecken komödiantische Momente Sympathien für die Figuren, die dann in größte Katastrophen geschickt werden. Hier ist es der etwas trottelige Dorfpolizist Jong Gu, der mit keiner heldischen Eigenschaft ausgestattet ist und sich doch bewähren muss. Überflüssig zu erwähnen, dass gerade seine Familie zum Schlachtfeld dämonischer Einflüsse wird.

In seinen letzten zehn Minuten freilich enttäuscht der Film durch eine Auflösung, die kaum eine ist. Die gesellschaftlichen Konflikte geraten in einem mythischen Durcheinander aus schamanistischen und christlichen Versatzstücken völlig in Vergessenheit. Die letzte Steigerung ist nur äußerlich und bringt, was brillant angelegt war, eher schlecht als recht zu einem undeutlichen Ende. Der in Südkorea mit fast sieben Millionen Kinobesuchern sehr erfolgreiche Film geht weit über die genreübliche Schlächterei hinaus, ist von hohem Schauwert und lässt den Zuschauer doch unzufrieden zurück.

»The Wailing«, Regie: Na Hong Jin, Südkorea 2016, 156 min, gestern angelaufen

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