Aus: Ausgabe vom 14.10.2017, Seite 7 / Ausland

Vormarsch gegen Kurden

Türkische Truppen rücken in syrische Provinz Idlib ein, um Militärbasis zu errichten

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Ein türkischer Militärkonvoi hat in der Nacht zu Freitag die Grenze im Nordwesten Syriens überquert und ist rund 15 Kilometer weit in Richtung Aleppo vorgerückt. Türkische Medien berichteten, dass dem Konvoi 30 gepanzerte Fahrzeuge, Transporter und Panzer sowie mehr als 100 Soldaten, Spezial- und Kommandokräfte angehörten. Die Operation wurde von Aufklärungsdrohnen der türkischen Armee begleitet.

Ziel des Vormarsches war zunächst Dara Isa in der Provinz Aleppo, rund 30 Kilometer westlich von der gleichnamigen Provinzhauptstadt entfernt. Die türkische Armee bestätigte den Vormarsch, der mit Moskau und Teheran abgestimmt sei. Die Türkei, Russland und der Iran sind die Garantiemächte für die Deeskalationsgebiete in Syrien, die bei Gesprächen in der kasachischen Hauptstadt Astana vereinbart worden waren. Der Vormarsch diene der Einrichtung eines Deeskalationsgebietes in der Provinz Idlib.

Anfang der Woche hatte ein Vorauskommando der türkischen Armee nach eigenen Angaben Dara Isa erkundet und als Stützpunkt markiert. Koordiniert worden war die Operation mit der islamistischen Al-Nusra-Front, die das »Bündnis zur Eroberung von Syrien« (Haia Tahrir Al-Scham) anführt. Die Gruppe ist international vom UN-Sicherheitsrat als »Terrororganisation« gelistet und lehnt die Deeskalationsgebiete ab.

Beobachter vermuten, dass das türkische Militär tatsächlich die nahe Dara Isa gelegene Radarbasis der syrischen Armee auf dem Berg Scheich Barakat besetzen will. Die Regierungstruppen waren von der »Freien Syrischen Armee« 2012 von der Radarbasis vertrieben worden, danach übernahmen verschiedene islamistische Gruppen dort die Kontrolle. Aktuell soll die Basis von Ahrar Al-Scham besetzt sein.

Von Dara Isa und mehr noch vom Berg Barakat aus kann das Gebiet bis Aleppo und im Norden bis Afrin kontrolliert werden. Letztere Stadt wird aktuell von der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) mit den Volksverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) kontrolliert. Beobachter vermuten, dass die Präsenz des türkischen Militärs weniger der Sicherung eines Deeskalationsgebietes als vielmehr der Einkreisung der kurdischen Kräfte in Afrin gilt. Die PYD wird seit 2014 von den USA und Verbündeten der »Anti-IS-Koalition« mit Waffen ausgerüstet und trainiert. Die Türkei sieht in der PYD eine »nationale Bedrohung« und hat die US-Kooperation mit der PYD wiederholt scharf kritisiert.

Vor wenigen Tagen ging der türkische Verteidigungsminister Nurettin Canikli bei einem Treffen der EU-Verteidigungsminister in Georgien darauf ein, dass die USA die Kurden nur für den »Anti-IS-Kampf« aufgerüstet hätten. Die Waffen reichten für bis zu 50.000 Kämpfer, man wisse, »dass das Ziel dieser Terrorgruppen die Türkei ist. Wenn der IS besiegt ist, werden sich diese Waffen gegen die Türkei richten.« Der Anti-IS-Beauftragte des US-Präsidenten, Brett McGurk, hatte kürzlich erklärt, die »Partner« der US-geführten »Allianz gegen den Islamischen Staat« in Syrien verfügten über bis zu 40.000 Kämpfer, und dabei die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) sowie die YPG genannt.

Die Türkei hat – wie die US-Armee – völkerrechtswidrig Militärbasen in der syrischen Provinz Aleppo errichtet. Eine Basis befindet sich bei Dabik, eine zweite nördlich von Manbidsch. In der Grenzstadt Dscharabulus hat Ankara Polizeikräfte stationiert, die auf die Türkei vereidigt worden sind.

Der syrische Außenminister Walid Muallem bezeichnete jede Stationierung von türkischen Einheiten in Syrien als »illegal«. Ein solches Vorgehen widerspreche der Vereinbarung von Astana, sagte Muallem am Donnerstag nach einem Treffen mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow in Sotschi am Rande des syrisch-russischen Wirtschaftsrates. Die Türkei müsse in Idlib zeigen, wie sie »mit ihren Instrumenten« dort umgehe, sagte er bezüglich der Kampfverbände, die von Ankara seit 2011 bewaffnet und unterstützt wurden. »Jedes Vorgehen, das nicht mit der syrischen Regierung koordiniert ist, ist ein Akt der Aggression, den wir nicht anerkennen.«

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