Aus: Ausgabe vom 14.10.2017, Seite 1 / Titel

Kartell des Vertuschens

Verbrannt im Polizeirevier: Staatsanwaltschaft Halle stellt Morduntersuchung im Fall Oury Jalloh ein, weil nichts zu ­ermitteln sei. Initiative will nach Strasbourg ziehen

Von Susan Bonath
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Für ein Verbrechen spricht im Fall Oury Jalloh fast alles. Eine Bürgerinitiative fordert seit zwölf Jahren vergeblich entsprechende Ermittlungen

»Warum verschweigen sie alle Beweise?« fragte Mouctar Bah am Freitag im Gespräch mit junge Welt. Am Donnerstag abend hatte der Gründer der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh erfahren, dass die Staatsanwaltschaft Halle die Mordermittlungen zum Feuertod des Sierra Leoners eingestellt hat.

Mitte August war bekanntgeworden, dass Sachsen-Anhalts Generalstaatsanwalt Jürgen Konrad das Verfahren im Juni aus Dessau abgezogen hatte. Die Staatsanwaltschaft Halle übernahm. Die »ausführliche Begründung« für die Einstellung habe sie bereits am 30. August zu den Akten gegeben, teilte Oberstaatsanwältin Heike Geyer den Anwältinnen der Opferfamilie am Donnerstag nachmittag per Fax mit. Das heißt: In weniger als drei Monaten will sie Tausende Seiten Akten aus fast 13 Jahren geprüft und »in der Gesamtschau keine hinreichenden Gründe gesehen« haben, »weitere Ermittlungen zu veranlassen«. »Dass sie das so schnell durchziehen, ist unglaublich dreist«, findet Bah.

Oury Jalloh verbrannte am 7. Januar 2005 im Polizeirevier Dessau innerhalb von 20 Minuten bis zur Unkenntlichkeit. Er war an Händen und Füßen auf einer feuerfest umhüllten Matratze gefesselt. Wie das Feuer in der gefliesten Zelle so wüten konnte, ist ungeklärt. Der Frage nach dem Täter gingen seither weder die zwei mit dem Fall befassten Gerichte noch die Staatsanwaltschaft Dessau nach.

Gegen die von den Behörden noch immer verfochtene Selbstmordversion spricht vieles: Ein von der Polizei präsentiertes, verschmortes Feuerzeug war nicht am Tatort gefunden worden. Spuren aus der Zelle haften ihm nicht an. Experten kamen zu der Einschätzung, dass der Grad der Verbrennungen ohne Brandbeschleuniger nicht erklärbar ist. Fehlende Stresshormone und kein Kohlenmonoxid im Körper des Toten belegen laut Medizinern, dass Jalloh vor dem Ausbruch des Feuers tot oder zumindest bewusstlos war. Hinzu kommen massenhaft verschwundene Beweismittel, darunter der größte Teil des Tatortvideos.

Die Initiative wirft den sachsen-anhaltischen Behörden gezielte Vertuschung eines Mordes vor. Rund 100.000 Euro brachte sie auf, um Experten mit Gegengutachten zu beauftragen. Damit setzte sie den Dessauer Staatsanwalt Olaf Braun so unter Druck, dass er im August 2016 die Presse zu einem Brandversuch ins sächsische Dippoldiswalde einlud. Externe Sachverständige kritisierten die Versuchsanordnung später als »realitätsfern« und »absichtlich brandbeschleunigend«. Die Ergebnisse hielt die Justiz gegenüber der Presse und den Anwältinnen unter Verschluss. Nun heißt es, die Einschätzungen der beteiligten Gutachter seien »nicht durchweg einheitlich«. Eine Tat durch Dritte sei nicht nachweisbar, weitere Ermittlungen »nicht erfolgversprechend«, so Oberstaatsanwältin Geyer.

Thomas Ndindah von der Oury-Jalloh-Initiative sieht ein taktisches Vorgehen: »Man übergibt das Verfahren einer angeblich unabhängigen Behörde, damit sie es dann einstellt.« Die Aktivisten werden gleichwohl ihren Plan weiterverfolgen, eine unabhängige internationale Expertengruppe ins Leben zu rufen.

Rechtsanwältin Gabriele Heinecke, die die Familie von Oury Jalloh vertritt, kündigte in einer Erklärung an, gegen die Verfahrenseinstellung Beschwerde einzulegen. Man werde der Staatsanwaltschaft erneut aufgeben, »welche weiteren Ermittlungsschritte zwingend zu unternehmen sind«.

Mehr Informationen: initiativeouryjalloh.wordpress.com

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Verdacht auf Mord Wurde Oury Jalloh das Opfer eines Verbrechens?

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