Aus: Ausgabe vom 16.10.2017, Seite 5 / Inland

Unzureichende Hilfe

Jobcenter zieht bei Air Berlin ein, Lufthansa ignoriert Mitbestimmungsrechte. Airline mit ehemals staatlicher Beteiligung wurde dem Markt überlassen

Von Claudia Wrobel
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Bei Air Berlin ist die Luft raus

Wenn die Arbeitsagentur Quartier in einer insolventen Firma bezieht, ist das sicherlich als Service gemeint. Aber für die Beschäftigten wirkt dieser Schritt auch extrem ernüchternd: Das war es jetzt also; Geld gibt es bald vom »Amt«. Ab dem heutigen Montag können sich die etwa 8.000 Angestellten der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin dort arbeitssuchend melden, wo sie momentan noch beschäftigt sind. Nach Angaben der Deutschen Presseagentur habe die Personalchefin Martina Niemann intern mitgeteilt, dass die Bundesagentur für Arbeit ein Büro in der Zentrale der Airline eröffnet. Außerdem sei für Donnerstag eine Jobmesse bei der Fluggesellschaft geplant in Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat. Dort sollen sich unter anderem die Bürgerämter, Polizei und Feuerwehr sowie das Landesflüchtlingsamt als potentielle neue Dienstherren präsentieren.

Soviel Einsatz staatlicher Institutionen und der Politik würden sich die Beschäftigten von Air Berlin sicherlich eher dabei wünschen, nach dem teilweisen Betriebsübergang zur Lufthansa weiterhin ihre Stellen behalten zu können. Denn die größte deutsche Fluggesellschaft bestreitet, dass es sich bei dem Kauf von Teilen des Konkurrenten um eben jenen Betriebsübergang handelt und möchte so noch nicht mal all jene Angestellten weiterbeschäftigen, deren Arbeitskraft der Konzern dringend benötigt. Bei einem Betriebsübergang muss die Belegschaft übernommen werden, festgelegte tarifliche Regelungen sind auch für den neuen Eigentümer verbindlich.

Bis Mitte der 1990er Jahre hielt der Bund noch mehr als die Hälfte der Aktien der Lufthansa, mit entsprechendem politischen Einfluss. Dieser Anteil wurde nach und nach veräußert. Mittlerweile befindet sich die Aktie zu 100 Prozent im Streubesitz. Größter Einzelaktionär war am 30. Juni die Blackrock Inc. mit 3,3 Prozent, wie der Konzern im Jahreszwischenbericht im Juli veröffentlichte.

Der Dax-Konzern hat zwar angekündigt, dass auch nach dem Verkauf die rund 3.000 Arbeitsplätze der Unternehmensteile erhalten werden sollen. Allerdings soll rund die Hälfte der Jobs neu ausgeschrieben werden. Und das bei der Lufthansa-Billigtochter Eurowings mit Sitz in Österreich. Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi befürchtet, dass dies genutzt werden soll, um allgemein Löhne zu drücken und Mitarbeiter, die wegen Berufserfahrung einen Anspruch auf eine höhere Bezahlung haben – im Sinne des Unternehmens zu teuer sind – loszuwerden. Christine Behle, zuständiges Verdi-Bundesvorstandsmitglied, nannte die Praxis, die Stellen neu auszuschreiben, bereits am Donnerstag »ungewöhnlich und auch rechtlich umstritten«. »Wir kritisieren scharf, dass die Lufthansa auf Profitsteigerungen und Unternehmenserweiterungen aus ist, sich aber der Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern entziehen will.«

Die Gewerkschaft versucht nun, den Beschäftigten pragmatisch zu helfen und fordert Lufthansa auf, zumindest über einen Tarifvertrag für den Wechsel zu verhandeln. »Wir kritisieren dieses Verhalten der Lufthansa als geradezu zynisch. Es ist bislang nicht geregelt, dass diejenigen Beschäftigten, die bereits seit längerem für die Lufthansa tätig sind, bevorzugt eingestellt werden«, so Behle. Seit Anfang des Jahres hatte die Kranichlinie Dutzende Maschinen des Wettbewerbers inklusive Besatzung geleast.

Verdi hat die Air-Berlin-Beschäftigten am heutigen Montag zu einer aktiven Mittagspause aufgerufen, »um den Forderungen nach größtmöglicher Unterstützung durch den Arbeitgeber in der Zeit der Insolvenz Nachdruck zu verleihen«. Dieser sei in der Pflicht, gemeinsam mit dem Insolvenzverwalter, dem Gläubigerauschuss und Investoren, »Perspektiven für die Zukunft der Mitarbeiter zu schaffen«. Dazu gehört für die Gewerkschaft unter anderem die Gründung einer Transfergesellschaft.

Für die Unternehmensteile, die die Lufthansa nicht übernommen hat, ist noch immer keine Lösung gefunden. Air Berlin verhandelt weiter unter anderem mit der Fluggesellschaft Easyjet über den Verkauf mehrerer Maschinen. Nach Angaben der Deutschen Presseagentur vom Sonnabend hat der britische Konzern Interesse an 25 Maschinen.

Eine ungewöhnliche Belastung bedeutet die Air-Berlin-Insolvenz übrigens für die Anwohner des Flughafens Tegel. Die Lufthansa hat angekündigt, ab November erstmals seit 2010 wieder eine innerdeutsche Flugverbindung mit einer Boeing 747- 400 anbieten zu wollen. Dies sei nötig, da die Zahl der Buchungen für diese Strecke zunehme. Die Boeing 747 ist aber mit 85,9 Dezibel deutlich lauter als die kleineren Passagierflieger, die der Konzern bisher auf der Strecke einsetzt.

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