Aus: Ausgabe vom 16.10.2017, Seite 1 / Titel

Terroristen auf der Flucht

Syrische Armee nimmt Stadt Al-Majadin ein und rückt im Osten des Landes vor. Auch Rakka vor dem Fall. Türkei besetzt Idlib

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Im Osten Syriens rückt die syrische Armee vor, in Rakka (Foto) stehen die SDK und YPG/YPJ kurz vor dem Sieg

In Syrien haben die Truppen der Armee und ihrer Verbündeten am Wochenende die Stadt Al-Majadin im Osten des Landes eingenommen. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte am Samstag den Einmarsch der Armee in die Stadt, die rund 420 km östlich von Damaskus in der Provinz Deir Al-Sor am Euphrat liegt. Seit 2012 war Al-Majadin von bewaffneten Gruppen kontrolliert worden, die sich 2014 der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) unterstellten. Unter Militärs galt sie als »militärische Hauptstadt« des IS.

Dem Einmarsch waren in den letzten Tagen heftige Kämpfe vorausgegangen, in deren Verlauf die russische Luftwaffe schwere Angriffe auf die Waffen- und Ausbildungslager in und um Al-Majadin flog. Unmittelbar nach der Einnahme begannen Minenräumkommandos ihre Arbeit.

Etwa 45 Kilometer nördlich der befreiten Ortschaft liegt die Provinzhauptstadt Deir Al-Sor, die von der syrischen Armee und ihren Verbündeten bereits Anfang September zurückerobert worden war. Inzwischen haben die Truppen mit Hilfe einer von russischen Soldaten errichteten Pontonbrücke den Euphrat überquert und durchkämmen östlich des Flusses Dorf für Dorf nach verbliebenen Dschihadisten.

Von Norden her kommen ihnen Kämpfer der »Syrischen Demokratischen Kräfte« (SDK) sowie der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG/YPJ entgegen. Sie übergeben Gebiete wie das Gasfeld von Konoko nach der Einnahme nicht an die syrische Armee bzw. die Regierung, sondern bauen dort eigene politische Strukturen auf. Diese werden ebenso wie die SDK und auch die YPG/YPJ von der US-Armee mit Luftangriffen unterstützt. Eine Kooperation mit den staatlichen Behörden ist nicht vorgesehen.

Der Auftrag der syrischen Armee, die bei ihrem Vormarsch von russischen Spezialkräften unterstützt wird, ist die Sicherung der Grenze zum Irak und auch der Öl- und Gasressourcen. Die dadurch entstehenden Spannungen zwischen Russland und den USA hatten Ende September zu einem direkten Treffen hochrangiger Militärs beider Seiten »irgendwo in der Region« geführt, wie ein US-Armeesprecher bestätigte.

In Rakka meldeten derweil die SDK und die YPG/YPJ, dass die vollständige Einnahme der Stadt kurz bevorstehe. Mit IS-Kämpfern soll eine Vereinbarung über deren Abzug getroffen worden sein. Eine Gruppe von rund 150 Dschihadisten kämpft den Berichten zufolge allerdings weiter. Angeblich sollen sich unter ihnen auch sechs Franzosen befinden, denen die Beteiligung an Anschlägen in Paris vorgeworfen wird.

Türkische Truppen setzen derweil ihren Vormarsch in die syrische Provinz Idlib fort. Offiziell wird der Einsatz mit dem Astana-Abkommen über ein Deeskalationsgebiet in Idlib begründet. Die Türkei gehört mit Russland und dem Iran zu den drei Garantiemächten des im Mai unterzeichneten Vertrages. Der türkische Präsident Erdogan erklärte jedoch, Ankara habe einen »eigenen Plan« für Idlib, man werde die Zivilisten »vor den Angriffen des syrischen Regimes« schützen.

Das Außenministerium in Damaskus reagierte am Sonntag mit scharfer Kritik und verurteilte den türkischen Einmarsch. Es handele sich um »einen klaren Angriff auf die Souveränität und territoriale Unversehrtheit des Landes« und damit eine Verletzung des Völkerrechts. Die Invasion habe nichts mit den Vereinbarungen in Astana zu tun, zumal die Truppen Ankaras mit der Terrororganisation Nusra-Front kooperierten. Die türkische Armee müsse sich sofort und bedingungslos zurückziehen, verlangte Damaskus.

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