Aus: Ausgabe vom 10.10.2017, Seite 12 / Thema

Kinderbücher zum Überleben

Zum Gedenken an die Zeichnerin und Graphikerin Lea Grundig anlässlich ihres 40. Todestages. Ein Blick auf die Arbeit im Exil in Palästina

Von Maria Heiner
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Königstomate und kleinste Tomate, 1945, Illustration aus »Die Schönheit der Welt, was ist sie?« von Anatol Stern, Federzeichnung, Original verschollen

Lea Grundig (1906–1977) war Künstlerin und Kommunistin, ein Leben lang. Im Alter von 20 Jahren wurde sie Mitglied der KPD und Mitbegründerin der Dresdner Sektion der Künstlergruppe Asso. Als Jüdin und Kommunistin von den Nazis verfemt, verfolgt und verhaftet, konnte sie 1940 zunächst in die Slowakei emigrieren, Ende desselben Jahres gelang ihr die Flucht nach Palästina. Nach etwa vier Monaten Aufenthalt in Prag im Winter 1948/49 kehrte sie in ihre Geburtsstadt Dresden zurück, wo sie wenig später eine Professur an der dortigen Kunsthochschule antrat. 1961 wurde sie ordentliches Mitglied der Akademie der Künste der DDR, ab 1964 war sie Mitglied des Zentralkomitees der SED. Der sozialistische deutsche Staat ehrte sie mit zahlreichen hohen Auszeichnungen, die Städte Berlin und Dresden widmeten ihr 1975 und 1976 große Personalausstellungen.

Nach der »Wende« galt Lea Grundig als Repräsentantin der »SED-Diktatur«. Die Universität Greifswald, die ihr 1972 die Ehrendoktorwürde verliehen hatte, entschied, den von ihr gestifteten Kunstpreis nach 1989 nicht mehr zu vergeben. Die jW-Autorin Cristina Fischer schrieb vor nicht ganz einem Jahr in dieser Zeitung, dass »Grundig in den vergangenen Jahren – auch in den USA und Israel – als jüdische Künstlerin wiederentdeckt« worden sei und ihr »politisches Bekenntnis weniger Anstoß erregt oder gar nicht interessiert. Das könnte die Art der Betrachtung sein, die sich in Zukunft durchsetzt.«

Maria Heiner würdigt an dieser Stelle Lea Grundig, indem sie an die wenig bekannte Schaffensphase der Malerin und Graphikerin während ihres Aufenthalts in Palästina erinnert. (jW)

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Lea Grundig, geboren am 23. März 1906 in Dresden, gestorben am 10. Oktober 1977 während einer Mittelmeerreise

Lea Grundig wurde als dritte Tochter des jüdischen Kaufmanns Moses Langer am 23. März 1906 in Dresden geboren. Schwer und wechselvoll war ihr Lebensweg. Sie wurde 71 Jahre alt und verstarb am 10. Oktober 1977 während einer Mittelmeerreise. Begraben ist sie neben ihrem Ehemann, dem Maler Hans Grundig, im Kleinen Ehrenhain der Widerstandskämpfer gegen den Faschismus auf dem Dresdner Heidefriedhof.

In Lea Grundigs gesamtem zeichnerischen Schaffen nehmen Illustrationen einen bedeutenden Platz ein. Knapp ein Viertel ihrer Handzeichnungen sind Illustrationen, von ca. 3.500 sind es etwa 900. In der kunstwissenschaftlichen Forschung wird dieser Teil ihres Schaffens stark unterschätzt, obwohl sie in ihren Illustrationen der Märchen der Brüder Grimm in den 1950er Jahren eine große Meisterschaft erreichte.

Auf die Kinderbuchillustrationen, die während ihres Exils in Palästina in den vierziger Jahren entstanden sind, möchte ich hier eingehen. Sie sind jenseits der künstlerischen Seite auch eine historische Dokumentation der Entstehung eines kulturellen Fundus des Jischuw, also der jüdischen Bevölkerung in Palästina vor Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948. Gerade für Kinder wurden Bücher geschrieben, um ihnen von Beginn an die neue Sprache, das Hebräische, beizubringen. Diese Bücher mussten in sehr kurzer Zeit geschaffen werden, enthielten Märchen, Sagen und Gedichte, Erzählungen, Biographien und Rätsel, die auch tief in der jüdischen Tradition wurzelten.

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Im Flüchtlingsschiff, 1942, Illustration aus »Geschichte eines jungen illegalen Einwanderers« von Bracha Chabas, Federzeichnung, Original verschollen

Wie kam Lea Grundig nach ihrer Flucht aus Deutschland dazu, sich dieser, für sie damals neuen, künstlerischen Aufgabe zu widmen? Wieso in Palästina? Wieso zu dieser Zeit? Bei der Recherche zum Werkverzeichnis Lea Grundigs fand ich mit Erstaunen viele ihrer Illustrationen in israelischen Kinderbüchern. Dieser Teil ihrer Arbeit war bisher in Deutschland unbekannt, und die Bücher waren nicht vorhanden.

Endlich in Freiheit

Lea Grundig kam als verfolgte und mit dem Tode bedrohte Jüdin, Widerstandskämpferin und Kommunistin nach Palästina. Im Herbst 1940 erreichte sie nach Gefängnis und »Schutzhaft«, ausgewiesen aus Deutschland, nur legitimiert mit einer von den Nazibehörden ausgestellten »Judenkennkarte« mit einem fettmarkierten »J« und dem Zwangsvornamen Sara staaten- und mittellos mit einem der letzten drei Flüchtlingsschiffe, mit der »Pacific«, die Küste Palästinas, damals britisches Mandatsgebiet. Die Flüchtlinge – die als illegale Einwanderer galten – durften nicht an Land, sondern sollten zur britischen Kolonie Mauritius gebracht werden. Hierfür erfolgte im Hafen von Haifa die Umschiffung auf die »Patria«, die am 24. November durch eine Explosion an Bord innerhalb weniger Minuten sank. 267 Flüchtlinge kamen ums Leben, Hunderte wurden verletzt. Für den Anschlag waren Mitglieder der zionistischen Untergrundorganisation Hagana verantwortlich. Sie wollten die Verschiffung auf die Insel im Indischen Ozean verhindern und die Patria fahruntüchtig machen. Das verheerende Unglück ereignete sich, weil der Sprengstoff für das marode Schiff falsch berechnet worden war.

Lea Grundig überlebte den Untergang der »Patria« und kam als Schiffbrüchige in das britische Internierungslager Atlit bei Haifa. Bereits dort entstanden neben vielen anderen Zeichnungen erste Illustrationen für die Lagerzeitung, für die sie auch schrieb. Sie zeichnete farbige Bilder zum Lagerleben, die bereits ihre gestalterische Phantasie erkennen lassen. Nach fast einjähriger Internierung wurde sie im Oktober 1941 entlassen und lebte zunächst in Haifa bei ihrer Schwester. Endlich wieder in Freiheit. Sie erlernte die hebräische Sprache und fertigte für die kleinen Kinder einer Freundin zu deren Freude Bilderbücher an.

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Lesendes Mädchen, 1947, Illustration aus »Buchstaben erzählen« von Rose Wuhl, Federzeichnung, Original verschollen

Schon sehr bald traf sie die Journalistin Bracha Chabas, die zur illegalen jüdischen Einwanderung nach Palästina recherchierte und deshalb die geflüchteten und geretteten Kinder und Jugendlichen interviewte. Für deren Bücher »Die Geschichte eines jungen illegalen Einwanderers« (»Korot Maapil Tzair«, Am Oved, Tel Aviv 1942) und »Gerettete Kinder« (»Yeladim Mutzalim«, Am Oved, Tel Aviv 1944) schuf Lea Grundig die Zeichnungen. Dabei konnte sie auf Selbsterlebtes zurückgreifen. Sie zeichnete das Innere des überfüllten und abgewrackten Flüchtlingsschiffes und das Internierungslager Atlit, umgeben von Stacheldraht. Und sie stellte die geretteten Kinder dar, in deren Gesichtern sich noch die schrecklichen Erlebnisse der Vergangenheit abzeichneten.

Ein anderes Buch, das Lea Grundig in dieser Zeit illustrierte, variiert eine jüdische Volkserzählung aus dem 16. Jahrhundert. Es ist der »Golem von Prag« (»Hagolem Mi Prag«), 1942 herausgegeben von Isaac Loeb Baruch im Dvir-Verlag Tel Aviv. Mit Feder und Tusche zeichnete sie den Oberrabbiner von Prag, den Rabbi Löw, der einen Golem aus Lehm erschafft und zum Leben erweckt. Dieser Golem soll die Juden von Prag gegen Angriffe verteidigen. Als er eines Tages Chaos in der Stadt anrichtet, nimmt ihm der Rabbi wieder das Leben.

Als ihr Schwager schwer erkrankte, musste sie die Familie in Haifa verlassen und zog zu ihrem Vater nach Tel Aviv, der in einer tristen Hinterhauswohnung in der Herzlstraße lebte. Da dachte sie sehnsuchtsvoll an ihre Dresdner Heimat und an die Bäume dort, die sie so sehr geliebt hatte. Sie zeichnete die Bäume ihrer neuen Umgebung. Da gab es einen knorrigen alten Ölbaum, der immer noch grünte, ein liebliches Apfelbäumchen, stachlige Kakteen, Palmen und Eukalyptusbäume. Sie schuf farbige Bilder, in denen die Bäume menschliche Züge erhielten. Als sie diese Zeichnungen in einer Ausstellung in Tel Aviv zeigte, gefielen sie einem Verleger, der daraus ein Bilderbuch machte. Die Kinderbuchautorin Anda Pinkerfeld schrieb dazu kurze Texte. So entstand Lea Grundigs Buch »Sprechende Bäume« (»Etzim Medabrim«, Vereinigter Kibbuz, Tel Aviv 1943).

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Am See Genezareth (Kinneret), 1947, Illustration aus »Am hellblauen Kinneret« von Anatol Stern, Federzeichnung, Original verschollen

Von eigener Arbeit leben

Durch ihre Ausstellungen war Lea Grundig in sehr kurzer Zeit zu einer erfolgreichen und gefragten Künstlerin geworden. Sie fand schnell Kontakt zu den verschiedenen Kreisen des Landes. In ihrer Autobiographie kann man dazu lesen: »Die Gewerkschaften, die Mapai und die Kibbuzim öffneten sich mir – und auch die Kommunisten traf ich, wir fanden zueinander.«¹ Schriftsteller wie Josef Kastein, Arnold Zweig, Louis Fürnberg, Mordechai Avi-Shaul und Max Zweig sowie bildende Künstler wie Hermann Struck gehörten bald zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. Die Kinderbuchautoren kamen zu ihr mit dem Wunsch, sie möge ihre Bücher illustrieren. Es war damals eine gesellschaftliche Notwendigkeit, für Flüchtlingskinder aus den verschiedenen Ländern Bücher in hebräischer Sprache zu schaffen, versehen mit Bildern, mit denen es sich besser lernen ließ. Über ihre Tätigkeit schrieb sie in ihren Memoiren: »Das erste Buch waren gute Gedichte für Kinder, es war echte Poesie, und ich machte mit großer Sorgfalt dazu Zeichnungen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich zu dieser Arbeit befähigt wäre, aber es erwies sich, dass ich es konnte und selbst große Freude daran hatte.«²

Während ihres Exils illustrierte Lea Grundig etwa 20 Kinderbücher mit mehr als 400 Zeichnungen. Dabei zeigte sie ein breites Spektrum gestalterischer Fähigkeiten. Die Bücher mit ihren Illustrationen sind Erstausgaben. Sie gehören zu den Anfängen der hebräischen Kinderliteratur vor der Staatsgründung Israels. Von diesen Büchern gibt es heute selbst dort nur noch wenige Exemplare. Und manche der damals entstandenen Bücher und ihre Verfasser sind heute kaum noch bekannt. Andere Autoren schufen Klassiker der israelischen Kinderliteratur, wie die Preisträger Leah Goldberg, Levin Kipnis und Anda Pinkerfeld-Amir. Damals aber war es eine Pionierleistung, illustrierte Kinderbücher zu drucken, denn es gab vorher keine.

Anmerkungen

1 Lea Grundig: Gesichte und Geschichte, Dietz Verlag Berlin 1958, S. 225

2 Ebenda, S. 235

Maria Heiner ist Ärztin und Sammlerin von Kunst der Moderne. Sie war mit Lea Grundig befreundet, wohnt in Dresden und forscht über Leben und Werk der Künstlerin. Diesem Artikel liegt ein Vortrag zugrunde, den sie 2014 anlässlich eines Symposiums der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv hielt.

Maria Heiner, Lea Grundig - Kunst für die Menschen. Jüdische Miniaturen, Bd. 184, Hentrich & Hentrich, Berlin 2016

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