Aus: Ausgabe vom 10.10.2017, Seite 4 / Inland

»Lizenzen zum Ausplündern«

Eine internationale Konferenz in Leipzig über Migration, Entwicklung und die ökologische Krise

Von Carmela Negrete, Leipzig
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Reisfarm in Nigeria: In vielen afrikanischen Ländern gefährdet der Import von subventionierten Produkten aus Europa die Existenz von Bauern

Zum Auftakt der Tagung wies Boniface Mabanza Bambu darauf hin, dass die Menschen in Afrika und allgemein in Entwicklungsländern Räume brauchen, »in denen sie Veränderungen selbst gestalten können«. Entwicklung könne nicht von außen gesteuert werden, sagte der aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Philosoph, Literaturwissenschaftler und Theologe auf der Konferenz »Selbstbestimmt und Solidarisch! Zu Migration, Entwicklung und ökologischer Krise« am Wochenende in Leipzig.

Mabanza, Koordinator der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) in Heidelberg, schenkte dem Publikum eine halbe Stunde Geschichtsunterricht, vom Kolonialismus bis zur Gegenwart. Es gebe »Kräfte des Todes und der Zerstörung«, die weltweit Krisen verursachten. In Afrika sei die Herrschaft der früheren Kolonialmächte nach den Befreiungskriegen in den 1960er Jahren faktisch fortgesetzt worden. Mit dem Ende der Sowjetunion 1989 habe der Neoliberalismus seinen Siegeszug angetreten. Staatliche Institutionen würden zurückgebaut bzw. »verschlankt«, um privaten Akteuren »mehr Raum zu geben«.

Rund 350 Gäste aus Südafrika, Guinea, der DR Kongo, aus dem Niger, aus Mali, den Niederlanden, aus Österreich und Deutschland waren zu dem Kongress angereist, dier vom internationalen Zusammenschluss »Afrique-Europe-Interact«, dem Entwicklungsnetzwerk Sachsen e. V. sowie dem »Konzeptwerk Neue Ökonomie« organisiert worden war. Alle Podien fanden auf Deutsch, Französisch und Englisch statt. Ein Dutzend große Organisationen unterstützte die Veranstaltung, darunter die kirchlichen Hilfswerke Brot für die Welt und Misereor, die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung und die der Linkspartei nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Ein Novum des Treffens war der Versuch, die verschiedenen Schwerpunkte unter einen Hut zu bringen: Neben den Gründen für Flucht und Migration wurden auch die Situation der Frauen und Fragen von Entwicklung, globaler Ungleichheit sowie kolonialer Vergangenheit, aktueller Entwicklungspolitik sowie Rassismus in Europa und in Deutschland im Zusammenhang betrachtet. Ziel war es unter anderem, die Zusammenarbeit zwischen verschiedene Sozialbewegungen zu fördern, die in den Bereichen Antirassismus, Landwirtschaft, Klimagerechtigkeit sowie in der sogenannten Degrowth- bzw. Postwachstumsbewegung aktiv sind.

Mabanza zeigte in seinem Referat auf, wie stark die genannten Phänomene, Tendenzen und Bewegungen zusammenhängen. So hätten zum Beispiel Monokulturen, etwa von Mais und Baumwolle, die traditionelle Landwirtschaft verdrängt, durch die die Länder Afrikas sich selbst mit Lebensmitteln versorgen konnten. Viele Staaten hätten »das Lied der Welthandelsorganisation singen« müssen und deshalb ihre Märkte für die Produkte der Industriestaaten geöffnet – mit verheerenden Folgen für afrikanische Farmer und Unternehmer. Der Staat habe sich außerdem vielfach aus der Finanzierung von Bildung, Gesundheit und Infrastruktur zurückgezogen. Eine Folge: Islamistische Gruppen könnten leichter Menschen beeinflussen, die keinen Zugang zu Bildung haben.

Aufgrund der Konkurrenz durch subventionierte Produkte, zum Beispiel aus der EU, sind in vielen afrikanischen Ländern die Lebensgrundlagen der Landwirte zerstört worden. Davon berichtete der Erdnussbauer und Aktivist Viktor Nzuzi aus eigener Erfahrung. Für viele bleibe nichts anderes, als in die Städte zu ziehen oder auszuwandern, sagte er in seinem Vortrag. Neben Nzuzi saß ein Flüchtling, der es bis nach Europa geschafft hat: Emmanuel Mbolela, dessen Buch über seine Flucht – auch vor politischer Verfolgung – auch auf Deutsch erschienen ist (»Mein Weg vom Kongo nach Europa: Zwischen Widerstand, Flucht und Exil«). Mbolela, der heute in den Niederlanden lebt, betonte, die EU finanziere zwar die Grenzagentur Frontex zur Abwehr Geflüchteter. Anders als behauptet (»Fluchtursachen bekämpfen«), werde aber bis heute nicht in den Ländern investiert, aus denen die Menschen fliehen müssen.

Statt dessen kauften Konzerne Regierungen, wie Boniface Mabanza hervorhob, um »Konzessionen zu lächerlichen Preisen zu gewinnen. Das sind Lizenzen zur Ausplünderung.«

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