Aus: Ausgabe vom 09.10.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Verantwortung relativiert

Sammelband zur Geschichte der deutschen Kolonialvergangenheit erschienen

Von Simon Loidl
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Trotz solcher Bilder geflüchteter Herero (um 1907) können sich die Autoren nicht zu einer prinzipiellen Kritik am deutschen Kolonialismus durchringen

Die öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialvergangenheit wurde lange Zeit verschoben. Nun wird sie zumindest punktuell nachgeholt. Die große Ausstellung im Deutschen Historischen Museum, die im Frühling zu Ende gegangen war, hatte einige Argumente aus der kolonialkritischen Forschung aufgenommen (siehe jW vom 4. November 2016). Kürzlich erschien nun ein Sammelband, in dem mehrere Forschergenerationen zum Thema zu Wort kommen und unterschiedliche Aspekte dieses bis heute wirksamen Komplexes erörtern.

Im Vorwort begründen die Herausgeber dieses Unterfangen damit, dass »es immer noch an einer allgemeinverständlichen, nicht nur für Historiker geschriebenen Darstellung über die deutsche Kolonialzeit, losgelöst von der Emotionalität politischer Debatten«, fehle. Die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Thema sind im vorliegenden Band durch unterschiedliche methodische Ansätze der Forschergenerationen bedingt – weniger durch voneinander abweichende Bewertungen.

In vier Teilen beleuchten die elf Autorinnen und Autoren die Vorgeschichte deutscher Kolonialbetätigung, das nur wenige Jahrzehnte währende Bestehen deutscher Kolonien in Afrika, der Südsee und in China, konkrete Einzelfragen der kolonialen Realität und schließlich die bis heute spürbaren Nachwirkungen derselben. Vieles wird dabei nur flüchtig gestreift. Insbesondere die während der vergangenen Jahre im Zentrum geschichtswissenschaftlicher Debatten stehenden Fragen behandeln die jeweiligen Autoren in aller Kürze. Dabei geht es etwa um die Auswirkung von Kolonialismus auf die Betroffenen, die Rolle deutscher Missionen oder jene von Kolonialausstellungen in Europa. Im vierten Teil werden jene Fragen angerissen, die aus der historischen Betrachtung in die aktuelle tagespolitische Debatte führen. Der Umgang der Bundesrepublik mit ihrer kolonialen Vergangenheit wird dabei vor allem über die Erinnerungskultur in Gestalt von Denkmälern, Erinnerungstafeln oder Straßennamen behandelt.

Auffällig ist, dass ein Thema, das während der vergangenen Jahre die intensivsten Debatten unter Historikern ausgelöst hat, nur am Rande erwähnt wird. Die Diskussion über Kontinuität und Brüche zwischen Kolonialismus und NS-Ideologie findet nur in wenigen Nebensätzen Erwähnung. Auch das aktuellste Thema – die von Namibia erhobenen Reparationsforderungen in Zusammenhang mit dem Völkermord an den Nama und Herero – wird nicht behandelt. Stattdessen grenzen sich die Herausgeber in ihrem Schlusskapitel von einer prinzipiellen Kritik am Kolonialismus ab: »Deutschland brachte auch den europäischen Fortschritt«, schreiben Horst Gründer und Hermann Hiery. Die Herausgeber blenden Gewalt, Rassismus und ökonomische Ausbeutung nicht aus, versteigen sich aber dennoch zu einer Rechtfertigung von Kolonialismus im allgemeinen und des deutschen im speziellen: »Unbestritten bleibt, dass Deutschland in erheblichem Maße dazu beigetragen hat, die Bevölkerung seiner Kolonien an die von europäischen Werten und Vorstellungen dominierte Weltordnung heranzuführen.« Der Hinweis darauf, dass dies »unter Verlust bisher vorhandener autonomer Gestaltungsräume und Entwicklungen« geschah, ändert nichts daran, dass die Herausgeber eine grundsätzlich zivilisatorische Rolle des europäischen Kolonialismus festschreiben.

Horst Gründer und Hermann Hiery (Hrsg.): Die Deutschen und ihre Kolonien. Ein Überblick. be.bra Verlag, ­Berlin 2017, 352 Seiten, 24 Euro

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