Aus: Ausgabe vom 09.10.2017, Seite 8 / Ansichten

Höchste Zeit für Visionen

IG-Metall-Vorstand berät Tarifforderung

Von Daniel Behruzi
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DGB-Demo in Hamburg am 1. Mai 2012

Viele Jahre lang hat Arbeitszeitverkürzung in der Tarifpolitik der IG Metall keine Rolle gespielt. Das soll sich jetzt ändern. Am morgigen Dienstag will der Vorstand die Forderungen für die anstehende Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie beschließen. Und neben Lohnerhöhungen von »um die sechs Prozent« (so der Diskussionsstand in den regionalen Tarifkommissionen) will Europas größte Industriegewerkschaft auch Forderungen zur Verkürzung der Arbeitszeiten formulieren. Das ist gut. Fast 34 Jahre nach dem großen Streik in der Metall- und Druckindustrie der BRD zur Durchsetzung der 35-Stunden-Woche ist es höchste Zeit, wieder Visionen und konkrete Perspektiven einer Umverteilung von Arbeit zu entwickeln.

Doch die nun diskutierten Forderungen sind keineswegs der nötige Neustart in der gewerkschaftlichen Arbeitszeitpolitik. Der von der IG-Metall-Spitze verfolgte Ansatz greift bei weitem zu kurz. Die Arbeitszeiten sollen nicht kollektiv und dauerhaft, sondern individuell und vorübergehend herabgesetzt werden. Für maximal zwei Jahre sollen Beschäftigte von 35 auf bis zu 28 Wochenstunden reduzieren und danach zur 35-Stunden-Woche zurückkehren können. Und das in der Regel auf eigene Kosten. Lediglich für besonders belastete Beschäftigte wie Wochenend- und Schichtarbeiter sowie für diejenigen, die Kinder betreuen oder Angehörige pflegen, will die IG Metall einen Entgeltzuschuss aushandeln. Zu dessen angepeilter Höhe wird sich der Gewerkschaftsvorstand voraussichtlich am Dienstag erstmals äußern.

Sicher: Beschäftigte haben unterschiedliche Wünsche und Interessen. Wer kleine Kinder erzieht oder sich um seine pflegebedürftigen Eltern kümmert, braucht mehr freie Zeit als jung-dynamische Singles. Ein gut bezahlter Ingenieur ist womöglich nicht so auf jeden Euro angewiesen wie ein Bandarbeiter. Aber solche Differenzierungen gab es auch früher schon. Für Gewerkschaften war es dennoch stets entscheidend, kollektive und zugespitzte Forderungen zu entwickeln und gemeinsam durchzusetzen. Die Individualisierung tariflicher Regelungen schwächt tendenziell die gewerkschaftliche Durchsetzungsfähigkeit. Es braucht eine einheitliche Klammer.

Eine solche könnte auch heute die kollektive Verkürzung der Arbeitszeiten sein – freilich bei vollem Lohnausgleich, denn sonst können sich viele Kollegen das schlicht nicht leisten. Die Gewerkschaften könnten zunächst beispielsweise für zusätzliche freie Tage streiten, weil diese schwerer durch Arbeitsverdichtung kompensiert werden können als die stundenweise Reduzierung der Wochenarbeitszeit.

Mit der »Industrie 4.0« sollen, so die Prognosen, etliche Arbeitsplätze zur Disposition stehen. Gleiches gilt für die Umstellung in der Automobilindustrie auf Elektroantriebe, die – selbst wenn sie funktioniert – Hunderttausende Jobs kosten wird. Die kollektive und möglichst radikale Verkürzung der Arbeitszeiten wäre darauf eine adäquate gewerkschaftliche Antwort.

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