Aus: Ausgabe vom 09.10.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Hilfe für Dschihadisten

Moskau wirft USA vor, »Islamischen Staat« mit sensiblen Daten über syrische Armeestellungen versorgt zu haben

Von Karin Leukefeld, Damaskus
RTS1EOQX.jpg
US-Luftangriff auf Rakka: Täglich sterben in der in Teilen vom »Islamischen Staat« kontrollieren Stadt Dutzende ­Menschen bei Bombardements (1.10.2017)

Die Kämpfe an den verbliebenen Fronten in Syrien nehmen an Härte zu. In Idlib und angrenzenden Gebieten führt die russische Armee einen Feldzug gegen die Fatah-Al-Scham-Front. Die Vertreterin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Syrien, Marianne Gasser, sprach von einer »besorgniserregenden Zunahme militärischer Operationen, mit denen eine wachsende Zahl an zivilen Todesopfern« einhergingen.

Im Osten des Landes liefern sich die syrische Armee und ihre Verbündeten – Russland, Iran und die libanesische Hisbollah – einen Wettlauf mit der von der US-geführten »Anti-IS-Allianz« um die Kontrolle der Erdöl- und Gasfelder an der syrisch-irakischen Grenze. In Rakka und Umgebung werden fast täglich Dutzende Menschen bei den Luftangriffen der »Anti-IS-Allianz« getötet.

Bei der Stadt Sukhne, östlich von Palmyra an der Straße nach Deir Al-Sor gelegen, versuchen verbliebene Einheiten des »Islamischen Staates« (IS) die Verbindungsstraße zu kappen. Das russische Verteidigungsministerium wirft dem Pentagon vor, die Kämpfer mit sensiblen Daten der US-Luftaufklärung über syrische Armeestellungen in dem Gebiet versorgt zu haben. Der IS operiere aus einem »schwarzen Loch« bei der illegal von der US-Armee und deren Verbündeten errichteten Sperrzone um den Ort Al-Tanf an der syrisch-irakischen Grenze.

Nach Angaben der US-Armee bilden US-amerikanische, britische und norwegische Spezialkräfte auf der Basis eine »Neue Syrische Armee« aus, um gegen den IS zu kämpfen. Seit Inbetriebnahme der Basis im April 2017 habe man nicht eine einzige Anti-IS-Operation aus dem Camp registrieren können, sagte Generalmajor Igor Konashenkow, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, am Freitag.

Die US-Armee lasse auch keine Hilfskonvois durch die 100 Kilometer Sperrzone um das Lager passieren, kritisierte Moskau. Unweit von Al-Tanf liegt ein Flüchtlingslager, in dem rund 60.000 Vertriebene aus Rakka und Deir Al-Sor leben. Diese Menschen würden von der US-Basis als »menschliche Schutzschilde« benutzt.

Auf politisch-diplomatischer Ebene fordert Syrien die Auflösung der »völkerrechtlich illegalen« US-geführten »Anti-IS-Allianz«. Sie sei ohne Zustimmung der syrischen Regierung in dem Land aktiv und habe kein Mandat des UN-Sicherheitsrates, hieß es in einem Schreiben an dieses Gremium und den UN-Generalsekretär am vergangenen Dienstag. Der Sicherheitsrat müsse »die Verbrechen der US-geführten internationalen Koalition gegen das syrische Volk« stoppen.

Am 1. und 2. Oktober 2017 hätten die Kampfjets der Koalition Massaker in Wohngebieten in Deir Al-Sor und Rakka verübt und 57 Zivilisten getötet, darunter viele Frauen und Kinder, hieß es in dem Schreiben. Viele Personen seien verletzt, privates und öffentliches Eigentum sei beschädigt worden. Die US-Armee äußerte sich zu den Vorwürfen nicht, räumte aber erst vor wenigen Tagen ein, seit Beginn ihres Militäreinsatzes in Syrien 800 Zivilisten getötet zu haben.

Aktuell sind Moskau und Teheran die Drehscheiben für regionale Entscheidungen. Der saudische König traf am Mittwoch abend zum ersten Besuch eines saudischen Monarchen in Moskau ein. Vereinbart wurden Waffengeschäfte und technische Kooperationen in Milliardenhöhe. Auch über Syrien wurde gesprochen, wo Russland und Saudi-Arabien auf entgegengesetzten Seiten der Front stehen.

Der saudische Außenminister Adel Al-Dschubair betonte dabei die Notwendigkeit der territorialen Integrität Syriens. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow sagte Al-Dschubair, Riad bemühe sich, die gespaltene syrische Opposition für die nächsten UN-Gespräche in Genf Ende Oktober zu einen. Der syrische Außenminister Walid Muallem wird Lawrow am heutigen Montag am Rande des Syrisch-Russischen Wirtschaftskooperationsrates in Sotschi treffen.

In Teheran bekräftigten derweil der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und sein iranischer Amtskollege Hassan Rohani ihre Kooperation für die Befriedung Syriens. Eine kurdische Unabhängigkeit lehnten beide ab. Erdogan kündigte am Donnerstag an, türkische Truppen in der nordsyrischen Provinz Idlib einzusetzen. Sein Sprecher, Ibrahim Kalin, sagte am Donnerstag auf die Frage, ob die Türkei plane, nach Afrin vorzurücken, Ankara werde alles tun, was für die nationale Sicherheit erforderlich sei. Der westlich von Aleppo gelegene Ort wird von der Partei der Demokratischen Union (PYD) und den kurdischen Volksverteidigungskräften kontrolliert.

Hintergrund:Wasser als Waffe

Seit Beginn des Krieges in Syrien wird Wasser als Waffe gegen die Regierung eingesetzt. Im Sommer 2015 dokumentierte das UN-Kinderhilfswerk UNICEF mehr als 40 Fälle, in denen allein in Aleppo 1,5 Millionen Einwohner bis zu zwei Wochen lang von der Wasserzufuhr vom Euphrat abgeschnitten waren. Die Kämpfer bewaffneter Gruppen besetzten Klärwerke und Dämme, wie in Tabka am großen Assad-Stausee westlich von Rakka.

Das Wasser für Damaskus kommt aus der Figeh-Quelle rund 20 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt im Barada-Tal. Früher war hier ein Ausflugsort. Doch seit Beginn des Krieges sind Cafés und Spielplätze, Hotels und Restaurants verlassen.

Bereits 2012 war die Figeh-Quelle von bewaffneten Oppositionsgruppen besetzt worden, viele Anwohner aus dem Ort Ain Al-Figeh flohen. Wiederholt drohten die Kämpfer damit, das Wasser für Damaskus abzustellen, sollte die Regierung den Forderungen ihrer Gesinnungsgenossen im Osten von Damaskus nicht nachkommen. Kurz vor Weihnachten 2016 stoppten die Kämpfer die Wasserzufuhr für Damaskus. Verhandlungen scheiterten und als mit Hilfe eines Vermittlers, der aus Ain Al-Figeh stammte, eine Einigung erzielt worden war, wurde dieser unmittelbar darauf von Kämpfern einer Gruppe erschossen, die die Einigung ablehnte.

Die syrische Armee entschloss sich, das Tal zu stürmen und die Figeh-Quelle zu befreien. Unterstützt wurde sie dabei von der Hisbollah. Die Kämpfer öffneten die Überlaufbecken, das Wasser ergoss sich in den Barada-Fluss, die Straße durch das Tal wurde überflutet. Nach der Rückeroberung des Gebietes im Januar 2017 wurden die Quelle und deren Umgebung von Minen und Sprengfallen gesäubert, Ingenieure und Techniker leiteten das Wasser in ein provisorisches Sammelbecken um, die Versorgung für Damaskus wurde wiederhergestellt.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Das Bader-Zentrum in Damaskus hilft Menschen, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen
    Karin Leukefeld, Damaskus