Aus: Ausgabe vom 06.10.2017, Seite 11 / Feuilleton

Akrobatischer Trotz

Mantel, Degen und die kesse Kitri: Ausblick auf die Ballettsaison

Von Gisela Sonnenburg
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»Der Widerspenstigen Zähmung« in der Choreographie von John Cranko – Wiederaufnahme zur Spielzeiteröffnung 2017/2018

Öffentliche Ballettproben liegen im Trend. Die Leute wollen wissen, wie sich die Entstehung großer Kunst anfühlt. Und die Tänzer freut es, frühzeitig Feedback für ihre Anstrengungen zu erhalten. Reid Anderson, Intendant des Stuttgarter Balletts, hat das erkannt. Im September gab es eine ganze Reihe öffentlicher Proben für seine Premiere am 3. Oktober.

»Cranko pur« ist eine Hommage an den Begründer des »Stuttgarter Ballettwunders«, John Cranko, der 1973 im Alter von 45 Jahren überraschend starb. Seine Choreographien genießen bis heute Weltruhm. Neben drei abendfüllenden Meisterwerken – von denen zwei nach Dramen von Shakespeare entstanden und eines nach dem Versroman »Eugen Onegin« von Alexander Puschkin – hinterließ Cranko eine Fülle von Kurzstücken.

Drei dieser brillanten Kleinode sind im neuen Programm zu sehen, darunter das elegisch-erhabene »Brouillards« (»Nebel«), 1970 zur Musik von Claude Debussy kreiert. Egon Madsen war einer der Stars jener Uraufführung; in diesem Jahr probte er als Coach mit den Ballerinen und Ballerinos des Stuttgarter Balletts. Natürlich auch vor Publikum.

Die derzeit in London ansässigen Weltstars Natalia Osipova und Sergej Polunin tanzen ebenfalls etwas von Cranko, und zwar als Gäste am 8. Oktober mit dem Bayerischen Staatsballett in München: »Der Widerspenstigen Zähmung«, Crankos dialektisch-akrobatisches Trotzballett nach Shakespeares Komödie. Osipova und Polunin sind in diesem Stück nicht jedermanns Geschmack: Viel Gala-Getingel und hohe Gagen haben aus den einstigen Glanzkünstlern ziemlich oberflächliche Zirkustänzer gemacht.

Das Semperoper Ballett in Dresden hält mit der Ballettsaal-Matinee »Gestatten, Monsieur Petipa!« eine »Einführung in die Welt des Balletts« bereit, für Schulkinder vor allem. Marius Petipa war der wichtigste Choreograph des 19. Jahrhunderts, schuf »Der Nussknacker«, »La Bayadère«, »Schwanensee«, »Raymonda« und »Dornröschen«. Am 9. Oktober gibt es eine Zeitreise zu ihm und seiner Kunst als Ferienangebot. Die Dresdner Tänzer haben viel drauf: Das wird auch Newcomer Václav Lamparter in der männlichen Hauptrolle von »Manon« am 13. Oktober beweisen. Die Geschichte über Glück und Unglück einer Kurtisane und ihres Geliebten in der Choreographie von Kenneth MacMillan erinnert mit der Musik von Jules Massenet an großes Mantel-und-Degen-Kino.

Beim Ballett Dortmund wird die Uraufführung von Xin Peng Wangs »Rachmaninow / Tschaikowsky« (9.11.) mit einer öffentlichen Probe (2.11.) und einer »Einführungsmatinee« (5.11.) vorbereitet. Anhand von Werken der russischen Komponisten zeigt der chinesische Choreograph die Kreativität als wesentliches menschliches Vermögen und als »persönlichen Drahtseilakt« eines Ballettchefs. Klingt spannend.

Nostalgie pur gibt es ab dem 10. Dezember beim Hamburg Ballett. »Don Quixote« in der Choreographie von Rudolf Nurejew nach Marius Petipa ist vom Wiener Staatsballett bekannt. Dessen Chef Manuel Legris ist derzeit in Hamburg zu Gast, um die tolle, kunterbunte Nurejew-Kamelle einzustudieren. Jux und Slapstick volle Pulle: Ein clownesk trauriger Ritter namens Don Quixote träumt von der noblen Jungfrau Dulcinea, aber das zentrale Paar sind der flinke Basil und die kesse Kitri. Die jung Verliebten springen und pirouettieren quasi um die Wette, spanisches Temperament lädt die russische Klassik auf. Dazu noch ein paar Ritterswitze - voilà!

Ganz in Weiß kommt die russische Starballerina Polina Semionova daher: Am 15. Dezember als »Diamant« im George-Balanchine-Stück »Jewels« (1967) beim Wiedereinzug des Staatsballetts Berlin in die sanierte Staatsoper Unter den Linden. Auch die Erwartungen ans Haus sind hoch.


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