Aus: Ausgabe vom 06.10.2017, Seite 11 / Feuilleton

Gefährliche »Birne«-Bücher

In Bremen wird an die Berufsverbote erinnert – mit einer szenischen Lesung aus den Akten der siebziger Jahre

Von Lothar Zieske
Berufsverbot_Foto©M.Menke_2795.jpg
Zu Beginn verlesen fünf Schauspieler der Bremer Shakespeare Company einschlägige Artikel aus dem Grundgesetz

Geschichte anschaulich machen: Die Bremer Historikerin Eva Schöck-Quinteros bereitet mit ihren Studierenden historische Themen zu szenischen Lesungen auf. Sie werden an verschiedenen Orten der Stadt in der Reihe »Aus den Akten auf die Bühne« (Regie und Textbearbeitung: Peter Lüchinger) aufgeführt.

Am 27. September fand im voll besetzten Konzertsaal der Hochschule für Künste Bremen die Premiere der 11. Inszenierung statt. Sie verhandelt »Staatsschutz, Treuepflicht, Berufsverbot«, so der Titel, in der Hansestadt. Am Anfang stehen fünf Schauspieler der Bremer Shakespeare Company vor der Bühne und verlesen einschlägige Artikel aus dem Grundgesetz. Weitere Informationen über die – in ständiger juristischer wie politischer Bewegung befindlichen – Grundlagen dieser politischen Repression werden über den Abend verteilt. Es empfiehlt sich, das informative Programmheft (154 Seiten) vorher in die Hand zu nehmen und auch während der Aufführung – das Licht ist ausreichend – hin und wieder darin zu blättern.

Die Berufsverbote bestimmten das innenpolitische Klima der 70er Jahre in der Bundesrepublik. Nachdem die Studentenbewegung ihren Höhepunkt überschritten hatte und sich viele für den »langen Marsch durch die Institutionen«, wie Rudi Dutschke es ausdrückte, entschieden hatte, waren die Politiker der etablierten Parteien – mit der SPD an der Spitze – bestrebt, sogenannte Extremisten aus dem öffentlichen Dienst fernzuhalten. Als Mittel diente der »Radikalenerlass« der Ministerpräsidenten der Länder von 1972, der Menschen, die angeblich nicht für die »freiheitliche demokratische Grundordnung« eintraten, als Beamte ausschloss. Diese »Grundordnung« hatte das Bundesverfassungsgericht 1954 definiert und so die KPD verboten.

Auch in den siebziger Jahren waren es wieder meistens Linke, die mittels »Regelanfrage« beim Verfassungsschutz überprüft wurden. Bundesweit fanden (geschätzt) bis zu drei Millionen solcher Überprüfungen statt, mehr als 1.000 Personen wurden daraufhin nicht eingestellt, mehrere hundert entlassen.

Bei der Bremer Aufführung entstehen aus den Biographien von vier Opfern vergleichbare Fallstudien. Es geht um den damals sehr bekannten Hochschullehrer und Soziologen Horst Holzer, dem wegen seiner Mitgliedschaft in der DKP unter anderem auch in Bremen die Anstellung als Professor verweigert wurde, um eine Regierungsrätin, einen Grundschullehrer und eine Gymnasiallehrerin. An Hand ihrer Geschichten wird der Grundkonflikt um Treuepflicht einerseits, Parteienprivileg andererseits dargestellt.

In der Bremer Bürgerschaft stritten sich die regierende SPD und die oppositionelle CDU über die Umsetzung des »Radikalenerlasses« im Detail. Bald kam es aber auch innerhalb der SPD zu Auseinandersetzungen, in die sich Gewerkschaften, die Rechtsanwaltskammer und die Organe der Hochschulselbstverwaltung einschalteten. Eltern mischten sich auf beiden Seiten ein: So setzten sie sich für einen Referendar ein, der seiner Grundschulklasse den Widerspruch von Kapital und Arbeit nahegebracht hatte. Oder ein Vater beschwerte sich bei der Gymnasiallehrerin, die in einer 7. Klasse »Biblische Geschichte« unterrichtet und dafür die damals in antiautoritären Kreisen populären Kinderbücher von Günter Herburger, »Birne kann alles« und »Birne kann noch mehr« herangezogen hatte. Der Schritt zur Denunziation bei Dienstvorgesetzten war dann nicht mehr weit. Der Oberschulrat Günther Eisenhauer forderte 1976 alle Bremer Schulen auf, »verfassungsfeindliches« Verhalten zu melden. Auch die Unterscheidung zwischen den Begriffen »verfassungswidrig« (O-Ton Grundgesetz) und »verfassungsfeindlich« (Gummibegriff derjenigen, die die Berufsverbote durchsetzten) kommt im Laufe des Abends zur Sprache.

Die Berufsverbote wurden durch die »Unvereinbarkeitsbeschlüsse« der DGB-Gewerkschaften flankiert. So denunzierte ein Betriebsrat die Regierungsrätin, weil sie vor einem Betrieb Flugblätter des KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland) verteilt hatte. Als sie, aus dem Staatsdienst entlassen, Rechtsanwältin werden wollte, sperrte sich die Kammer dagegen. Daraufhin entbrannte ein Rechtsstreit, an dessen Ende der Justizsenator ihr die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft erteilte. Auch die Realsatire fehlt nicht: 1978 berichtete die Zeit mit der Schlagzeile »Roter Koch« über die Entlassung eines Bundeswehr-Kochs und fragte: »Geht nun auch die wahre Gesinnung durch den Magen?«

Wichtig war die Gegenwehr. Wenn Flugblätter von den Schauspielern wie Volksreden vorgetragen wurden, wurde aus der szenischen Lesung großes Theater.

Weitere Aufführungen: im Theater am Leibnizplatz am 27.10., 23.11., 19.12., jeweils um 19.30 Uhr; am 3.12., um 18 Uhr mit anschließender Diskussion


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