Aus: Ausgabe vom 06.10.2017, Seite 7 / Ausland

Postler vor Streik

Mitarbeiter des einstigen Staatsbetriebes wollen Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und Rentenfonds aufnehmen

Von Christian Bunke, Manchester
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Kämpferische Belegschaft: Angestellte der Royal Mail demonstrieren gegen die Privatisierung ihres Unternehmens ­(London, 10.7.2013)

In den kommenden Wochen könnten in Großbritannien über 100.000 Beschäftigte der Post in den Streik treten und die rechtzeitige Auslieferung der Weihnachtspakete in Gefahr bringen. 89 Prozent aller Befragten sprachen sich in einer von der Gewerkschaft CWU organisierten Urabstimmung für den Arbeitskampf aus. Die Wahlbeteiligung lag bei 73 Prozent.

Laut den geltenden Antigewerkschaftsgesetzen war für die Gültigkeit des Streikbeschlusses eine Mindestbeteiligung von 50 Prozent erforderlich. »Wir haben die neuen Gesetzesverschärfungen als erste getestet und die Aufgabe bestanden«, so CWU-Generalsekretär Dave Ward in einer ersten Reaktion auf das Abstimmungsergebnis.

Royal Mail, die britische Post, ist heute im Eigentum internationaler Hedgefonds. Sie wurde im Jahr 2013 von der damaligen konservativ-liberaldemokratischen Regierung privatisiert, indem Postaktien von 750 Millionen Pfund unter Wert auf den Markt geworfen wurden. Ein Streik der im Unternehmen stark verankerten CWU-Mitglieder konnte damals nur knapp durch weitreichende Zugeständnisse an die Gewerkschaft abgewendet werden.

In dem bis 2019 gültigen Abkommen ist unter anderem festgelegt, dass das Unternehmen nicht aufgespalten werden darf. Außerdem wird die Gewerkschaft anerkannt. Die Firmenleitung verpflichtet sich zu einer starken Begrenzung der Leiharbeit. Die große Mehrzahl der Beschäftigten muss direkt und vollzeitbeschäftigt sein. Es gilt die 39-Stunden-Woche, Outsourcing ist verboten.

Trotz dieses Vertrages haben sich die Konflikte im Unternehmen in den vergangenen Monaten zugespitzt. Die Postler beschweren sich über gestiegene Arbeitsbelastung, Stress und Mobbing durch das Management. Im März kam es in einem Depot in Doncaster zu einem spontanen wilden Streik, weil ein krankgeschriebener Kollege dort per Telefon gekündigt worden war. Wilde und illegale Streiks haben bei der britischen Post eine lange Tradition.

Im Januar begann die Firmenleitung eine einseitige sogenannte Konsultation. Die Beschäftigten wurden informiert, dass der betriebliche Rentenfonds in der Krise und mittelfristig nicht finanzierbar sei, da das Unternehmen bis zu 50 Prozent der Beiträge einzahlen müsse. Deshalb sehe man sich gezwungen, die Kasse für Neueinsteiger zu schließen und die auszuzahlenden Renten zu kürzen. Laut CWU-Angaben würden Postler im Laufe ihrer Rente 100.000 Pfund verlieren, sollte sich das Unternehmen mit den Kürzungen durchsetzen.

Die Rentenkrise bei der Post ist symptomatisch für das ganze Land. Laut einem Bericht der Tageszeitung The Guardian vom 29. August sind die betrieblichen Alterskassen aller an der Londoner Börse gehandelten Unternehmen im Minus. Insgesamt gebe es Schulden in Höhe von 62 Milliarden Pfund. Diese Schulden sollen nun auf die Beschäftigten abgewälzt werden. Neben der Post drohen deshalb bei anderen Firmen Arbeitskämpfe, beispielsweise bei British Telecom.

Der CWU geht es aber nicht nur um die Verteidigung der Renten. Ihren Mitgliedern hat sie ein umfassendes Kampfprogramm vorgelegt. So soll auch eine vorzeitige Verlängerung des allgemeinen Rahmenabkommens zwischen Gewerkschaft und Unternehmen erreicht werden. »Das läuft zwar erst 2019 aus, aber man fängt am besten früh damit an«, so die Gewerkschaft in einem Rundschreiben. Außerdem fordert die CWU eine Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich. So soll der Arbeitsstress eingedämmt werden.

Die oppositionelle Labour-Partei hat die Wiederverstaatlichung der Post im Programm. Ihr wirtschaftspolitischer Sprecher John McDonnell verkündete vergangene Woche auf dem Parteitag, die Post »nach Hause« holen zu wollen. Kein Wunder, dass eine Gruppe von Postlern am Mittwoch in einem Curryrestaurant in Manchester einen spontanen »Oh Jeremy Corbyn«-Gesang starteten, als der konservative Außenminister Boris Johnson das Lokal betrat.


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