Aus: Ausgabe vom 05.10.2017, Seite 10 / Feuilleton

Leicht verdaulich

Von Thomas Wagner

Eine Art Bibel der High-Tech-Szene im Silicon Valley ist das Buch »What Technology Wants« (»Was die Technologie will«). Autor Kevin Kelly erklärt die Technik darin als quasi autonomes Wesen mit eigener Agenda, an der Menschen wenig ändern könnten. Als das Buch 2010 erschien, war die Nähe des Gründungschefredakteurs des populären Kultur- und Technikmagazins Wired zur Szene der High-Tech-Unternehmer nicht zu übersehen. Ein Jahr zuvor hatte Journalistenkollege Jeff Jarvis schon im Buchtitel Reklame für einen bestimmten Konzern gemacht: »Was würde Google tun? Wie man von den Erfolgsstrategien des Internetgiganten profitiert«. Erfolgreiche Geistesarbeiter scheinen es in den USA als ihre ureigene Aufgabe zu verstehen, öffentlichkeitswirksam die Werbetrommel für die Computer- und Internetbranche zu rühren. Nun gibt es eine Publikation, die dieses Phänomen untersucht.

Sozialwissenschaftler Daniel Drezner beschreibt in seinem Buch »The Ideas Industry« (Oxford University Press, 2017), wie sich in den USA seit einigen Jahren ein neuer Typus des Intellektuellen etabliert. Lange hätten Reiche und Superreiche vornehmlich an Universitäten gespendet oder Stiftungen gegründet, die sie selbst kontrollierten. In jüngster Zeit habe sich ein neues Modell etabliert. Superreiche aus dem Silicon Valley oder der Finanzbranche lüden nun prominente Intellektuelle ein, die mit wenig anspruchsvollen Vorträgen sehr viel Geld verdienten. Von den neuen »Plutokraten« finanzierte Foren und Konferenzen heißen »Aspen Ideas Festival«, »South by Southwest« oder »TED (Technology, Entertainment, Design)«.

Kritik oder komplexe Theorien seien bei solchen Veranstaltungen meist unerwünscht. Was dort vorgetragen wird, soll motivieren und leicht verdaulich sein. Die Helden der Internetwirtschaft, fasst Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller die Ausführungen seines Kollegen von der Tufts University in Boston zusammen, wollten »immer nur wieder hören, wie brillante, risikobereite Individuen die Welt verändern. Reich beschenkt wird da nicht der Denker, der Skepsis sät, sondern der, welcher die ganz große Lösung für Weltprobleme anbietet« (Süddeutsche Zeitung, 30.9.2017). Eine positive Message zur Weltverbesserung soll rübergebracht werden. Im Idealfall geht es um bahnbrechende neue Technologien, die das Unterste nach oben kehren. Das Zauberwort heißt »Disruption«.

Die von Drezner beschriebenen »Thought leader« zelebrieren als Selbstvermarkter den Finanz- und Silicon-Valley-Kapitalismus. Antonio Gramsci (1891–1937), Mitbegründer der KP Italiens, unterschied traditionelle und organische Intellektuelle. Traditionelle Denker entwickeln Theorien, die den Anspruch haben, allgemeingültig zu sein. In Wirklichkeit tragen sie ihren Teil zur Legitimation der bürgerlichen Herrschaft bei. Organische Intellektuelle hingegen verstehen ihr Tun ausdrücklich als Agitation im Interesse einer bestimmten Klasse. Für Müller sind die »Thought leaders« so etwas wie die »organischen Intellektuellen« des Finanzkapitals.


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