Aus: Ausgabe vom 05.10.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Hilfsbereitschaft sinkt allgemein«

G-20-Gipfel markiert Beginn neuer sozialer Kälte. Ein Gespräch mit Stephan Karrenbauer

Von Kristian Stemmler
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Obdachlose auf der Reeperbahn in Hamburg

Sie gehören zu den Hamburgern, für die der G-20-Gipfel eine echte Belastung dargestellt hat. Was hat sie so belastet?

Nach G 20 stecke ich tatsächlich in einer Krise. Für mich hat das etwas ganz Bedeutendes: dass wir es nicht geschafft haben, in der Zeit, wo der Gipfel in Hamburg stattgefunden hat, zusätzliche Schlafplätze für alle Obdachlosen zu schaffen, unabhängig davon, ob er oder sie einen Rechtsanspruch hat. Dass man für diese Forderung teilweise für bekloppt erklärt wurde. Es ist so viel Geld für dieses Gipfeltreffen ausgegeben worden, und es wäre ein Klacks gewesen zu sagen, wir bieten rechtzeitig eine Ausweichfläche für Obdachlose, wo sie sich aufhalten können. Und zwar so zeitig, dass sich das in der Szene herumspricht.

Hinz & Kunzt hatte ja sogar noch auf Container hingewiesen, die in großer Zahl leer standen und dafür hätten genutzt werden können.

Ja, Container oder ein festes Gebäude, das wäre gut gewesen. Aber den Leuten nicht einmal einen Campingplatz anzubieten, also gar nichts, das ist unfassbar. Und dann zu sehen, wie während des Gipfels Straßenschlachten stattgefunden haben, zum Beispiel auf der Reeperbahn, und rechts und links haben die Obdachlosen gelegen. Die Behörde kann nur von Glück sagen, dass es dort nicht zu schweren Verletzungen bei Obdachlosen gekommen ist.

Die Sozialbehörde hat sich für Ihre Forderungen vor dem Gipfel offenbar nicht besonders interessiert.

Das Deprimierende ist für mich gewesen, dass die Behörde nicht auf die Fachleute gehört hat, die teilweise ja selbst von der Behörde bezahlt werden, zum Beispiel Straßensozialarbeiter, sondern dass sie auf die Äußerungen der Innenbehörde gehört hat, es werde nichts passieren, und deshalb müsse auch nicht vorgesorgt werden. Das ist wirklich frustrierend, wenn man über so viele Jahre in dem Bereich arbeitet und meint, meine Stimme zählt, und dann stellt man fest: Die interessiert tatsächlich einen Scheißdreck.

Stand dahinter vielleicht auch die Haltung, um die Obdachlosen können wir uns nicht auch noch kümmern?

Das weiß ich nicht. Aber wir haben schon drei Monate vor G 20 das erste Gespräch mit der Behörde gehabt. Da war die Behörde völlig überrascht, nach dem Motto: Das ist doch viel zu früh, da fragen wir erst mal nach bei der Innenbehörde und melden uns. Man hat sich einfach nicht mit dem Thema auseinandergesetzt. Und dann kam das Totschlagargument: Die können ja in die Übernachtungsstätte Pik As gehen, da sind Plätze frei. Da gehen sie aber nicht hin.

Aber es gibt doch Obdachlose, die dort übernachten.

Ja, aber aktuell sind etwa 120 Plätze frei. Das Pik As ist unbeliebt, weil die Obdachlosen befürchten, dass sie dort beklaut werden, sie müssen in Mehrbettzimmern schlafen, haben die Angst: Wenn ich da erst mal bin, komme ich nicht wieder raus.

Die Atmosphäre in Hamburgs Innenstadt war während des Gipfels ja schon für »Normalos« belastend, ständig das Rotorengeräusch der Hubschrauber über einem, überall Polizei.

Ja, aber wir »Normalen« hatten eben immer die Möglichkeit, abends nach Hause zu fahren, Obdachlose halt nicht. Leider muss man feststellen, dass in Zeiten, in denen von Vollbeschäftigung und Arbeiten bis 70 die Rede ist, ganz allgemein die Hilfsbereitschaft für diese Menschen sinkt. Da heißt es schnell: Die sind doch selbst schuld an ihrer Lage.

Stephan Karrenbauer ist Sozialarbeiter der Hinz & Kunzt, der monatlich erscheinenden Obdachlosen- und Straßenzeitung, die es in Hamburg seit 1993 gibt. Ein Gutteil des Verkaufspreises geht an den Verkäufer auf der Straße und in der Bahn

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