Aus: Ausgabe vom 27.09.2017, Seite 5 / Inland

Gewerkschaftsaufbau Ost

Gebäudereiniger demonstrieren in Essen für mehr Geld und Lohnangleichung

Von Elmar Wigand
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Unternehmer zeigen wenig Interesse. Ein Gebäudereiniger beim Putzen des World Trade Centers in Dresden

Der DGB-Vorsitzende Nordrhein-Westfalens Andreas Meyer-Lauber sprach den meisten aus der Seele: »Nach dem beschissenen Ergebnis der Bundestagswahl tut es gut, so viele solidarische Leute hier zu erleben.« Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) konnte am Dienstag rund 600 Gebäudereiniger und Unterstützer in die Essener Innenstadt mobilisieren, um vor dem »Hotel Handelshof« Dampf zu machen. Kollegen aus Baden-Württemberg riefen den »Aufstand der Unsichtbaren« aus, Bremerhavener trugen ihren Flickenteppich aus Putztüchern durch die Straßen, die mit Forderungen wie »Gleicher Lohn für alle« beschriftet waren. In Essen fand die vierte Verhandlungsrunde zum Branchentarif in der Gebäudereinigung statt. Viele Demonstranten, die hauptsächlich aus Westdeutschland angereist waren, gingen für gleiche Rechte von Beschäftigten auf die Straße. Die Gewerkschaft fordert einen Euro mehr pro Stunde und Weihnachtsgeld für alle sowie die Angleichung der Löhne in Ost und West.

Der letzte Punkt wurde unter den Gewerkschaftern allgemein akzeptiert. Der Düsseldorfer IG-BAU-Sekretär Mahir Sahin erklärte: »In Ostdeutschland sind wesentlich weniger Beschäftigte organisiert. Genau deshalb müssen wir sie unterstützen.« Tatsächlich hatten nicht nur Gebäudereiniger aus Bremerhaven, Baden-Württemberg, dem Saarland und NRW den Weg nach Essen auf sich genommen. Eine Putzfrau aus Magdeburg äußerte sich zum Einzug der gewerkschaftsfeindlichen AfD in den Bundestag: »Da war natürlich auch viel Protest dabei. Ich glaube die Rechten werden sich schon selbst zerlegen.« Für andere Gewerkschafter wurde die Ost-West-Angleichung gerade wegen des Rechtsrucks im Lande zu einem zentralen Thema. Man müsse endlich den Riss, der durch das Land geht, schließen, hieß es in mehreren Reden. Die IG BAU spricht offiziell auch nicht mehr von Ostdeutschland, sondern von der Region SATS (Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen). Das Unternehmerlager zeigt derzeit wenig Interesse, Risse zwischen Ost und West zu kitten und damit die zunehmende Spaltung zwischen Arm und Reich zu stoppen. Die Angebote liegen noch meilenweit von den Forderungen der IG BAU entfernt, so dass mit Streiks ab Januar 2018 zu rechnen ist.

Die Demo für den Tarifkampf war laut und kraftvoll, sie war auch bunt und phantasievoll. Ein Aspekt blieb allerdings völlig unerwähnt. Ein Branchentarif, der per Gesetz als allgemeinverbindlicher Branchenmindestlohn für alle Unternehmen gilt, auch für solche, die weder gewerkschaftlich erschlossen sind noch Betriebsräte kennen, ist ein Papiertiger. Er wird an vielen Orten durch Tricks und kriminelle Machenschaften ausgehebelt und sabotiert. Er fordert die Bosse geradezu zu kriminellen Machenschaften heraus, insbesondere da Staatsanwaltschaften und Steuerfahndung keine Anstalten unternehmen, den Sumpf aus kriminellen Subunternehmern auszutrocknen. Hierauf muss eine Antwort gefunden werden.

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