Aus: Ausgabe vom 27.09.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Wunden lecken

Die Linke nach der Bundestagswahl: Herbe Verluste im Osten, Zugewinne im Westen. Neue Fraktion trifft sich erstmals in Berlin

Von Markus Bernhardt
Fraktionssitzung_Die_54837069.jpg
Zeit für Opposition in der Opposition: Fraktionschef Dietmar Bartsch am Dienstag in Berlin

Wie das Land sozial gestaltet wird, daran will Die Linke das künftige Berliner Regierungsbündnis messen. »Wir werden die Opposition sein, die soziale Opposition in diesem Land«, sagte Fraktionschef Dietmar Bartsch laut dpa am Dienstag in Berlin. Er zeigte sich nicht überzeugt, dass es zu einer »schwarz-gelb-grünen« Koalition kommen wird. »Ich habe eine gewisse Skepsis, wie das alles zusammengeht.« Klar sei, »dass das keine leichten Jahre werden«, so Bartsch weiter.

Bei der Bundestagswahl am vergangenen Sonntag konnte die Partei Die Linke mit 9,2 Prozent der Wählerstimmen ihr Ergebnis von 2013 leicht verbessern. Fünf Parlamentarier gewannen in ihren Wahlkreisen Direktmandate. Einen Überraschungscoup landete dabei Sören Pellmann im Wahlkreis Leipzig II. Die weiteren vier Direktmandate gewann die Partei erneut mit Gesine Lötzsch, Gregor Gysi, Petra Pau und Stefan Liebich in den Berliner Bezirken Lichtenberg, Treptow-Köpenick, Marzahn-Hellersdorf und Pankow. Trotz dieser in der Bundeshauptstadt zu verbuchenden Erfolge gerät Die Linke zunehmend unter Zugzwang. So konnte die AfD in Marzahn-Hellersdorf 21,6 Prozent der Stimmen erzielen. Die Sozialisten erreichten hier nur noch 26,1 Prozent und verloren im Vergleich zu 2013 satte 6,8 Prozentpunkte, die AfD hatte einen Zuwachs von 15,3 Prozentpunkten. Im Westbezirk Neukölln gewann Die Linke hingegen 9,1 Prozentpunkte hinzu, kam auf 18,3 Prozent.

Auch in den ostdeutschen Ländern setzte sich der seit geraumer Zeit zu beobachtende Trend der Abwanderung bisheriger Wähler fort. Nur noch 17,1 Prozent der Wähler votierten im Osten für Die Linke. 7,2 Prozent waren es durchschnittlich im Westen. Damit glichen die westdeutschen Landesverbände die Verluste im Osten aus. Das zeigt auch ein Blick auf die neue Bundestagsfraktion: 38 Abgeordnete kommen aus den westdeutschen Bundesländern, nur noch 31 aus dem Osten und Berlin. Die größte Landesgruppe entsendet die Partei mit nunmehr zwölf (2013: zehn) Bundestagsabgeordneten aus Nordrhein-Westfalen. Zuspruch erfährt die Linke zunehmend in akademischen und urbanen Milieus, dafür jedoch immer weniger bei ihren bisherigen traditionellen Wählern aus dem ländlichen Raum und bei den finanziell schlechter gestellten Schichten.

Während sich der sächsische Partei- und Fraktionschef Rico Gebhardt nach der Wahl in erklärter »Demut und Nachdenklichkeit« übte, zeigte sich Sascha H. Wagner, Landesgeschäftsführer der NRW-Linken, mit dem Wahlergebnis seines Landesverbandes zufrieden. »Luft nach oben ist natürlich immer, trotzdem konnten wir mit einer Erhöhung unserer Abgeordnetenzahl einen guten Erfolg verbuchen«, sagte er am Dienstag im Gespräch mit jW. Allein in den letzten Tagen seien außerdem mehr als 200 neue Mitglieder in den Landesverband eingetreten. Die Bundesgeschäftsstelle berichtete von über 500 Eintritten, die bei ihr registriert worden seien. »Es zeigt, dass unser Engagement für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität wirkt«, sagte Wagner. So sei es etwa »dem anhaltenden antifaschistischen Engagement« der Linken geschuldet, dass die »AfD im katholisch-konservativ geprägten Münster unter der Fünfprozentmarke gehalten werden konnte«. Die Linke erhielt hier 10,1 Prozent.

Zwar haben die Sozialisten ihre bisherige Rolle als Oppositionsführerin verloren, wollen sich davon aber nicht beeindrucken lassen. Am Dienstag kamen die Abgeordneten zu ihrer ersten gemeinsamen Sitzung nach der Wahl zusammen. 27 Mitglieder sind neu. Personelle Veränderungen an der Fraktionsspitze werden nicht erwartet. Zwar soll diese erst bei einer Klausurtagung im Oktober gewählt werden, es gilt jedoch als sicher, dass die beiden Vorsitzenden Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch von einer übergroßen Mehrheit der Abgeordneten bestätigt werden.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • In Leipzig hat Die Linke erstmals ein Direktmandat in Sachsen geholt. Ein Gespräch mit Adam Bednarsky
    Markus Bernhardt