Aus: Ausgabe vom 25.09.2017, Seite 11 / Feuilleton

»Das kann einfach nicht stimmen«

Protest gegen Ergebnis der Bundestagswahl vor Russischer Botschaft in Berlin

Von Pjotr Münchhausen
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»Allen Deutschen und erst recht allen EU-Bürgern herzliches Beileid«

Rund 2.000 Menschen haben sich am späten Sonntag abend vor der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin versammelt, um gegen das Ergebnis der Bundestagswahl zu protestieren. Sie hielten Plakate mit Sprüchen wie »Das ist nicht euer Ernst«, »Schon wieder die Merkel« und »Was haben wir euch in den letzten 72 Jahren getan?« und verlangten das sofortige Eingeständnis einer russischen Wahlmanipulation, damit die Abstimmung so schnell wie möglich wiederholt werden könne. »Die meiste Zeit habe ich die Gerüchte ja selbst nicht ernst genommen«, sagte der Anmelder der Spontankundgebung, Reiner W. Ahnfried, im Gespräch mit junge Welt. »Die Umfragen der letzten Wochen gaben mir schon zu denken. Und als dann das Ergebnis da war, hab’ ich mir gedacht, das kann einfach nicht stimmen.« Da habe er auf seiner Facebook-Seite sofort einen Demoaufruf veröffentlicht. »Der ist gleich 598mal geteilt worden.« In seinem Bekanntenkreis hätten die meisten Leute »nette, harmlose Kleinparteien wie die Piraten, die Tierschutzpartei oder die MLPD« gewählt.

Darauf angesprochen, dass hier aber schon ein paar komische Leute dabei seien, versicherte Ahnfried, nicht alle Versammlungsteilnehmer persönlich zu kennen. Er distanziere sich »sowohl von den SPD-Heulsusen, die immer noch nicht fassen können, dass Martin Schulz nicht Kanzler geworden ist, als auch von dem Opa mit dem Quadratbärtchen«. Letzterer hatte sich eine absolute Mehrheit der AfD erhofft und erklärte auf Nachfrage, die Russen seien eben doch zu nachtragend, um einer deutschnationalen Partei zum »wohlverdienten Endsieg« zu verhelfen. »In der Lügenpresse stand doch in letzter Zeit immer, dass die uns jetzt mögen und in der Lage sind, uns zu helfen«, beschwerte er sich. »Aber von wegen. So ein Beschiss!« Gertrud Steinmeyer von der SPD hielt zu dem Mann den größtmöglichen Abstand, wollte aber die Kundgebung nicht verlassen, bevor sie am offenen Mikrophon ihrer Enttäuschung Ausdruck verleihen konnte. »Der Martin war so engagiert und zuversichtlich«, betonte sie schluchzend. Das werde sie den Russen nicht verzeihen. Putin führe sich sowieso auf wie ein blutrünstiger Zar – und überhaupt: Die Pickelhaube ihres Urgroßvaters sei noch einsatzbereit.

Der stellvertretende russische Botschaftsrat Iwan Iwanowitsch Iwanow wollte auf Nachfrage keine Verantwortung für das Wahlergebnis übernehmen, sprach aber »allen Deutschen und erst recht allen EU-Bürgern« sein herzliches Beileid aus.

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