Aus: Ausgabe vom 23.09.2017, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage

Verschüttete Wurzeln

Kleine Völker Russlands. Im europäischen Teil der Föderation sind die finno-ugrischen Sprachen und Kulturen kaum noch zu Hause

Von Alexandre Sladkevich
die Stadt Joschkar-Ola, 1584 auf dem Gebiet des Volkes der Mari
Blick auf Joschkar-Ola: Die heutige Hauptstadt der russischen Teil­republik Mari El wurde 1584 auf finno-­ugrischem Gebiet gegründet

Seit Urzeiten siedeln sie hier. Doch im Alltag sucht man nach Spuren ihrer Identität meist vergeblich in den Teilen Europas, die seit Jahrhunderten unter russischem Einfluss stehen. Wenn ein Echo der finno-ugrischen Ursprünge überhaupt wahrnehmbar bleibt, ist das jenen Menschen zu verdanken, die sich für den Erhalt dieser Sprachen und Kultur einsetzen. So wie Maria Spizyna (38), die in Petrosawodsk, der Hauptstadt der Republik Karelien, 400 Kilometer nordöstlich von Sankt Petersburg, lebt. Maria arbeitet bei der karelischen Zeitung Oma Mua (deutsch »Heimatland«). Nebenher schreibt sie Geschichten für Kinder. Mit Stolz berichtet die Karelierin über ihre Vorfahren: »Meine Wurzeln liegen im Runensänger-Stamm von Remschijewy.« Solche Runen, von wandernden Sängern mündlich überlieferte Volksdichtungen, beherrschen heute nur noch einige wenige alte Menschen. Fünfzig Runen, die epischen Lieder, bilden das Epos Kalevala, das auf uralte mündliche Überlieferungen aus Finnland und Karelien zurückgeht. Zusammengestellt wurde es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Elias Lönnrot (1802-1884), der die Volksdichtung aufgezeichnet hat.

»Meine Großmutter war eine sehr bekannte Erzählerin. Selbst aus Japan und Finnland kamen Wissenschaftler, um von ihr Tonaufzeichnungen zu machen.« Ihre Mutter, berichtet Maria, habe auch das Neue Testament und das Epos Kalevala ins Karelische übersetzt. Die karelische Sprache besteht aus drei Hauptdialekten: das eigentliche Karelisch, das Livvische und das Lüdische. Sie unterteilen sich ihrerseits wieder in über zwanzig lokale Mundarten. Etwa fünfzehn weitere sind bereits ausgestorben. Einen Sonderplatz nimmt der Twer-Dialekt ein. Er wird ausschließlich von den Twer-Kareliern in der im Westen Zentralrusslands zwischen Petersburg und Moskau gelegenen Oblast (deutsch: Gebiet) Twer gesprochen.

Diese Zersplitterung in verschiedene Dialekte erschwerte die Schaffung einer einheitlichen karelischen Schriftsprache. Marias Kollegin, die Nordkarelierin Olga Milentjewa (39), erzählt, dass sie mit Hilfe der wöchentlich erscheinenden Zeitung versuchen, die Karelier, die Lüdier und die Livviki, und damit die Süd- und die Nordkarelier, miteinander in Kontakt zu bringen. »Gäbe es eine einheitliche Sprache, wäre es einfacher. Dann würden wir staatlich gefördert werden«, klagt Olga. »Die Karelier stellen nur etwa zehn Prozent der Bevölkerung in der Republik und noch weniger beherrschen überhaupt die Sprache.« Von der UNESCO – der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur – wurde das Karelische bereits als gefährdet eingestuft. Im 13. Jahrhundert nahmen die Karelier den russisch-orthodoxen Glauben an. Infolge der kulturellen und sprachlichen Assimilierung schrumpft seitdem die Anzahl der Sprach- und Kulturträger, in neuerer Zeit immer rascher.

Mündliche Überlieferung

Die Karelierin Margarita Kempajnen (59), die ebenfalls für Oma Mua tätig ist, erzählt, dass ihr das karelische Christentum sehr wichtig sei. Doch auch heidnische Bräuche hätten sich darin erhalten. »Meine Mutter badete mal in einem Waldsee mit abgestandenem Wasser und bekam daraufhin Fieber. In einer der Nächte darauf nahm sie mich mit aufs Feld. Dort verbeugten wir uns vor den Herren des Waldes und der Erde in alle vier Himmelsrichtungen. Daraufhin wurde sie wieder gesund. Diese Verbindung von Gottes- und Naturgesetz ist wunderschön!« findet Margarita.

Die 1711 gegründete Mariä-Entschlafens-Kathedrale (Uspenskij-Kat
Die Finno-Ugrier zählen zu den uralischen Völkern. Heute bilden sie in Russland verstreut ­lebende Minderheiten

Sie singt in in ihrer Freizeit in einem Chor, in dem in den Proben alle karelischen Dialekte zu hören sind. »Wir sind kein einfacher Chor, wir tragen unsere Kultur weiter. In dieser wurde immer alles mündlich überliefert.« Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit der Nationaltracht und bastelt Puppen nach alter Tradition. Wegen ihres Handwerks wird sie häufig in Schulen eingeladen. »Ich bin eine Praktikerin und eine Propagandistin«, lacht Margarita. Dann klagt sie: »Es gibt einfach zu wenig Karelier in der Republik. Hier in der Stadt fehlen mir die Sprachpraxis und ein karelisches Radioprogramm.« Wieder munterer fährt sie fort: »Nur die Wepsen sind noch altertümlicher als wir.« Das kleine indigene finno-ugrische Volk der Wepsen zählt russlandweit weniger als 6.000 Köpfe. Die vom Aussterben bedrohte Ethnie gliedert sich in die Nord-, Mittel- und Südwepsen. Die Zeitung Kodima, die zum Teil auf Russisch erscheint, ist ihr wichtigstes Sprachrohr. Margarita empfiehlt, ihre Nachbarin Olga Smotrowa zu besuchen, um mehr über diese Volksgruppe zu erfahren.

Olga (27), sie hat nicht nur Angehörige unter den Wepsen, versteht deren Sprache, spricht sie aber nicht selbst. Sie beherrscht hingegen das Lüdische, welches der wepsischen Sprache ähnelt. »Etwas ist vom Heidentum übriggeblieben«, meint sie. »Man geht wie früher stets nur vor Sonnenuntergang in die Banja (russisch für Dampfbad, jW). Kaum jemand kann erklären, warum das so ist. Und man glaubt an den Hausgeist, an Herrscher über das Wasser und den Wald.« Doch sie wisse zu wenig darüber. Olga kontaktiert ihre Großmutter und erfährt: »Wenn eine Kuh verlorenging, baten die Menschen den Waldgeist, Mecizand, um Hilfe. Außerdem wurden Katzen als heilig angesehen, man durfte sie nicht kränken. Und vor dem Essen beteten die Menschen, damit das nicht ihre letzte Mahlzeit wird.« Doch heute würden die Menschen ja leider an gar nichts mehr glauben.

In Kareliens Hauptstadt Petrosawodsk spürt man nicht, dass es sich um das Zentrum einer Nationalrepublik handelt. In Kem, Rabotscheostrowsk und anderen abgelegenen Ortschaften findet sich hingegen noch die typische karelische Holzarchitektur. Auch Kirchen sind dort in dieser Bauweise errichtet. Und nach wie vor werden dort Kalitki gebacken, kleine offene Teigtaschen, gefüllt mit Hirsebrei, Quark oder Kartoffelpüree.

An die Peripherie verbannt

Ortswechsel. Auch in der Republik Mordwinien gibt es Menschen, die sich für den Erhalt ihrer Sprache und Traditionen einsetzen. Obwohl die hier lebenden finno-ugrischen Völker der Ersja und Mokscha erst im 18. Jahrhundert zum Christentum bekehrt wurden, gelten sie als die am stärksten christianisierten des Wolga-Gebiets. Selbst die Namen dieser Völker sind in Russland nur den wenigsten ein Begriff. Bekannt sind sie lediglich unter der rätselhaften Sammelbezeichnung Mordwinen. Der wird von vielen ihrer Vertreter jedoch als beleidigend empfunden. In Mordwinien lebt noch ein winziges Volk der Schokscha, das als eine Untergruppe der Ersja gilt. Eine weitere, die der Terjuchen, verschmolz vollständig mit der russischen Bevölkerung. Zu den Karatajen wiederum, Untergruppe der Mokscha, zählen nur etwa 100 Menschen, die in der weiter östlich gelegenen Republik Tatarstan leben.

Kriegsdenkmal in Saransk. Die Mutter-Figur in Nationaltracht des
In historischer Tracht: die Mutterfigur des Kriegsdenkmals in Saransk

Im Ausland ist Mordwinien bestenfalls durch den französischen Filmstar Gérard Depardieu bekannt, weil er in dessen Hauptstadt Saransk, etwa 600 Kilometer südöstlich von Moskau, einen Wohnsitz angemeldet hat. Saransk weist nur wenige ethnische Elemente auf. Dazu zählen einige bilinguale Aufschriften an Gebäuden und dreisprachige Straßenschilder, auch ein paar Ornamente und Plastiken im öffentlichen Raum kann ich bei meinem Besuch hier ausmachen. Das Nationalgericht, die Bärenpfote (Owton lapat oder Ofton madjat), lässt sich nur mit viel Mühe in einem Restaurant der Stadt finden. Es handelt sich dabei um ein Hacksteak aus Schweine- und Rindfleisch, das mit Zwiebackstücken, welche die Bärenkrallen symbolisieren, gebraten wird.

Die Ersja Tatjana Matorkina (27) ist Korrespondentin der Zeitung Ersjan prawda (»Ersjanische Wahrheit«). Sie erzählt mir: »Besuche ich mein Heimatdorf, habe ich den Eindruck, dass dort unsere Sprache noch lebendig ist. Bewege ich mich aber durch Regionen, in denen die Ersja in der Minderheit sind, muss ich leider feststellen: In den Familien wird ausschließlich Russisch gesprochen.« Auch hier in Saransk höre man die ersjanische Sprache kaum einmal. Die UNESCO zählt auch Ersjanisch und Mokschanisch zu den gefährdeten Sprachen.

Alexsander Daniltschew (24) ist ein guter Bekannter von Tatjana. Ersjanisch ist seine Muttersprache, und er sieht sich als Ersja an. Alexander ist Sprachlehrer, Philologe und Linguist. Er beherrscht auch Mokschanisch. Da er oft im Fernsehen zu sehen ist, wird er immer wieder von Leuten auf der Straße erkannt und begrüßt. »Ich verteidige die Sprache und die Kultur. Wenn jemand aus einem Dorf nach Saransk umzieht, stellt er sich auf Russisch um, wenn er nicht andere Muttersprachler findet. Wir suchen nach solchen Menschen.« Wenn Alexander sieht, dass ein Aushang fehlerhaft geschrieben wurde, weist er darauf hin und bietet kostenlos Hilfe an. Stets versucht er es zu vermeiden, russische Wörter ins Ersjanische einzuflechten. »Sogar im Fernsehen hört man eine Mischung der Sprachen. Ich suche nach Möglichkeiten, das eine oder andere Wort verständlich ins Ersjanische zu übertragen. Zum Beispiel: Ein Flugzeug – ein Himmelsboot – oder U-Bahn – eine unterirdische Eisenbahn.« Er dehnt die Wörter und spricht langsam.

Auf Vorschlag von Alexander besuchen wir beide seinen Freund, den Musiker Nikolaj Karpow. Nikolaj (27) wohnt und arbeitet als Hausmeister in einer lutherischen Kirche, religiös ist er nicht. Er bezeichnet sich selbst als Mordwine-Ersja, weil er seine Kindheit außerhalb der Republik verbrachte. Daher löst das Wort Mordwine bei ihm nichts Negatives aus. »Obwohl ich mich immer überwiegend auf Russisch unterhielt, wächst das Ersjanische in meinem Bewusstsein mehr und mehr«, betont er. Gerne trägt Nikolaj seine Titel in dieser Sprache vor. »Mein Repertoire besteht zu dreißig Prozent aus den ersjanischen Liedern und zu 70 Prozent aus russischen.«

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Die Finno-Ugrier zählen zu den uralischen Völkern. Heute bilden sie in Russland verstreut ­lebende Minderheiten

Mythologische Quellen

Das nächste Ziel der Reise ist die Siedlung Podlesnaja Tawla im Landkreis Kotschkurowski, bekannt ist sie für ein traditionelles Handwerk, die dekorative Holzschnitzerei. Hier lebt der Ersja Pjotr Rjabow (52). Der Holzschnitzer ist Leiter der hiesigen Vereinigung »Jermes« seiner Kollegen und auch des völkerkundlichen Romaschkin-Museums. Dessen Name erinnert an den verstorbenen Folkloristen, Musiker, Wissenschaftler und Pädagogen Wladimir Romaschkin (1951-2002), welcher hier sehr verehrt wird. Pjotr äußert sich tief betrübt: »Wir befinden uns am Rande des Abgrunds. Unser Volk verschwindet und mit ihm unsere seltene, wertvolle Sprache. Eine großartige Kultur mit großartigen Traditionen, die über Jahrhunderte herausgebildet wurden.« Manche Wörter sagt er auf Ersjanisch und übersetzt sie dann ins Russische. »Alles ist auf Russisch, egal, wohin man schaut. Wenn ich einen Antrag auf Ersjanisch stellen würde, würde ihn niemand berücksichtigen.« Das sei so, obwohl Ersjanisch, Mokschanisch und Russisch als Amtssprachen theoretisch gleichberechtigt seien. »Wichtig wäre, dass die Beamten die Gesetze einhalten und Gelder so einsetzen, dass sie befolgt werden können. Doch wenn das jemand einfordert, wird er schnell als Nationalist gebrandmarkt.« Pjotr gehört zu denen hier, die seit den 1990er Jahren versuchen, ihren traditionellen Glauben zu beleben. »Die heiligen Haine und die Bittgebete blieben erhalten. Insofern konnten wir die heidnischen Riten rekonstruieren.« 2016 hätten sich mehr als 5.000 Menschen am heiligen Tag Rasken ozks am Volksbeten beteiligt. Pjotr unterstreicht: »Viele Holzschnitzer, so auch ich, beziehen ihre Inspiration aus der Mythologie.«

Der Kunsthandwerker holt Gemüse aus seinem Garten, serviert hausgemachten Speck und selbstgebrannten Schnaps, Tschenks. Er hebt das Glas und zitiert den Dichter Alexander Arapow (1951-2002): »Im ersjanischen Land sind die Winter – russisch, die Lieder – russisch, die Schriftzeichen – russisch, nur die Tränen sind die unseren.«

Langsamer Tod

Am Mittellauf der Wolga, in der autonomen Republik Mari El, haben sich die ursprünglichen Bräuche der finno-ugrischen Völker noch am ehesten erhalten. Doch die zwei verbreitetsten Mari-Dialekte (deren Namen bezeichnen auch die Menschen) – Wiesenmari und Bergmari – gelten als gefährdet und stark gefährdet. Die Wiesenmari Marina Sokolowa (25) ist Sprachlehrerin und lebt in Joschkar-Ola, der Hauptstadt der Republik. Sie teilt ihre Beobachtung mit: »Durch den russischen Einfluss ändert sich die Mari Sprache beständig, werden immer mehr russische Wörter eingeflochten.«

In Joschkar-Ola findet man bilinguale Straßenschilder und eine Handvoll ethnischer Ornamente. Vereinzelt werden die Speisen der Nationalküche angeboten. Darunter Podkogylo (dreieckige Teigtaschen mit Fleisch), Sokta (hausgemachte Blutwurst) und Komanmelna (Pfannkuchen aus Mehl und Grieß). Mehr bietet die Stadt in dieser Beziehung kaum. Eine Erklärung liefert der Wiesenmari Roman Schabdarow (21): »Die Regierung unserer Republik unterstützt uns als Minderheit kaum. An den Schulen wird die Sprache meist nur oberflächlich unterrichtet. Sie ist so stark bedroht wie noch nie!« Roman ist ein Aktivist der Jugendorganisation Wij-Ar, die sich für die Kultur der kleinen Völker einsetzt. »Das ist meine Pflicht. Ich bin ein Tschi-Mari«, sagt er. Damit meint er, dass er ein Mari ist, der den traditionellen Glauben, die Sprache und Kultur bewahrt. »Die Regierung verweigert uns Gelder und Genehmigungen für bestimmte Veranstaltungen. Statt uns zu unterstützen, wird nur schöngeredet.«

Wie Roman schätzen viele Mari ein, dass Leonid Markelow, der aus Moskau stammt und die Republik von 2001 bis 2017 regierte, an der Kultur der Mari überhaupt nicht interessiert war. Als Erbe seiner Epoche hinterließ er eine rot gemauerte Festung, einen Kreml nach Moskauer Vorbild. Dazu ein Rathaus, das an das im toskanischen Siena erinnert, eine Uferstraße mit der für Brügge typischen Architektur und einen Platz, der nach Venedig aussieht. Dazu etliche Kirchen und christliche Skulpturen. Aber nur eine einzige Plastik mit nationalen Bezügen.

Schon als Kleinkind nahm Roman an den heidnischen Opfergottesdiensten teil. Detailliert berichtet er von den Zeremonien zu Hause und im heiligen Hain, geleitet vom Kart, dem Opferpriester. Von den großen Kesseln über einer riesigen Feuerstelle, in denen das Fleisch eines jungen Bullen oder eines Hammels gekocht wurden. Vom Opfermahl aus Geflügel und Getreide. Der Christianisierung, die ungefähr im 16. Jahrhundert einsetzte, konnten sich die Mari relativ gut entziehen. Doch nun sterben ihre Sprache und Kultur allmählich aus. Die Mari gelten als die letzten Heiden Europas.

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Geschichte und Gegenwart der Minoritäten im Vielvölkerstaat

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