Aus: Ausgabe vom 22.09.2017, Seite 15 / Feminismus

Sich und andere befreien

Ein Film über Künstlerinnen, die ihr Leben der Stärkung von Frauen und Mädchen ­gewidmet haben – in Brasilien, Indien, dem Senegal und Kenia

Von Jana Frielinghaus
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Jhulan, eine der von Sohini Chakraborty ausgebileten Tanztherapeutinnen und selbst Überlebende von sexualisierter Gewalt

Schlicht ergreifend ist das Werk von Sophia Kruz, das vergangenen Sonntag im brandenburgischen Bad Saarow im Rahmen des Festivals »Film ohne Grenzen« Deutschlandpremiere hatte. Vier sehr unterschiedliche Frauen hat die US-Filmemacherin porträtiert. Sie alle verfügen über ein außergewöhnliches Maß an Energie, die sie seit Jahren für ihre »Schwestern« einsetzen. Sie geben seelisch und körperlich schwer Verwundeten über kreatives Arbeiten Lebenskraft zurück. Tragen dazu bei, dass sie ökonomisch unabhängig werden. Propagieren die Überwindung von Bräuchen, die Frauen schaden. Die Szenerie wechselt ständig zwischen ihrem so verschiedenen und auf bestimmte Weise doch ähnlichen Alltag, ohne dass dies verwirrend ist. Vielmehr ergibt sich ein Mosaik von beeindruckender Schönheit, und ein kreisförmiges Bild miteinander verbundener Frauen, gefertigt aus bunten Keramiksteinen, bildet eine Art wiederkehrendes Motiv, das auch der Titel der Dokumentation aufnimmt: »Little Stones«. Jede der vier, heißt es auf der Filmwebsite, trage durch ihre Kunst einen Stein zum »Mosaik der Frauenbewegung« bei.

Da ist Sohini Chakraborty, Soziologin und ausgebildet in klassischem indischen Tanz. Seit mehr als 20 Jahren unterstützt sie in der indischen Metropole Kolkata Mädchen und Frauen, die zur Prostitution gezwungen und durch Hilfsorganisationen gerettet wurden. Sohini Chakraborty spürte schon 1996, als sie als Freiwillige in einem Schutzhaus einer solchen Initiative arbeitete: Hier wurde den jungen Frauen zwar Ausbildung und Essen geboten, ihre Traumata aber wurden nicht angerührt. So begann sie, mit ihnen zu tanzen – und sie nach und nach dazu zu bringen, ihre Geschichten zu erzählen. In der Zeit ihres Leidens, sagt Chakraborty, hätten sie Körper und Geist voneinander abgetrennt, um zu überleben. Sie wolle, dass die Frauen sich wieder spüren lernen, trotz alledem. Mit zahllosen Opfern hat sie gearbeitet und mehr als 60 Frauen zu Tanztherapeutinnen ausgebildet.

Fatou Diatta stammt aus dem Senegal, wo sie sich in der männlich geprägten Musikszene und gegenüber ihrer Familie ihren Platz erkämpft hat. Die Rapperin ist in Westafrika berühmt. Seit 2006 lebt sie in Berlin, hat eine achtjährige Tochter. Sie war mit einem Österreicher verheiratet, inzwischen haben sich die beiden wieder getrennt. Seit Jahren engagiert sich »Sister Fa«, so ihr Künstlerinnenname, gegen Genitalverstümmelung. Sie selbst wurde als kleines Mädchen auf diese Weise grausam verletzt. Jedes Jahr hält sie sich viele Wochen lang in ihrem westafrikanischen Heimatland auf, wie sie in Bad Saarow berichtete – und nicht nur ein paar Tage, wie ihr im Film ein Vertreter einer Nichtregierungsorganisation vorwirft. Mit Leuten vom evangelikalen Hilfswerk »World Vision« reist sie in abgelegene Dörfer, diskutiert dort mit 13- bis 14jährigen Mädchen und Jungen über die Beschneidung und gibt Gratiskonzerte. Sister Fa ist optimistisch, dass diese junge Generation ihren Töchtern das nicht mehr antun wird.

In Rio de Janeiro wimmelt es von aufwendig gestalteten Graffitis. Panmela Castro, die dritte Protagonistin, gehört zu den Menschen, die die teilweise riesigen Kunstwerke geschaffen haben. In Brasilien hat sie sich nicht nur mit den Bildern – in einer ebenfalls von Männer dominierten Szene – einen Namen gemacht, sondern auch als Aktivistin gegen häusliche Gewalt. Die hat sie selbst erlitten. Castro veranstaltet Graffiti-Workshops – um eine Chance zu haben, auch Jungen zu erreichen, sie mit dem Thema Gewalt gegen Frauen zu konfrontieren.

Und dann ist da noch Anna Taylor, eine junge Designerin aus dem US-Bundesstaat Arkansas, die als 22jährige in Nairobi ein Modelabel und eine gemeinnützige Organisation gründete, in der Frauen zu Schneiderinnen ausgebildet werden. Sie arbeiten anschließend in der Produktionsstätte der Firma »Judith and James« – Judith ist der Vorname ihrer kenianischen Partnerin – und können mit ihrem Job in einem von Massenerwerbslosigkeit geprägten Umfeld ihre Familien ernähren. Wie die anderen drei in »Little Stones« zahlt die in Nairobi lebende Taylor einen hohen Preis für ihr Engagement. Sie verzichtet weitgehend auf Privatheit und Familienleben. Und doch wirkt sie wie Diatta, Castro und Chakraborty hingebungsvoll und glücklich in ihrer Arbeit mit anderen und für andere Frauen.

In der Bundesrepublik hat der Film – der auf dem Festival mit deutschen Untertiteln lief – keinen Verleih gefunden. Er werde deshalb voraussichtlich nicht in hiesigen Kinos gezeigt, sagte Susanne Suermondt, Vorsitzende des Vereins »Film ohne Grenzen«, gegenüber jW. Doch die Filmwebseite führt weiter zu den Internetpräsenzen der vier Künstlerinnen und zu ihren Projekten – und stellt Produktionsteam, Herangehensweise und weitere Personen vor, die in der Doku zu Wort kommen.

»Little Stones«, Regie: Sophia Kruz, USA 2017, 87 min, OmU

littlestones.org

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