Aus: Ausgabe vom 21.09.2017, Seite 11 / Feuilleton

Landnahme in großem Stil

Gegen das verdummende Bild von Afrika in den Mainstreammedien: Heute beginnt das »Afrika Film Festival Köln«, das es seit 25 Jahren gibt

Von Arnold Schölzel
FÉLICITÉ
Überleben mit Hilfe von Kunst im gnadenlosen Kinshasa: »Félicité«

Afrika meldet sich kulturell, philosophisch, vor allem aber politisch mit neuem Selbstbewusstsein zurück. Gleichzeitig hat eine neue Auseinandersetzung im Umgang mit dem Kontinent begonnen, in der sich vor allem die Staaten des Westens und China gegenüberstehen. Davon hierzulande eine Ahnung zu bekommen, ist mit Mainstreampresse und Staatsfunk fast unmöglich: Afrika kommt dort vor bei Hunger, Bürgerkrieg, Terror, korrupten Regierungen, Epidemien sowie – nach dem Takt, den deutschnationale Krähwinkelrassisten wie Höcke oder Sarrazin vorgeben – je nach Hysterisierungszustand Hunderttausenden oder Millionen Migranten, die angeblich nach Europa auf dem Weg sind, um sich hier zu vermehren.

Wen interessiert, was tatsächlich zwischen Kairo und Kapstadt passiert oder wie Künstler dort die eigenen Gesellschaften und die Welt sehen, muss sich hierzulande selbst z. B. ein Afrika-Filmfestival selbst organisieren oder eins besuchen. Das aktuell größte der Bundesrepublik startete vor 25 Jahren als Initiative einiger Enthusiasten mit 22 westafrikanischen Filmen, seine 15. Auflage beginnt heute: das »Afrika Film Festival Köln«. Gezeigt werden bis zum 1. Oktober in der Stadt am Rhein, aber auch in Bonn, Wuppertal und Münster 80 Filme aus 25 Ländern Afrikas – 2016 oder 2017 gedreht. Ein Clou: Viele Regisseure, Musiker und Produzenten werden nach Köln reisen und für Diskussionen zur Verfügung stehen.

Es scheint zwei Gründe für das Wachstum dieses Festivals zu geben: Zum einen ist das Angebot an wichtigen afrikanischen Filmen größer geworden. Kein Zufall, dass bei der diesjährigen Berlinale der Spielfilm »Félicité« des Senegalesen Alain Gomis den Silbernen Bären erhielt: Eine epische Erzählung vom Überleben mit Hilfe von Kunst, von Musik im gnadenlosen Kinshasa. Der Film wird wieder zu sehen sein, Gomis und die Kasai Allstars, die den fulminanten Soundtrack lieferten, kommen nach Köln. Der andere Grund: Dieses Festival wählt sich politische Leitthemen wie kein anderes. In diesem Jahr: »Landgrabbing und Migration«, dem mehr als ein Dutzend Spiel- und Kurzfilme gewidmet sind. Landraub betrifft Millionen von Kleinbauern, es wälzt Gesellschaften um, ist eine auch von Europa zu verantwortende »Fluchtursache«. Kolonialismus war Landnahme in großem Maßstab, nun wird verjagt, wer fruchtbaren Boden bewirtschaftet. Kolonialismus heißt nicht mehr so, wird aber z. B. durch mehr als 1.000 Bundeswehrsoldaten, die allein in Mali stationiert sind, abgesichert.

Wer einen Lehrfilm darüber sehen will, wie nach der Nationalisierung von Land und Bodenschätzen in einem fiktiven afrikanischen Land ein »Volksaufstand« mit Hilfe westlicher Konzerne und Medien organisiert wird, der schaue sich »L’Orage Africain – Der afrikanische Sturm« von Sylvestre Amoussou (wird ebenfalls in Köln sein) aus Benin/Frankreich an (24. 9.): Am Ende retten Russland und China die Souveränität des afrikanischen Staates. Parallelen zu realen Ereignissen sind nicht rein zufällig. Dieser Film wird kaum in europäische Kinos kommen, ihn zu zeigen ein besonderes Verdienst der Kölner.

Kein Zufall ist, dass mehrere Filme, die beim panafrikanischen Filmfestival FESPACO Anfang März in Ouagadougou preisgekrönt wurden, darunter »L’Orage Africain«, hier zu sehen sind. Die Verbindung hat Tradition. Ein Besuch des FESPACO 1993 gab den stärksten Impuls für die Organisierung des Festivals in Köln. Nach 25 Jahren ist seine Zukunft nicht endgültig gesichert, die Themen für 2018 und 2019 stehen aber schon fest: »Migration innerhalb Afrikas« sowie »Fundamentalismus und Migration«.

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