Aus: Ausgabe vom 18.09.2017, Seite 4 / Inland

Solidarität großgeschrieben

Berlin: Tausende auf der Straße für Flüchtlingsrechte und Selbstbestimmung. Drei emanzipatorische Demonstrationen teilweise vereint

Von Jana Frielinghaus und Wladek Flakin
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Mein Körper, meine Entscheidung: Demonstration gegen Fremdbestimmung und Ewiggestrige am Samstag in Berlin

»Die Innenministerkrise lösen«, stand auf einem Banner, das auf der Demonstration »Welcome united!« für die Rechte Geflüchteter und gegen Rassismus mitgeführt wurde. Und auf dem Wagen des »Thea­ter X« aus dem Stadtteil Moabit gab es gelungene De-Mai­zière-Parodien zu bewundern. Die Sonne zeigte sich, als sich am Samstag vor dem Dienstsitz des unter Zugewanderten wohl unbeliebtesten Ministers Tausende Geflüchtete und ihre Unterstützer zu einem langen Marsch durch die Hauptstadt in Bewegung setzten. Im Zug fuhren mehr als 20 phantasievoll gestaltete Lkw und Transporter mit, von denen Musik und Beats schallten und Rednerinnen und Redner die Stimmung anheizten und Slogans wie »Say it loud, say it clear, refugees are welcome here« skandierten. Eine Zeitlang führte die Route an der Spree entlang – währenddessen wurde die Parade auf dem Wasser von einem großen Schlauchboot der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch begleitet.

Parallel zu dieser Manifestation gegen Abschiebungen, gegen die Abschottung der EU und das Sterben im Mittelmeer sowie für gleiche Rechte für alle in der Bundesrepublik Lebenden fanden in Berlin zwei weitere Demonstrationen statt, die sich wiederum gegen den »Marsch für das Leben« von rund 7.000 Abtreibungsgegnern richteten, der in diesem Jahr bereits zum 13. Mal von christlichen Fundamentalisten und anderen Reaktionären veranstaltet wurde. An der Demo des antifaschistisch-queerfeministischen Bündnisses »What the Fuck« nahmen etwa 2.000 Menschen teil. Eine weitere Kundgebung veranstaltete das von zahlreichen Frauen- und Beratungsorganisationen sowie von Linkspartei und Grünen unterstützte »Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung« am Brandenburger Tor.

Der Aufzug der selbsternannten Lebensschützer sollte ein »Schweigemarsch« sein, viele Teilnehmer trugen weiße Kreuze, die für im Mutterleib »getötete Kinder« stehen sollten. Doch die Marschierer bekamen Gegenwind auf fast jeder Straßenkreuzung – mit Trillerpfeifen und Sprüchen wie »Hätte Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben« traten ihnen die Gegendemonstrantinnen entgegen. Mit zahlreichen kleinen Blockaden wurde der Marsch immer wieder gestoppt. Auf einzelnen Schildern im antifeministischen Aufmarsch wurde der Schwangerschaftsabbruch mit der von den Nazis betriebenen Tötung von vermeintlich psychisch Kranken und Menschen mit Behinderungen verglichen. Aber die große Mehrheit trug vorgefertigte Plakate, auf denen etwa eine »Willkommenskultur für Babys« gefordert wurde.

Die Veranstalter der beiden Demos für sexuelle Selbstbestimmung hatten sich bereits im Vorfeld solidarisch mit der Parade der Geflüchteten erklärt, und auch das Bündnis »Welcome United« hatte bekundet, die Ziele der Feministinnen zu unterstützen. Auf der Flüchtlingsdemo fuhren zudem zwei Wagen mit, auf denen die Rechte der Frauen thematisiert wurden. Einerseits hatte die seit Jahren sehr aktive Gruppe »Women in Exile« einen eigenen Transporter gestaltet. Einen weiteren Wagen stellte das im Frühjahr gegründete Feministische Netzwerk.

Der Zug der Geflüchteten traf zweieinhalb Stunden nach dem Start am Endpunkt der Route ein, dem Oranienplatz in Kreuzberg, auf dem im Jahr 2013 Geflüchtete ein Protestcamp errichtet, dort monatelang in Zelten gelebt und mit einer Dauermahnwache für ihre Rechte demonstriert hatten. Nahe dem Ziel zahlreiche Anwohner die Demonstration mit großen, selbstbemalten Transparenten, die sie aus ihren Fenstern gehängt hatten.

Rund die Hälfte der nach Veranstalterangaben 7.500 Teilnehmer der Welcome-United-Parade waren Geflüchtete und Migranten aus ganz Deutschland, viele von ihnen seien mit 30 aus Spenden finanzierten Bussen angereist. Nach einer Zwischenkundgebung am Lustgarten im Stadtteil Mitte schlossen sich zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Aktionen für sexuelle Selbstbestimmung dem Zug an, der danach laut Bündnis »Welcome United« auf rund 10.000 Personen anwuchs.


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