Aus: Ausgabe vom 15.09.2017, Seite 16 / Sport

Wasser bis zum Hals

Kann ein Ausnahmetalent den Deutschen Schwimmverband retten?

Von Klaus Weise
Rio_2016_Schwimmen_50318562.jpg
Hier kommt der »Rettungsschwimmer«: Johannes Hintze bei Olympia in Rio

Als es noch zwei deutsche Staaten gab, galten beide jahrzehntelang als Schwimmnationen. Die DDR hatte eine Vielzahl von Athleten in der Weltspitze, die BRD brachte einzelne Stars wie Michael Groß, Gerald Mörken oder Rainer Henkel hervor. Und so hielten es nach dem Anschluss viele für ausgemacht, dass Deutschland die Beckenwettbewerbe auf Jahre hinaus international dominieren werde, wie es Franz Beckenbauer auch für den Fußball prophezeit hatte. Daraus wurde in beiden Sportarten nichts.

Die Fußballer haben die Talsohle einstweilen durchschritten, über Gründe und Ursachen kann man trefflich streiten. Die Schwimmer freilich sitzen, was Topleistungen und Medaillen bei Championaten angeht, beinahe auf dem Trockenen. Im internationalen Vergleich sind sie, wenn man es freundlich ausdrückt, Mittelmaß. Die WM in diesem Sommer hat das noch einmal sehr deutlich gemacht. Nachdem schon bei den Welttitelkämpfen 2015 im russischen Kasan nicht mehr als eine Medaille gewonnen werden konnte, die aber immerhin golden war (Marco Koch, 200 Meter Brust), und bei Olympia in Rio überhaupt kein Athlet des Deutschen Schwimmverbands (DSV) aufs Treppchen kam, sollten sich die Dinge im Juli in Buda­pest endlich zum Besseren wenden. Fehlanzeige. Die auf neue Strukturen und Trainingsmethodik getrimmte Nationalmannschaft musste sich mit einer Silbermedaille durch die Magdeburgerin Franziska Hentke über 200 Meter Schmetterling bescheiden. Schlechter geht’s kaum noch.

Unter den DSV-Nachwuchsschwimmern ist der Anteil derer, die zur erweiterten Weltspitze gehören, nicht wirklich größer. Um sich mit den wenigen tatsächlich konkurrenzfähigen Talenten auf die Junioren-WM Ende August in Indianapolis (USA) konzentrieren zu können, verzichtete der Verband auf die Teilnahme an der Junioren-EM Ende Juni/Anfang Juli in Israel. Das brachte nicht allzuviel. Immerhin lag man am Ende im Nationenranking auf Position elf – bei der Erwachsenen-WM hatte das Hentke-Silber nur für Rang 17 gereicht. Aber auch in Indianapolis war für den DSV nicht mehr als eine Medaille zu holen: »Rettungsschwimmer« Johannes Hintze (18) aus Potsdam gewann Gold über 200 Meter Lagen. Zwar nicht mit einem Juniorenweltrekord, den ihm deutsche Medien vorschnell »unterjubelten« (selten war das Wort so zutreffend), aber nichtsdestotrotz war es eine erstklassige Leistung.

Der schlaksige Brandenburger wird von zwei Trainern betreut: Thomas Luckau und Norbert Warnatzsch, letzterer gilt als »ewiger« Meistermacher (Jörg Woithe, Franziska von Almsick und Britta Steffen waren seine Schützlinge). 1:59,03 Minuten schwamm Hintze in Indianapolis, 1:57,06 Minuten hatte der ebenfalls 18jährige Chinese Qin Haiyang kurz zuvor im Finale der »Großen« bei der WM in Budapest benötigt, aber bis zum Indianapolis-Endlauf damit noch nicht den Weg in die Statistiken gefunden.

Hintze gilt seit Jahren als Supertalent und wurde zum Ärger von Warnatzsch in den Medien auch schon mal mit Michael Phelps verglichen. Im Januar war er an der Schulter operiert worden. Die deutschen Meisterschaften im Juni in Berlin waren sein erster Wettkampf in diesem Jahr. Sein WM-Titel kann den DSV hoffnungsfroh stimmen. Aber es war eine einsame Spitzenleistung. Das zweitbeste Ergebnis erzielte Isabell Gose, die wie Hintze in Potsdam trainiert, als Vierte über 200 Meter Freistil. Zwei weitere Potsdamer wurden Siebte, Wassili Kuhn über 100 Meter Brust und Jan Eric Friese über 100 Meter Schmetterling. Aber das war es dann auch schon in 34 Einzelstreckenfinals. Ob die Potsdamer Kaderschmiede das deutsche Schwimmen zu retten vermag, bleibt abzuwarten.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Sport