Aus: Ausgabe vom 15.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Die zuklappbare Sargcouch

Libretto von Gisela Elsner: Auszüge der Oper »Friedenssaison« in Berlin

Von Kai Köhler
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Wirkungssicher: Gisela Elsner

Die Friedensbewegung hatte schon bessere Zeiten. Heute ist die Kriegsgefahr nicht geringer als in den 1980er Jahren. Doch wo sich jetzt einige tausend Demonstranten gegen die Kriegspolitik versammeln, konnte der Kampf gegen die NATO-Rüstung vor dreißig Jahren zuweilen Hunderttausende auf die Straße bringen.

Der quantitative Erfolg war allerdings oft genug mit politischen Unklarheiten erkauft. Viele Demonstranten forderten gleichermaßen die Abrüstung von Ost wie West – als hätten nicht die USA unter Ronald Reagan eine Politik des Totrüstens verfolgt, als hätte nicht die Sowjetunion konkrete Vorschläge für eine sicherere Welt vorgelegt. Manchmal ersetzte moralische Innerlichkeit die politische Auseinandersetzung: Der Friede müsse im eigenen Herzen beginnen etc. etc., man hört das mitunter heute noch.

Das ist der Preis notwendiger Bündnispolitik. Und wenn man der DKP, der die Schriftstellerin Gisela Elsner (1937–1992) angehörte, einen Vorwurf machen will, dann nicht den, dass sie breite Bündnisse einging, sondern dass sie in solchen Bündnissen ihre Position ganz zurücknahm, in der Sorge, irgendwen zu verschrecken. Und so waren Imperialismusanalyse und Kapitalkritik nicht die Grundlage der Friedenspolitik.

Elsners Libretto zu der Oper »Friedenssaison« (1984) greift diese Mängel satirisch auf. Wenn bei ihr Polizisten auf Friedensdemonstranten einknüppeln, singen letztere den »Gewaltfreiheitswalzer«: »So gewaltfrei wie heut’ war’n wir nie (…) / Nichts geht über den Herrschafts- / Verzicht. / Er allein hat Gewicht.« Da erweist sich der »Polizeichoral« als praktisch überlegen: »Auge um Auge / Zahn um Zahn / So wird das Unrecht / Und auch das Rechte / seit jeher getan.«

Der Text reiht eine böse Idee an die nächste. Der Friedenskampf ist so breit akzeptiert und kommerzialisiert, dass Möbelhäuser eine »zuklappbare Sargcouch« anbieten. Der Rüstungsfabrikant lässt Friedenstauben produzieren, von weißen Exemplaren für Bräute über violette für Kardinäle bis hin zu schwarzen für Kriegerwitwen. Derweil übt sich der Kanzler in Beschwichtigung: »Letztlich stehen in diesem Land schon sechs Betten für Strahlenkranke zur Verfügung. Und bald, sehr bald werden es sogar sieben Betten sein.«

Darauf folgt – es ist ja eine Oper – ein Arioso: »Sieben Bettchen / Kuschelige Bettchen / Muschelige Bettchen / Schmuseweiche Bettchen«. Der Komponist und Sänger Christof Herzog hat den Text in Zusammenarbeit mit der Autorin vertont. Die Gesangsnummern nehmen tradierte Formen auf und wenden sie kritisch. Der Walzer steht nicht für Lebensfreude, sondern für Unbedarftheit; der Choral für Gewalt; das Arioso für die verharmlosende Lüge. Die Musik überdeckt nicht den Text, sondern dient der politischen Erkenntnis.

Das Werk ist so wirkungssicher, dass die Opernhäuser abwinkten. Eine Komposition gegen den Krieg – sentimental, oder besser noch avantgardistisch, den Text in unverständliche Silben zerhackt – wäre damals sowenig ein Problem gewesen wie heute. Die Kritik eines breiigen, pseudolinken Einverständnisses aber ging und geht nicht. Und so wurde die Oper »Friedenssaison« noch nie in Gänze uraufgeführt. Im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus werden heute immerhin Auszüge präsentiert.

»Friedenssaison« (Auszüge), heute 20 Uhr, Brecht-Haus, Chausseestr. 125, Berlin-Mitte


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