Aus: Ausgabe vom 15.09.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Smog über Delhi

Im Vergleich zu ­indischen Metropolen sind ­deutsche Großstädte Klimakurorte. Regierung will ab 2030 nur noch Elektroautos zulassen

Von Thomas Berger
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Ob die Autoindustrie weitsichtig auf Batterieantrieb setzt, wird sich zeigen

Von zuletzt pro Jahr drei Millionen neu zugelassenen Fahrzeugen, die über Indiens Straßen rollen, wurden gerade einmal 5.000 rein elektrisch angetrieben. Eine verschwindend geringe Zahl. Das könnte sich ändern. Denn 2030, so die schon im Mai erstmals verkündete Vorgabe der Politik in Delhi, sollen alle neu zugelassenen Fahrzeuge ausschließlich stromgetrieben sein. Bis dahin wird durch die weitere Steigerung der individuellen Mobilität und den Kaufkraftzuwachs der Mittelschicht ein Jahresbedarf an zehn Millionen Fahrzeugen entstehen, wie die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert. Deshalb ist nun die Industrie gefordert, ihre Produktion zu steigern. Die zehn Millionen Elektroautos, so der Wirtschaftsdienst Bloomberg unter Berufung auf die Angaben der IEA, wären rund das Achtfache aller 1,3 Millionen Elektrofahrzeuge, die momentan auf der ganzen Welt bereits unterwegs sind. Und ein Zehntel der Gesamtzahl, auf die sich die internationale Staatengemeinschaft im Pariser Klimaschutzabkommen als Zielmarke verständigt hat.

Das indische Wirtschaftsblatt Economic Times meldet, das staatliche Unternehmen Energy Efficiency Services (EESL) wolle im Dezember eine Ausschreibung für 25.000 E-Rikschas starten, also eine stromgetriebene Variante des typischen dreirädrigen Minitaxis. Mindestens vier Firmen haben demnach bereits die Abgabe eines Gebots ins Auge gefasst. Neben den kleineren Konkurrenten Lohia Auto, Kinetic Green und Electrotherm ist das vor allem auch Mahindra, schon jetzt doppelter Marktführer. Zum einen ist der Traditionsbetrieb derzeit der einzige einheimische Hersteller, der schon reine Elektroautos baut, zum anderen handelt es sich um den führenden Rikscha-Produzenten, der bereits bei der von der Hauptstadtmetropole Delhi (dort per Gerichtsurteil) ausgehenden Umstellung auf Gasantrieb Vorreiter war.

Außer Mahindra sind es momentan nur ein paar ausländische Marken wie BMW, Volvo oder Honda, die schon mit Elektrofahrzeugen auf dem indischen Markt präsent sind. Doch die Konkurrenz schläft nicht – unter anderem der koreanische Hersteller Hyundai ist in Gespräche mit seinen Zulieferern getreten, unter welchen notwendigen Anpassungen seine E-Autos möglichst bald auch in Indien angeboten werden können. Ashok Leyland, eine vor allem auf Trucks und Busse spezialisierte einheimische Firma, wartete bereits vergangenen Jahr erstmals mit einem Elektrobus auf. Nun hat man sich mit dem Startup SUN Mobility verbündet, um gemeinsam auszuloten, wie die dort verbaute Antriebstechnik mit geringstmöglichem Aufwand an andere Fahrzeugklassen wie Pkw und Lastwagen angepasst werden kann.

Bis es in diesem Fall zu marktreifen Lösungen kommt, können durchaus noch mindestens zwei, drei Jahre verstreichen. Dennoch kann sich Mahindra kaum auf seiner Monopolstellung ausruhen. Denn bereits nächstes Jahr will Rivale Tata seinen neuen Tiago EV zum Kauf anbieten können – dann für 328.000 Rupien (4.700 Euro), nur rund die Hälfte jener 626.000 Rupien, die Kunden derzeit für den »e20 Plus« von Mahindra auf den Tisch legen müssen.

Für »ambitioniert« hält die IEA Indiens für 2030 gesetztes Ziel. Viel müsse noch getan werden. Aber es sei mit geballten Anstrengungen keineswegs unrealistisch. Unter anderem komme es nun darauf an, das Netz der momentan wenigen Elektrotankstellen auszubauen und bei den Komponenten, insbesondere den Batterien, eine einheimische Produktion aufzubauen. Allen voran Ashok Jhunjhunwala, Chefberater des Ministeriums für Erneuerbare Energien und Vordenker solcher Programme wie des anstehenden Großauftrags von EESL, hält dies für dringend geboten, damit Indien nicht abgehängt werde, zitierte ihn dieser Tage noch einmal das Wirtschaftsblatt Mint. Das Medium hatte unter Berufung auf anonym bleibende Insiderkreise auch vermeldet, die JSW-Gruppe des Milliardärs Sajjan Jindal habe mit der chinesischen Zhejiang Geely Holding Group, Muttergesellschaft unter anderem des schwedischen Autobauers Volvo, eine Grundsatzeinigung für ein Joint Venture erzielt. An dem Gemeinschaftsunternehmen sollen beide gleichberechtigt beteiligt sein, die Inder würden dann von den schon vorhandenen Erfahrungen der chinesischen Seite in Sachen Ladestationen und Batterietechnik profitieren.

Recht gut voran kommt man in Indien auch im Bereich der Zweiräder. Mehrere Produzenten von Mopeds und Motorrädern, die im Land wegen der nach wie vor begrenzten Kaufkraft der unteren Mittelschicht noch verbreiteter sind als Autos, haben inzwischen schon Elektromodelle im Angebot oder unmittelbar vor der Markteinführung. Und Transportminister Nitin Gadkari hat der Automobilindustrie gerade noch mal Beine gemacht, in die Zukunft zu investieren, um die notwendigen technischen Lösungen auf den Weg zu bringen. Dass der Umstieg auf E-Mobilität drängt, wissen auch die Bürger. Schließlich sind sie es, die in der Hauptstadt Delhi und anderen Metropolen tagtäglich die auch durch die Fahrzeugabgase verpestete Luft einatmen müssen und von immer mehr dadurch bedingten Krankheiten geplagt werden. Deutsche Städte nehmen sich im Vergleich zu den in Indien gemessenen Werten beinahe wie Luftkurorte aus.

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