Aus: Ausgabe vom 15.09.2017, Seite 8 / Inland

»Fast alle, die studieren, müssen nebenbei jobben«

Das BAföG ist zu niedrig, um unabhängig von der Herkunft ein Hochschulstudium zu ermöglichen. Gespräch mit Nathalie Schäfer

Interview: Ralf Wurzbacher
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Lokal in Frankfurt am Main (Hessen)

Ihr Verband ist Teil eines Bündnisses aus Studierendenvertretern und Gewerkschaften, das in einem zu Wochenanfang veröffentlichten Positionspapier eine »umfassende« Reform der Bundesausbildungsförderung, BAföG, fordert. Die letzte Novelle ist doch gerade einmal seit einem Jahr in Kraft. Wieso besteht jetzt schon wieder Nachholbedarf?

Das BAföG, wie es derzeit besteht, deckt den Bedarf von Studierenden kaum. Da hat auch die letzte Erhöhung wenig gebracht. Eine umfassende Reform ist nötig, weil Mieten und Lebenshaltungskosten stetig gestiegen sind. Nach einer zügigen substantiellen Erhöhung der Fördersätze, die auch gesetzlich festgeschrieben ist, sollte das BAföG künftig regelmäßig und automatisch an gestiegene Bedarfe angeglichen werden.

In welcher Größenordnung müsste die kommende Bundesregierung beim BAföG nachlegen?

Um die Kostensteigerungen der letzten Jahre auszugleichen, müssten die Fördersätze um mindestens 6,5 Prozent erhöht werden. Dass das keine radikale Forderung ist, zeigt sich, wenn man genauer auf die Bedarfssätze schaut. Die Wohnpauschale wurde zuletzt von 224 Euro auf 250 aufgestockt, was aber immer noch fern jeder Realität ist. Für mein WG-Zimmer mit neun Quadratmetern in Frankfurt zahle ich warm 340 Euro, und das ist noch vergleichsweise wenig.

Nach neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts ist die Zahl der BAföG-Bezieher weiter rückläufig. Das liegt auch daran, dass immer mehr Studierende freiwillig auf die Einlösung ihrer Ansprüche verzichten. Wie erklären Sie sich das?

Die Zahl der Geförderten wuchs nicht entsprechend der steigenden Studierendenzahlen. Damit verfehlt das BAföG seinen Anspruch, gleiche Bildungschancen für alle zu garantieren. Zwar sind die Rückzahlungsmodalitäten besser als bei Studienkrediten, weil die BAföG-Schuld bei 10.000 Euro gedeckelt ist. Trotzdem wirkt sich die Rückerstattungspflicht sozial selektiv aus. Gerade junge Menschen mit nichtakademischer Herkunft werden so entweder von der Aufnahme eines Studiums abgehalten, oder sie ziehen es vor, zu jobben, statt sich zu verschulden. Deshalb fordern wir den Ausbau zum Vollzuschuss, um mehr Studierenden die Entscheidung für ein Hochschulstudium zu erleichtern.

Ursprünglich sollte das BAföG im Fall der Höchstförderung der vollumfänglichen Finanzierung eines Studiums dienen. Wie weit sind wir davon heute entfernt?

Fast alle, die studieren, müssen nebenbei jobben, um über die Runden zu kommen. Wer aber in Teilzeit studiert, schafft sein Studium meist nicht in der Regelstudienzeit. Die Koppelung des BAföG an die Regelstudienzeit geht also ebenfalls an der Lebensrealität vorbei.

Welche der etablierten Parteien kommt Ihren Vorstellungen gemäß Programmatik am nächsten?

Gerne wird vor den Wahlen viel versprochen, das ist ja bekannt. Für eine elternunabhängige Förderung plädiert sogar die FDP. Da wir aber Vollzuschuss, Bedarfsorientierung und Elternunabhängigkeit fordern, stehen wir den Positionen der Partei Die Linke am nächsten. Letztendlich können wir die Parteien nicht an dem messen, was sie versprechen, sondern nur an dem, was sie umsetzen, und das war in den letzten Jahren nicht viel.

Sie sagen es. Die SPD nennt sich gerne die »BAföG-Partei«, verspricht jetzt auch allerhand, hat aber in Regierungsverantwortung vier Nullrunden zu verantworten …

In der Bildungslandschaft ist das zu niedrige BAföG ja nicht das einzige Problem. In Baden-Württemberg hat Grün-Schwarz diskriminierende Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer beschlossen. Gleiches droht in Nordrhein-Westfalen durch eine schwarz-gelbe Regierung. Bildung darf kein Privileg sein, das vom Geldbeutel abhängt. Viel eher muss sich eine Gesellschaft fragen, welche Art Bildungssystem sie will: eines, das Menschen ausschließt, oder eines, das zur Schaffung eines ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Bewusstseins beiträgt.

Nathalie Schäfer studiert Kunstgeschichte und Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt (Main) und ist Vorstandsmitglied beim »Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften« (fzs), einem bundesweiten Dachverband von Studierendenvertretungen

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Wissen ist Macht Bildungsprivilegien und -benachteiligungen

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