Aus: Ausgabe vom 15.09.2017, Seite 4 / Inland

Karneval der Unsichtbaren

Bündnis von 100 Organisationen ruft Geflüchtete und ihre Unterstützer zu Parade gegen Rassismus und Abschiebungen in Berlin auf

Von Jana Frielinghaus
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Kleinere Aktionen Geflüchteter und ihrer Unterstützer wie hier am 20. März vor dem Berliner Kanzleramt gab es schon oft. Am Samstag werden rund 10.000 Menschen ihre Forderungen in die Hauptstadt tragen

Das Ereignis, das die Hauptstadt am Samstag erleben wird, ist eine Premiere: Erstmals werden Geflüchtete und Migranten, anerkannte und abgelehnte Asylsuchende, »Geduldete« und »Ausreisepflichtige« zu Tausenden nach Berlin kommen – und eine Zukunft für sich in diesem Land fordern. Sie wollen nicht länger die »Unsichtbaren« sein, die in Sammelunterkünften am Rande von Städten und Dörfern leben. Und sie fordern Rechte für sich ein, die für Alteingesessene selbstverständlich sind, nicht zuletzt das, sich an Wahlen zu beteiligen. Das war für die Veranstalter der Parade »We’ll come united«, wir werden vereint kommen, einer der Gründe, einen Termin im September zu wählen. Der andere: Die Demo soll eine Reminiszenz an Ereignisse vor zwei Jahren sein, wie Newroz Duman am Mittwoch auf einer Pressekonferenz betonte. Mindestens 10.000 Teilnehmende erwartet das Demobündnis »Welcome United«, in dem sich Duman engagiert, rund 30 Busse fahren aus verschiedenen Städten nach Berlin, finanziert mit Spenden.

Newroz Duman selbst ist vor 16 Jahren mit ihren Eltern als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Neun Jahre lang lebte ihre Familie mit immer nur kurzfristig geltenden sogenannten Duldungen, erst danach erhielt die Familie ein Bleiberecht. Die junge Frau verweist auf den Sommer 2015 und den »March of Hope«, als sich Tausende vom Budapester Bahnhof aus einfach zu Fuß auf den Weg nach Österreich und Deutschland machten, sich ihr Recht auf Bewegungsfreiheit einfach nahmen. Als sie im Herbst in Schlamm und Regen an der deutsch-österreichischen Grenze lagerten, führte das zur viel kritisierten Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Grenze zeitweilig zu öffnen.

Mehr als 100 Organisationen, darunter Flüchtlingsräte und lokale Willkommensinitiativen, Selbsthilfegruppen und Zusammenschlüsse von Seenotrettern wie Sea Watch, aber auch das Berliner Grips-Theater, beteiligen sich an der Parade und am »Community Carneval« mit 19 Motivwagen. Ihre wichtigsten Forderungen: Sichere Wege nach Europa, um das Sterben im Mittelmeer zu beenden; ein Recht zu bleiben für alle, die in der BRD leben, und ein Ende der »Selektionen« und Abschiebungen; das gleiche Recht auf Gesundheitsversorgung, auf Wohnen, Bildung, Arbeit und Mobiliät – und nicht zuletzt: das Recht, nicht auswandern oder fliehen zu müssen. Letzteres habe viel mit dem Agieren des Westens zu tun, dessen Reichtum auf »Ausgrenzung und Ausbeutung« gebaut sei, wie es in einer Erklärung des Bündnisses heißt.

Ruben Neugebauer von Sea Watch prangerte auf der Pressekonferenz das Vorgehen der EU und der Bundesrepublik im Mittelmeer an und wandte sich gegen die Kriminalisierung von Seenotrettern: »Wir sind dort, weil es dort Tote gibt.« Die Krise sei keineswegs vorbei, wie unter anderem von der Internationalen Organisation für Migration kürzlich suggeriert. Erst am Montag dieser Woche habe die Sea-Watch 1 vor der griechischen Insel Kos 27 syrische Menschen aus Seenot gerettet, berichtete Neugebauer. Außerdem sei das Gebiet größer geworden, in dem man nach Gefährdeten suchen müsse. Deshalb werde seine Organisation in Kürze mit der Sea-Watch 3 ein deutlich größeres Rettungsschiff in den Einsatz schicken. Ein Aufklärungsflugzeug der Organisation sei ebenfalls unterwegs, um »Leben zu retten und der EU auf die Finger zu schauen«.

An der Parade werden sich übrigens auch Aktive des im Frühjahr gegründeten Feministischen Netzwerks mit einem eigenen Wagen beteiligen. Feminismus sei ohne Antirassismus und Solidarität nicht denkbar, erklärte das Netzwerk dazu.

Demo »We’ll come united« am 16.9. 13 Uhr. Auftakt vor dem Bundesministerium des Innern, Alt-Moabit 140 in Berlin (nahe Hauptbahnhof), Zwischenkundgebung am Lustgarten, Berlin-Mitte, gemeinsam mit den Teilnehmenden der Demo für sexuelle Selbstbestimmung, Abschlusskundgebung und -konzert ab 16 Uhr auf dem Oranienplatz in Kreuzberg

welcome-united.org


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