Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 16 / Sport

Nach so vielen Jahren im Dunkeln

In Mogadischu ist nach langer Zeit mal wieder ein Fußballspiel unter Flutlicht ausgetragen worden

Von Gerrit Hoekman
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»Auf dem Weg zu Frieden und Stabilität«: Baanadir-Stadion in Mogadischu Anfang 2013

Flutlichtspiele haben ihre eigene Atmosphäre. Jeder Fußballfan auf der Welt weiß das. Auch in Somalia. Das am vergangenen Freitag in Mogadischu ausgetragene Finale der Stadtmeisterschaft zwischen den A-Jugendmannschaften Waberi und Hodon sorgte bei den Zuschauern aber für besondere Gänsehaut – es war das erste Abendspiel in der somalischen Hauptstadt seit 30 Jahren. Die Presse des Landes sprach von einem historischen Augenblick.

Grund für die lange Abstinenz ist der Bürgerkrieg, unter dem das Land am Horn von Afrika seit drei Dekaden leidet. Als das Regime von Siad Barre 1991 zu Fall kam, versank Somalia in Chaos und Gewalt. Bewaffnete Clans, kriminelle Banden und die islamistische Schabab-Miliz machten die Hauptstadt unsicher. Nachts trauten sich die Bewohner kaum noch auf die Straße. Auch heute noch ist es in Mogadischu selbst am Tage gefährlich. Im Mai geriet der Kotrainer des Klubs Bariga Dhexe in ein Feuergefecht und wurde getötet. Zwei Spieler von Elman FC wurden bei der Schießerei schwer verletzt, wie Somali Update Online berichtete. Vor einem Monat kam ein bekannter Schiedsrichter auf ähnliche Weise ums Leben.

Die Schabab-Miliz ist inzwischen weitgehend aus der Hauptstadt verdrängt worden, ist aber wohl immer noch in der Lage, Kommandoaktionen im Zentrum auszuführen oder Autobomben hochgehen zu lassen wie im Februar 2016 bei einem Angriff auf das Hotel Ambassador. Viele fürchteten, das am Freitag abend mit 10.000 Zuschauern ausverkaufte Stadion Garoonka Banaadir sei ein lohnendes Ziel für die Islamisten. Zumal die Gotteskrieger das Fußballspielen in Somalia am liebsten verbieten würden. Und dass am Freitag auch zahlreiche Frauen unter den Zuschauern waren, dürfte der Miliz überhaupt nicht gefallen haben.

»Ich sage euch, dass Mogadischu sicher ist«, freute sich Bürgermeister Thabit Abdi Mohamed beim Sender News 24, nachdem die Flutlichtpremiere ohne Zwischenfälle und mit einem 3:1-Sieg für Waberi über die Bühne gegangen war. Der somalische Fußballverband hofft, dass die Partie Auftakt für weitere Abendspiele ist, auch in der Männerliga. »Wir werden weiter Geschichte machen«, sagte ein Sprecher.

»Der Test hat das Nachtleben der Stadt komplett geändert«, heißt es auf der Homepage des Verbandes. Das sei auch ein Verdienst von Khadijo Mohamed Diriye, die seit sechs Monaten Ministerin für Jugend und Sport ist. Sie habe in der kurzen Zeit bereits viel für den Fußball in Somalia getan, lobte Verbandspräsident Abdiqani Said Arab. »Sie ist der am härtesten arbeitende und den Fußball am meisten liebende Minister, den wir je hatten.«

Es ist angesichts der immensen Probleme Somalias beinahe ein Wunder, dass in dem Land immer noch Fußball gespielt wird. Das große Nationalstadion, das theoretisch bis zu 70.000 Zuschauern Platz bietet, ist in einem erbärmlichen Zustand, nachdem verschiedene Kriegsparteien es abwechselnd als Hauptquartier benutzten. Im Moment sind dort die Soldaten der »Mission der Afrikanischen Union« Amisom stationiert. Der Fußballverband forderte schon 2015 die Freigabe des Stadions für Sportveranstaltungen. China würde die Sportstätte gerne bis 2018 in Ordnung bringen.

Immerhin ist das Garoonka Banaadir wieder bespielbar, nachdem es 2012 mit finanzieller Unterstützung der FIFA renoviert worden ist. Die Flutlichtanlage lässt es in neuem Glanz erstrahlen, wie Radio Dalsan am Freitag meinte. »Für die Regierung hat Fußball Priorität«, bekräftigt Sportministerin Diriye auf der Homepage des Fußballverbandes. »Wir brauchen diesen Sport auf dem Weg zu Frieden und Stabilität.«

»Es ist ein Schritt hin zu besseren Zeiten nach so vielen Jahren im Dunkeln«, sagte ein Fußballfan dem Sender News 24. »Wenn Somalia wieder über Spiele am Abend nachdenken kann, dann sind wir nicht so weit weg von der Rückkehr zu den friedlichen Tagen.« Das erste Flutlichtspiel hat er sich aber doch lieber zu Hause im Fernsehen angeschaut, wo es live übertragen wurde. Sicher ist sicher.

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