Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 15 / Medien

Der Fake mit dem Bild

Probleme mit »Symbolfotos«: Im August blamierte sich das US-Portal Breitbart mit dem Bild des Fußballers Podolski als »Schlepper«

Von Gerrit Hoekman
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Mittelmeer oder Brasilien, Fußballer oder Schleuser – alles egal, Hauptsache das Bild passt zur Geschichte

Es war ein prächtiges Foto: Schwimmweste, Sonnenbrille, teure Sportklamotten und die Finger zum Victory-Zeichen erhoben – der »Schlepper«, der als So­zius auf einem Jet-Ski einen Flüchtling über die Straße von Gibraltar nach Europa bringen wollte, schien richtig gute Laune zu haben. Die rechte US-Nachrichtenseite Breitbart garnierte mit diesem empörenden Bilddokument am 18. August eine Geschichte über Flüchtlinge, die angeblich auf derartigen schwimmfähigen Freizeitsportgeräten von Marokko nach Spa­nien gebracht werden.

In der Kommentarspalte zum Artikel regten sich erboste Rechte über den neuerlichen vermeintlichen Flüchtlingsskandal mächtig auf. Den Fußballfans unter den Lesern kam das Foto allerdings schnell spanisch vor. Saß da nicht der deutsche Fußballnationalspieler Lukas Podolski auf dem Jet-Ski und freute sich des schönen Lebens? Sollte es wirklich möglich sein, dass sich der millionenschwere »Prinz Poldi« als Schlepper ein paar Euros nebenbei verdient? Wohl kaum, denn der »Kölsche Jung« spielt inzwischen zwar nicht mehr in der Champions League mit, dafür in Japan für den Erstligisten Vissel Kobe. Da hatte er wohl kaum Zeit für einen Abstecher ans Mittelmeer.

In den sogenannten sozialen Medien wurde Breitbart durch den Fehlgriff mit dem Genrebild zur Lachnummer. »Es gibt keine Beweise, dass Herr Podolski Mitglied einer Schleuserbande oder Opfer des Menschenhandels ist«, entschuldigte sich die Redaktion, als sie ihren Lapsus endlich auch bemerkte. Wie sich schnell herausstellte, war das Foto nicht einmal im Mittelmeer aufgenommen worden, sondern in Brasilien während der Vorbereitung auf die Fußballweltmeisterschaft 2014.

Es ist so eine Sache mit den Symbolfotos, die gerne benutzt werden, wenn es keine aktuellen Bilder von dem Ereignis gibt, über das man schreibt. Manchmal stellen die Redaktionen ein entsprechendes Foto nach, oft nehmen sie es einfach aus dem Internet. Dort gibt es zahlreiche Portale, auf denen Journalisten eine große Auswahl sogenannter Stock-Images zur Verfügung steht.

Aber auch die größte Auswahl ist irgendwann erschöpft, und so tauchen im Internet immer wieder dieselben Fotos auf. Zum Beispiel der Hacker, der vor seinem Computer sitzt und eine Sturmhaube über den Kopf gezogen hat, um beim Angriff auf fremde Betriebssysteme nicht erkannt zu werden. »Umfrage: 98 Prozent aller Hacker tragen keine Skimaske am Rechner«, machte sich Der Postillon schon 2012 über das Foto lustig.

Der Pressekodex des Deutschen Presserats fordert, dass Symbolfotos eindeutig als solche gekennzeichnet werden müssen. »Kann eine Illustration, insbesondere eine Fotografie, beim flüchtigen Lesen als dokumentarische Abbildung aufgefasst werden, obwohl es sich um ein Symbolfoto handelt, so ist eine entsprechende Klarstellung geboten«, heißt es dort. Der Leser muss wissen, dass das Foto keinen zusätzlichen Informationsgehalt besitzt und ausschließlich der Bebilderung dient.

Doch immer wieder kommt es zu Missverständnissen, wenn Symbolfotos wie im Fall von Podolski falsche Botschaften senden. Vorsicht ist grundsätzlich geboten, wenn die Bilder nicht gestellt sind, sondern echte Personen zeigen, die in einem ganz anderen Zusammenhang aufgenommen worden sind. Deshalb sollten die Protagonisten auf den Fotos nicht zu erkennen sein. Wer sich nicht lächerlich machen will, sollte bei Bildern aus Datenbanken auch auf die Details achten: Berichtet eine Zeitung etwa über Radarfallen in Berlin, ist es wenig sinnvoll, Polizisten abzubilden, die das Wappen von Nordrhein-Westfalen auf der Jacke tragen.

Vor vielen Jahren berichtete eine große spanische Zeitung über die Not der Rentner auf der iberischen Halbinsel und benutzte zur Illustration ein Symbolbild mit einem alten Mann, der recht zerknirscht wirkt. Offenbar hatten die Redakteure keine Ahnung, wer alles im deutschen Bundestag saß. Das Bild zeigte nämlich Herbert Wehner, den langjährigen Fraktionsvorsitzenden der SPD. Eigentlich eine gute Wahl, denn der grimmige Gesichtsausdruck des Zuchtmeisters der Sozialdemokraten verhieß meist nichts Gutes.

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