Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Grobe Verharmlosung

Zu jW vom 4. September: »Kriegshetze für Kinder«

»Dass genuin europäische Interessen, nämlich die an Frieden, Ausgleich mit Russland, Handel etc., denen der US-geführten NATO unterworfen werden, belegt Bittner. Prominente Elder Statesmen wie Gerhard Schröder, Willy Wimmer oder Matthias Platzeck lässt er ausführlich zu Wort kommen und macht die gegensätzlichen Interessen Europas (Frieden, Handel) und der USA (imperialistisch-militärische Dominanz) deutlich.«

Auch wenn hier eine Paraphrasierung des besprochenen Buchs beabsichtigt sein sollte, was aus der Formulierung nicht klar hervorgeht, finde ich eine solche Darstellung für eine marxistische Zeitung unangebracht und zumindest höchst missverständlich. Weder gibt es »europäische« Interessen, sondern nur solche, die ideologisch als »europäisch« definiert werden, bzw. Interessen von Akteuren wie dem europäischen Kapital, den Eliten, der staatlichen Politik usw., noch können jene als friedlich bezeichnet werden. Denn die führenden EU-Staaten sind erstens NATO-Partner der USA und zweitens, vor allem Frankreich, Großbritannien und die BRD, aggressive, eigenständige imperialistische Akteure.

Die Bundeswehr wird zum Beispiel aktuell zur weltweit einsetzbaren Interventionsarmee ausgebaut. Zwar ist der US-Imperialismus nach wie vor der aggressivste, von einer reinen Unterordnung des deutschen unter ihn kann aber keine Rede sein. Das ist eine grobe Verharmlosung und führt zur Desorientierung der linken Kräfte im Land. Allein die zur Untermauerung der Thesen herangezogen Politiker des bürgerlichen Machtblocks (wie der Exkanzler und jetzige Kapitallobbyist Schröder) sollten zutiefst stutzig machen. Der Hauptfeind steht im eigenen Land!

Raoul Hamlet, per E-Mail

»Schickt die NATO in die Rente«

Zu jW vom 1. September: »Bomber zum ­Weltfriedenstag«

Leider fehlte es in der junge-Welt-Berichterstattung über diesen Tag: Am 1. September 2017, dem Weltfriedenstag, fand unter dem Motto »Schickt die NATO(-Gelder) in die Rente« eine Kundgebung auf dem Kröpcke in Hannover statt, zu der u. a. die niedersächsische Linke aufgerufen hatte. Weit über tausend Besucher unterstützten dieses Anliegen.

Aufmerksam hörten sie dem Gewerkschafter Rainer Butenschön zu sowie Wolfgang Gehrcke (MdB Die Linke), Albrecht Müller (ja genau, der von den Nachdenkseiten) und Diether Dehm (MdB Die Linke) und lauschten Thorsten Stelzners Gedicht. Alle analysierten die friedensgefährdende Politik des westlichen Militärbündnisses, verwiesen auch auf innenpolitische Konsequenzen der nun willfährig von der Bundesregierung erklärten Aufstockung der Ausgaben für die NATO. So konnte es eigentlich nur die Empfehlung zur Stimmabgabe für die einzige antimilitaristische Partei geben.

Eine Entdeckung war der Auftritt des afghanischen Rocksängers Shakib Mosadeq: Er trug auch eine Interpretation von »Bella Ciao« vor – in seiner Heimatsprache, begleitet von Dehm und Konstantin Wecker, dessen begeistert aufgenommenes Konzert die Kundgebung abschloss. Die Sympathie des Publikums – auch für seine politische Haltung – hatte er sowieso. (…)

K.-D. Haas, per E-Mail

Kriegserklärung an Russland

Zu jW vom 4. September: »US-Beamte ­kontrollieren russische Vertretungen«

Es war richtig, die Information auf Seite eins zu bringen. Nicht richtig war es allerdings, dabei einen weitgehend unüberarbeiteten Text von AFP zu übernehmen, nach dem nur »kontrolliert« worden sei, ob die Räumlichkeiten leer seien. Was angekündigt war und durchgeführt wurde, war eine Durchsuchung der Räumlichkeiten durch die US-Dienste. Um nachzuschauen, ob die Möbel weg sind, tut es auch ein Hausmeister.

Während die AFP-Meldung die Bedeutung des Ereignisses massiv herunterspielt, hat es zu einer der bisher schärfsten Reaktionen aus dem russischen Außenministerium geführt. Es handle sich um einen feindseligen Akt, hieß es dort. Tatsächlich verlieren diplomatische Niederlassungen selbst dann nicht ihre exterritoriale Qualität, wenn der aktive Betrieb ruht. Es sind also US-amerikanische Dienste in russisches Territorium eingedrungen. Eine solche Handlung kann als Kriegserklärung gewertet werden. (…)

Dagmar Henn, per E-Mail

Weltfremde Utopie

Zu jW vom 23. August: »Allgemeine Arbeit«

Der Autor bezieht sich auf den Begriff der »allgemeinen Arbeit«, wie er von Karl Marx im 3. Band des »Kapitals« kurz erwähnt wird. Er vergisst dabei aber, den Leser darüber zu informieren, was Marx eigentlich genau darunter verstanden hat. »Allgemeine Arbeit« meint demnach gesellschaftliche Arbeit, die keine unmittelbare Kooperation der Individuen unterstellt (im Gegensatz zur »gemeinschaftlichen Arbeit«). Auf Wissenschaftler trifft dies insofern zu, als dass diese sich wechselseitig auf ihre jeweiligen Forschungsergebnisse berufen und sich gegenseitig in ihrer Arbeit befruchten können, ohne unmittelbar zu kooperieren. Auch mit den Forschungsarbeiten bereits verstorbener Wissenschaftler kann postum gearbeitet werden. Mehr besagt dieser Begriff zunächst einmal nicht!

Daraus eine Art Wissenschaftskommunismus abzuleiten, wie der Autor es in seinem Resümee tut, ist weltfremde Utopie. Denn die entscheidende Frage wird dabei ausgeblendet: Wie genau ist diese allgemeine Kooperation in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen ganz konkret institutionalisiert? Und erst recht, wenn diese Verhältnisse Klassenverhältnisse sind und das Wissenschaftssystem (durchaus hinter dem Rücken der Individuen) eine historisch gewachsene soziale Funktion im Dienste der herrschenden Klasse erfüllt!

Jens Kany, Karlsruhe

Zwar ist der US-Imperialismus nach wie vor der aggressivste, von einer reinen Unterordnung des deutschen unter ihn kann aber keine Rede sein.

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