Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 12 / Thema

Jenseits des bürgerlichen Horizonts

Vorabdruck. Bei seinen Studien zum »Kapital« konnte Marx sich auf zahlreiche Vorgänger stützen. Einige Vertreter der sogenannten ökonomischen Klassik wiesen bereits auf den Widerspruch von Kapital und Arbeit hin (Teil 2)

Von Holger Wendt
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Für den Ökonomen David Ricardo war die aufgewendete menschliche Arbeitszeit der »letzte Wertstandard« zur Bestimmung des Warenwerts. Karl Marx erkannte darin die »historische Bedeutung Ricardos für die ­Wissenschaft« – Franz Wilhelm Seiwert: »Welt der Arbeit« (1931/32)

In den kommenden Tagen erscheint das neue Heft der Marxistischen Blätter (5/2017), das anlässlich des 150. Jubiläums des ersten Bandes des »Kapitals« den Schwerpunkt auf Karl Marx’ Opus magnum legt. Die junge Welt druckt daraus vorab einen leicht bearbeiteten Aufsatz des Ökonomen Holger Wendt (»Politische Ökonomie vor Marx«), der sich mit den wirtschaftstheoretischen Vorläufern beschäftigt, auf die Marx sich bei seiner Analyse des Kapitals stützte. Wir danken dem Autor und der Redaktion der Marxistischen Blätter für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. Das neue Heft »Das Kapital – nicht nur für Einsteiger« kann unter www.neue-impulse-verlag.de bestellt werden. (jW)

William Petty legte den Grundstein der ökonomischen Klassik, doch ein Grundstein macht kein Gebäude. Wird die ökonomische Vorgeschichte des Marxschen Werks erzählt, ist François Quesnay bzw. die durch ihn begründete Schule der Physiokraten wenigstens zu erwähnen. Quesnay, 1694 geboren, entstammte kleinbäuerlichen Verhältnissen. Als Kind besuchte er keine Schule, das Lesen erlernte er von einem Gärtner. Im Alter von 16 Jahren begann er eine Ausbildung als Kupferstecher in Paris und besuchte gleichzeitig Vorlesungen für Chirurgie. Bildungshungrig, intelligent und dank einer gesunden Distanz zu den Dogmen einer noch vorwissenschaftlichen Medizin beruflich sehr erfolgreich, stieg Quesnay zum Leibarzt der Marquise de Pompadour auf und brachte es an den Hof Ludwigs XV. Eng mit der fortschrittlichen Philosophie seiner Zeit verbunden, fand er hohe Anerkennung in den philosophischen Salons, mit den Herausgebern der »Encyclopédie« war er befreundet und zählte auch zu deren Autoren.

Die Physiokraten

Marx bezeichnet die Physiokraten als die »eigentlichen Väter der modernen Ökonomie«, Quesnays »Tableau économique« sei »unstreitig der genialste [Einfall], dessen sich die politische Ökonomie bisher schuldig gemacht hat«.¹

Die Physiokraten verfügten über einen ausgearbeiteten Klassenbegriff, der im Zentrum ihrer ökonomischen Analyse stand. Drei Grundklassen sind es, die in ihren Augen die Gesellschaft konstituieren: Die produktive Klasse ist in Landwirtschaft und Bergbau tätig. Die Angehörigen der grundbesitzenden Klasse, Adel und Klerus, leben von Einnahmen, die sie aus der Landwirtschaft beziehen. Die sterile Klasse, Handwerk und Manufaktur, formen den materiellen Stoff um, den die produktive Klasse liefert. Handwerkliche Produktion wird steril genannt, weil der Handwerker zwar von seiner Hände Arbeit lebt, nach physiokratischer Vorstellung jedoch kein Mehrprodukt schafft. Letzteres ist Gabe der Natur. Es muss zwar mittels Arbeit angeeignet werden, die Tatsache jedoch, dass das Ährenfeld mehr Körner trägt, als der Bauer aussäte, mehr sogar, als seine Familie verzehrt, verdanken wir der in den Naturgesetzen manifestierten Gnade Gottes.

Die Auffassung, die Entstehung des Mehrprodukts sei allein in der landwirtschaftlichen Produktion zu verorten, ist vor dem Hintergrund der Sozialstruktur des vorrevolutionären Frankreich verständlich, die Ökonomen des industriell fortgeschritteneren Britanniens konnte sie nicht überzeugen. Worin Quesnay seine britischen Kollegen übertraf, war die systematische Analyse des materiellen Reproduktionsprozesses. Güter sind nicht nur Produkte, nicht nur Resultat von auf Natur und Vorprodukte angewandter Arbeit. Sie sind zugleich Voraussetzung erneuter Produktion, ihr Vorhandensein ist Existenzbedingung der Arbeitenden. Quesnay stellt den Reproduktionsprozess als kontinuierlichen Kreislauf dar, dessen Resultate Voraussetzungen, dessen Voraussetzungen Resultate sind. Er analysiert dies unter qualitativen Gesichtspunkten, indem er die spezifische Funktion bestimmter Produktgruppen und der sie hervorbringenden Produzenten betrachtet. Er analysiert es unter quantitativen Gesichtspunkten, indem er – modellhaft – den Weg von Produktmengen und Geldbeträgen darstellt. Ein verschlungener Weg, an dessen Schluss, am Endes eines Jahres, alle Teile der Gesellschaft qualitativ und quantitativ mit den Gütern versorgt sind, die die erneute Produktion im neuen Jahr erfordert. Die ausgefeilte Kreislaufanalyse begeisterte Marx und wurde Vorbild seiner im zweiten Band des »Kapitals« dargestellten Reproduktionsschemata.

Adam Smith

Der berühmteste der klassischen Ökonomen wurde 1723 als Sohn eines Zollbeamten im schottischen Kirkcaldy geboren. Adam Smith besuchte im Alter von 14 Jahren die Universität von Glasgow und hörte Vorlesungen des schottischen Aufklärers Francis Hutchesons. Von 1740 bis 1746 führte er seine Studien in Oxford weiter. Smith’ Begeisterung für die renommierteste aller britischen Universitäten hielt sich jedoch in Grenzen; die klerikal-konservativ geprägten Lehrinhalte und die mehr an gesellschaftlichem Prestige denn an wissenschaftlicher Erkenntnis interessierten Schnösel vor und hinter den Vortragspulten behielt er zeitlebens in wenig freundlicher Erinnerung.

Ab 1748 hielt Smith in Edinburgh Vorlesungen über Rhetorik und Literatur, 1751 übernahm er eine Professur in Glasgow, zunächst in Logik, später in Moralphilosophie. Im Alter von 36 Jahren schrieb er sein heute nur noch Spezialisten bekanntes, damals jedoch seinen Weltruhm begründendes philosophisches Hauptwerk, die »Theorie der moralischen Gefühle«. Die Bezeichnung des Lehrstuhles und der Titel der Schrift sollten keinen falschen Eindruck vermitteln: »Moralphilosophie« beschäftigte sich nicht nur mit ethischen Fragen. Wie die Naturphilosophie von den verschiedenen Naturwissenschaften abgelöst wurde, umfasste der Gegenstand der Moralphilosophie ein Gebiet, das wir heute Gesellschaftswissenschaft nennen würden. Bereits in Glasgow beschäftigte sich Smith mit Fragen der Ökonomie, Jurisprudenz und Politik.

Smith unterbrach seine akademische Karriere, um den jungen Herzog von Buccleuch auf seiner Grand Tour zu begleiten; das für diese Tätigkeit vereinbarte Gehalt von jährlich 300 Pfund überstieg sein Professorenhonorar bei weitem. In Genf besuchten die beiden Voltaire, in Paris verkehrten sie mit den dort versammelten Köpfen der französischen Aufklärung, darunter d’Alembert, d’Holbach und Helvétius. Smith besuchte Versammlungen der »Ökonomisten«, d. h. der Physiokraten, traf Anne Robert Jacques Turgot und Quesnay. Dem ebenfalls in Paris weilenden David Hume war er schon in seiner Heimat durch eine lange Freundschaft verbunden.

Da sein Honorar als Privatlehrer als lebenslange Rente fortgezahlt wurde, war Smith nach drei Jahren Grand Tour der finanziellen Sorgen ledig. Die materielle Unabhängigkeit nutzte er, um in der ruhigen Atmosphäre seiner Geburtsstadt sein ökonomisches Hauptwerk zu verfassen, die 1776 veröffentlichte Schrift »An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations« (»Der Wohlstand der Nationen«).

Dieser angeblichen »Bibel der Liberalen« widerfährt viel Ungerechtigkeit. Schlecht informierte Sozialisten verdammen sie, schlecht informierte Liberale preisen sie, beide sehr zu Unrecht. Smith ist ein scharfer Kritiker feudaler Rudimente in Gesellschaft und Wirtschaft und lehnt merkantilistische Einmischung der Politik in Produktion und Handel entschieden ab. Insofern ist er tatsächlich einer der wortgewaltigsten und einflussreichsten Wegbereiter liberaler Wirtschaftspolitik. Ihn jedoch in eine Schublade mit den heutigen Neoliberalen zu stecken, ist abwegig. Dies gilt nicht allein hinsichtlich der Tatsache, dass Smith Staatseingriffe in verschiedensten Bereichen befürwortete, etwa zum Zwecke einer sozialeren Gestaltung des Bildungswesens. Wichtiger ist, dass seine theoretische Analyse in zentralen Punkten das glatte Gegenteil dessen darstellt, was heutigen VWL-Studenten als ökonomische Wissenschaft verkauft wird.

Wie bei anderen großen Werken der ökonomischen Klassik stehen Produktion und Arbeit im Zentrum der Analyse, bereits der erste Satz des Buches lautet: »Die jährliche Arbeit eines Volkes ist die Quelle, aus der es ursprünglich mit allen notwendigen und angenehmen Dingen versorgt wird, die es das Jahr über verbraucht.«²

Noch auf derselben Seite findet sich der folgende bemerkenswerte Gedanke: »In zivilisierten und wohlhabenden Gemeinwesen ist das So­zialprodukt hingegen so hoch, daß alle durchweg reichlich versorgt sind, obwohl ein großer Teil der Bevölkerung überhaupt nicht arbeitet und viele davon den Ertrag aus zehn-, häufig sogar hundertmal mehr Arbeit verbrauchen als die meisten Erwerbstätigen.«

Klassenstruktur und Klassenkonflikt

Die Analyse der Klassenstruktur ist ebenso zentraler Baustein des Smithschen Theoriegebäudes wie des physiokratischen, doch erfährt sie eine entscheidende Modernisierung. An die Stelle der Grundklassen »produktive« Landarbeit, Grundbesitz und »steriles« Handwerk treten Arbeiter (»labourer«), Kapitalist (»owner of stock«) und Grundbesitzer (»landlord«).

Klassenkonflikte werden thematisiert: »Die Arbeiter wollen soviel wie möglich nehmen, und die Unternehmer sowenig wie möglich geben. Die ersteren sind geneigt, sich zu vereinigen, um die Arbeitslöhne zu steigern, die letzteren, um sie zu senken.«³ Die Positionen der unterschiedlichen Klassen sind keineswegs harmonisch ausgeglichen, Machtpositionen sind asymmetrisch verteilt. Der Staat dient im Zweifel dem Kapital: »Es ist indes nicht schwer vorauszusehen, welche der beiden Parteien unter normalen Verhältnissen bei dieser Kontroverse das Übergewicht besitzen muss und die andere zur Erfüllung ihrer Bedingungen zwingt. Da die Unternehmer nicht so zahlreich sind, können sie sich viel leichter zusammenschließen, und außerdem werden ihre Vereinigungen gesetzlich gebilligt oder zumindest nicht verboten wie die der Arbeiter.«⁴

Smith, der Erzliberale, steht nicht an der Seite der Herrschenden, weder der alten Aristokratie noch der neuen Bourgeoisie. Letztere kommt in seinem Hauptwerk nicht sonderlich gut davon. Wenn Smith Partei ergreift, dann zugunsten der Arbeitenden: »Ist diese Verbesserung der Lebensumstände der unteren Schichten auch für die Gesellschaft als Ganzes vorteilhaft oder nachteilig? Die Antwort scheint auf den ersten Blick äußerst einfach zu sein. Dienstboten, Tagelöhner und Arbeiter bilden die Masse der Bevölkerung eines jeden Landes, so dass man deren verbesserte Lebenslage wohl niemals als Nachteil für das Ganze betrachten kann. Und ganz sicher kann keine Nation blühen und gedeihen, deren Bevölkerung weithin in Armut und Elend lebt. Es ist zudem nicht mehr als recht und billig, wenn diejenigen, die alle ernähren, kleiden und mit Wohnung versorgen, soviel vom Ertrag der eigenen Arbeit bekommen sollen, dass sie sich selbst richtig ernähren, ordentlich kleiden und anständig wohnen können.«⁵

Smith werttheoretische Darlegungen sind unschwer in die Vorgeschichte des Marxschen »Kapitals« einzuordnen. Der überlieferten, auf Aristoteles zurückgehenden Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert einer Ware folgt die quantitative Bestimmung des Tauschwertes über Arbeitsmengen: »Deshalb ist der Wert einer Ware für [ihren] Besitzer, der sie nicht selbst nutzen oder konsumieren, sondern gegen andere tauschen möchte, gleich der Menge der Arbeit, die ihm ermöglicht, sie zu kaufen oder darüber zu verfügen. Arbeit ist demnach das wahre oder tatsächliche Maß für den Tauschwert aller Güter.«⁶

Was sagen heutige bürgerliche Ökonomen zu solchen Passagen? Sie lieben sie nicht. Bei Erich W. Streissler, Herausgeber der Smith-Ausgabe des renommierten Düsseldorfer Verlages Wirtschaft und Finanzen, klingt dies so: »Die Dreiklassentheorie der Verteilung entsprach so sehr den sozialen Grundtatsachen des 18. Jahrhunderts, dass sie von allen hier genannten großen Ökonomen der Zeit – und noch lange danach – vertreten wurde. Sie gehörte zum vorwissenschaftlichen Bewußtseinsstand vor allem in England. (…) Ein ideologisch aufgeladener Gedanke also brachte die theoretische Revolu­tion, könnte man sagen und hätte so unrecht nicht. Aber ich würde zunächst einmal betonen: Ein genialer didaktischer Kniff.«⁷ Und weiter: »Die klassische Trias ist kein dauerhaft tragfähiger ökonomischer Gedanke. Wir haben ihn längst aufgegeben.«⁸

Horst Claus Recktenwald, lange Zeit der führende bundesdeutsche Smith-Forscher und verantwortlich für die weitverbreitete Ausgabe des Deutschen Taschenbuch-Verlags, urteilt über Smith’ Arbeitswerttheorie: »Und hier geriet er in die Irre. (…) Auf diesem Holzweg sind ihm nicht wenige gefolgt, voran Ricardo und später Marx, in der Praxis Owen und einzelne kommunistische Länder. (…) Die Vermengung seiner Entwicklungstheorie mit der Marktanalyse ist auch hier letztlich die Ursache für viele ideologiebezogene Zitate. Dabei ist sein Suchen nach einem absoluten Wertmaß völlig überflüssig für seine Theorie der Marktwirtschaft. Es hat ihn selbst und Ricardo verwirrt, für Marx’ Ideologie war es natürlich gleichsam ein gefundenes Fressen (…).«⁹

Recht hat er, der Herr Professor. Smith’ Analysen sind für Marxisten ein gefundenes Fressen, nicht nur hinsichtlich der Werttheorie. Sein Werk ist viel zu gut, um es Leuten zu überlassen, die den Verfasser in höchsten Tönen loben, derweil sie die Kernelemente seiner Theorie zu entsorgen trachten.

David Ricardo

Ihren Höhepunkt erreichte die ökonomische Klassik im Werk David Ricardos. Ricardos Familie, der Name deutet darauf hin, stammte ursprünglich aus Portugal. Seine Vorfahren flohen vor der allerchristlichsten Judenverfolgung zunächst in die liberalen Niederlande, kurz nach Davids Geburt im Jahre 1772 übersiedelte seine Familie nach London. Der Vater war erfolgreicher Börsenhändler, der Sohn wurde zunächst von Privatlehrern unterrichtet und arbeitete ab dem 14. Lebensjahr im elterlichen Geschäft mit. Als junger Mann verliebte sich David in Priscilla Ann Wilkinson, eine Christin. Mit 21 Jahren volljährig geworden, nahm er sie zur Frau, musste dafür seine Religion und in der Folge, vom strenggläubigen Vater verstoßen, Familie und berufliche Existenz opfern.

Es gab ein Happy-End: Ein Onkel gab dem jungen David Kredit, und Ricardo verstand es, durch geschickte Spekulationen innerhalb kurzer Zeit ein ungeheures Vermögen anzusammeln. Mit nicht einmal 30 Jahren war er einer der reichsten Männer Englands. Er konnte es sich leisten, die ungeliebte Tätigkeit als Geschäftsmann aufzugeben und sich seiner eigentlichen Leidenschaft zu widmen: der ökonomischen Wissenschaft.

Im Gegensatz zu Petty, Quesnay und Smith war Ricardo kein Akademiker und fand den Zugang zur Wirtschaftswissenschaft auch nicht über die Philosophie. Was ihn auszeichnete, war sein messerscharfer analytischer Verstand. Seine 1817 erstveröffentlichte Schrift »On the Principles of Political Economy and Taxation« ist das begrifflich präziseste Hauptwerk der klassischen Epoche, die systematische Stringenz dieses Buches stellte alle Vorläufer in den Schatten.

Seinen Gegenstand bestimmt Ricardo wie folgt: »Die Produkte der Erde – alles, was von ihrer Oberfläche durch die vereinte Anwendung von Arbeit, Maschinerie und Kapital gewonnen wird – werden unter drei Klassen der Gesellschaft verteilt, nämlich die Eigentümer des Bodens, die Eigentümer des Vermögens [stock] oder des Kapitals, das zu seiner Bebauung notwendig ist, und die Arbeiter, durch deren Tätigkeit er bebaut wird. […] Das Hauptproblem der politischen Ökonomie besteht im Auffinden der Gesetze, welche diese Verteilung bestimmen.«¹⁰

Ricardos Argumentation beruht auf einer streng durchgehaltenen Arbeitswerttheorie. Er legt die widersprüchliche Verfasstheit der bestehenden Gesellschaft offen, thematisiert Klassenantagonismen, betont nachdrücklich die Herkunft des Reichtums aus der Arbeit. Mit der rücksichtslosen Konsequenz, die seine Theorie auszeichnet, führte er die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft an ihren äußersten Punkt. Zwar war David Ricardo kein Sozialrevolutionär, zwar akzentuieren die »Principles« den Klassengegensatz zwischen Kapitalisten und Grundbesitzeraristokratie stärker als den zwischen Kapital und Arbeit, dennoch erkannten die Ideologen der Bourgeoisie die politische Gefahr. Marx zitiert den US-amerikanischen Vulgärökonomen Henry C. Carey: »Ricardos System ist ein System der Zwietracht. (…) Es läuft hinaus auf die Erzeugung der Feindschaft zwischen Klassen und Nationen. (…) Seine Schrift ist das wahre Handbuch des Demagogen, der die Macht anstrebt vermittelst der Landteilung, des Kriegs und der Plünderung.«¹¹

Ricardos Hauptwerk markiert einen Scheidepunkt. Wo die Ökonomie bürgerlich blieb, wurden die Kernelemente seiner Theorie zurückgenommen. Der Weg führte weg von der wissenschaftlichen Erkenntnis, hin zur Vulgärökonomie, hin zur Apologetik. Er konnte nur in diese Richtung führen, denn der nächste Schritt über Ricardo hinaus ist der Schritt über den bürgerlichen Horizont hinaus.

Ricardianische Sozialisten

Diesen nächsten Schritt gingen die ricardianischen Sozialisten. Aus der Erkenntnis, dass es die Arbeiter sind, die den Reichtum schaffen, zogen sie die Folgerung, der Reichtum solle den Arbeitern gehören. 1824, im Jahr nach Ricardos Tod, forderte William Thompson in seinem Buch »An Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth« die Übereignung der Produktionsmittel an die Arbeiter. In Thomas Hodgskins 1825 publizierter Schrift »Labor Defended against the Claims of Capital« lautet das Resümee: »Ich habe gezeigt, dass es [das Kapital] keinen gerechtfertigten Anspruch auf irgendeinen Anteil der Produktion der Arbeiter hat, und dass das, was es gegenwärtig erhält, die Ursache der Armut der Arbeiter ist.«¹²

An solchen Schriften lässt sich ersehen, wie die Analysen der klassischen bürgerlichen Ökonomen jenen das intellektuelle Rüstzeug lieferten, die den siegreichen Kapitalismus von einem proletarischen Standpunkt aus in Frage stellten. Kein Wunder, dass auch Karl Marx bei David Ricardo einhaken konnte.

Die ökonomische Klassik hat wichtige Erkenntnisse zutage gefördert. Sie hat die Arbeit als Quelle des Reichtums identifiziert, als die wertschöpfende Kraft begriffen und Arbeitswerttheorien hervorgebracht. Sie hat die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums als komplexen Reproduktionsprozess beschrieben, die Klassenstruktur der Gesellschaft aufgedeckt, die Verteilung des Reichtums unter die verschiedenen Klassen analysiert. Sie hat widerstreitende Klasseninteressen thematisiert und die Idee des Mehrprodukts ins Zentrum der ökonomischen Analyse gestellt. Nicht zuletzt: Statt verstreute Ideen zu diversen Einzelfragen zu formulieren, hat die Klassik systematisches Denken und umfassende Theoriebildung betrieben. Damit wurden Maßstäbe gesetzt, die bis heute gelten. Ökonomische Theoriebildung in unserer Zeit kann und muss über die Erkenntnisse eines Adam Smith hinausgehen, dahinter zurückfallen darf sie nicht.

Heutige bürgerliche Ökonomen, namentlich die sogenannten Neoklassiker, haben das Erbe der Klassik ausgeschlagen. Sie mögen Smith und Ricardo auf den Sockel stellen, die theoretischen Kernaussagen ihrer Werke bekämpfen sie.

Ein Plädoyer

Marxistinnen und Marxisten sollten dieses Erbe nicht liegenlassen, sie brauchen es. Nicht nur, um zu wissen, wie kläglich sich die heutige akademische Wirtschaftswissenschaft ausnimmt im Verhältnis zu dem, was bürgerliche Ökonomen einst zu denken wagten. Sie brauchen es, weil ein Petty, ein Quesnay, ein Smith, ein Ricardo tief eingedrungen sind in den inneren Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse. Sie brauchen es zudem, weil Marx besser zu verstehen ist, wenn die politische Ökonomie verstanden wird, die er in seinem Hauptwerk so geschichtsmächtig kritisiert hat.

Lesen Sie das »Kapital«, aber lesen Sie es nicht als das Werk eines einsamen, außerhalb von Raum und Zeit vor sich hin denkenden Genies. Eine solch romantische Sichtweise hätte Marx mit Sicherheit missfallen. Lesen Sie es als das Werk von jemandem, der wie kein zweiter die progressiven Tendenzen und bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit zu identifizieren vermochte. Der an diese Erkenntnisse anknüpfen, sie weiterdenken, ihre Mängel beseitigen konnte, sie für die sozialen und politischen Kämpfe seiner Zeit fruchtbar zu machen wusste. Lesen Sie nicht nur Marx, werfen Sie einmal einen Blick in die Werke derjenigen, die er für würdig befand einer Kritik, die keine Kritik mit dem Henkersbeil war, sondern eine mit dem Seziermesser. Petty, Quesnay, Smith, Ricardo und viele ihrer Mitstreiter waren revolutionäre Denker in der Epoche der bürgerlichen Revolutionen. Als solche haben sie den revolutionären Denkern von heute einiges zu sagen.

Anmerkungen:

1 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 26.1, S. 12 u. 319 Im folgenden abgekürzt mit der Sigle MEW.

2 Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen, München 2005, S. 3

3 Ebd., S. 58

4 Ebd.

5 Ebd., S. 68

6 Ebd., S. 28

7 Ebd., S. 59

8 Erich W. Streissler, in: Adam Smith: Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker, Band I, Düsseldorf 1999, S. 58 f. u. 61

9 Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen, a. a. O., S. LV

10 David Ricardo: Über die Grundsätze der Politischen Ökonomie und der Besteuerung, Akademie-Verlag, Berlin 1979, S. 3

11 MEW 26.2, S. 163 (Henry Charles Carey: The Past, the Present, and the Future, Philadelphia 1848, S. 74 f.)

12 Thomas Hodgskin: Labour Defended against the Claims of Capital, London 1922, S. 102 f. (Übersetzung: Holger Wendt)

Holger Wendt schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9. November 2015 über »Utopia« von Thomas Morus.

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