Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Die kleinsten Teilchen

Einblicke in einen der größten Arbeitskämpfe Südostasiens: »Bekasi in Bewegung« zeigt die Arbeitsbedingungen und die Organisationsformen des indonesischen Proletariats

Von Anett Keller
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Sich seiner Kraft bewusst werden: Arbeiterprotest im Juli 2012 in Bekasi

Die indonesische Industriemetropole Bekasi liegt etwa 40 Kilometer östlich von Jakarta. Früher waren hier Dörfer und Reisfelder. In den 80er Jahren, während der Zeit der Suharto-Diktatur, wurde das Gebiet industrialisiert, um Elektrogeräte, Autos, Mopeds, Lebensmittel, Spielzeug und Kosmetik zu produzieren. Die Diktatur endete 1998, die Produktion für den globalen Markt ging weiter.

»Nicht vergessen! All dies wird mit dem Schweiß Tausender Arbeiter_innen hergestellt«, heißt es gleich zu Beginn des Dokumentarfilms »Bekasi in Bewegung«, den die indonesischen NGO LIPS (Lembaga Informasi Perburuhan Sedane) und KoPI (Komunitas Perfilman Intertekstual) produziert haben. labournet.tv hat ihn mit deutschen Untertiteln versehen und ins Internet gestellt.

Die Kamera schwenkt zunächst über Firmenschilder von Samsung, L’Ore al, Unilever, Mattel und Kraft Foods und zeigt dann einen Tross Menschen, die in diese Fabriken arbeiten gehen. Sie sind gewissermaßen die kleinsten Teilchen in den Zuliefererketten der globalen Produktion.

Mittels Investitionen aus Japan, Südkorea, Deutschland und China wurden in Bekasi sieben große Industriegebiete aufgebaut, in denen rund eine Million Menschen schuften. Es ist die am dichtesten besiedelte Industriestadt in Indonesien, aus der 40 Prozent der Exporte (ohne Erdöl/Erdgas) stammen.

Hinter den Fabriken befinden sich die ärmlichen Behausungen der Arbeiter, entlang enger Gassen wie der »Straße der 1.000 Türen«. Der poetische Name täuscht: Er bezeichnet einen langen Gang, der zu kärglichen Zimmern mit Gemeinschaftsbädern führt. Die Miete verschlingt mindestens ein Viertel des Gehalts der Bewohner. Wenn es überhaupt Arbeitsverträge gibt, sind es Zeitarbeitsverträge. Viele bekommen nicht mal den gesetzlichen Mindestlohn und verschulden sich immer mehr, da die Preise ständig steigen. Gespart werde am Essen, sagt einer der Arbeiter, meist gebe es Instantnudeln mit Tofu, schon Eier seien Luxus.

Doch die Arbeiter beginnen, sich zu organisieren, zu solidarisieren und zu demonstrieren. Sie gründen Gewerkschaften. »Mit der Regierung sprechen, das ist als wenn man mit einer Wand spricht« heißt es aus dem Off, während man Bilder von Massendemonstrationen sieht. Sie sind laut und bunt. Die jungen Arbeiter werden so politisiert.

Im Oktober 2012 erlebte Indonesien den ersten Generalstreik seit den 60er Jahren. Damals hatte es in Indonesien die drittgrößte KP der Welt gegeben. Sie wurde vollständig ausgelöscht, nachdem sich General Suharto 1965 an die Macht geputscht hatte. Seine Schergen brachten Hunderttausende Menschen um, Hunderttausende wurden eingesperrt, teilweise für mehr als ein Jahrzehnt.

Fast 50 Jahre später wurde Bekasi, das Ballungszentrum des neuen Proletariats, zum Zentrum des Generalstreiks. Mehr als eine halbe Million Menschen beteiligte sich und legte die Produktion völlig lahm. Als wirksame Mittel im Kampf für höhere Löhne und gegen Outsourcing erwiesen sich »Factory raids« (temporäre Besetzungen von Fabriken, damit sich deren Belegschaften dem Streik anschließen) und die Blockade der Stadtautobahn, die zum Industriegebiet führt. Auf diese Weise setzten die Arbeiter signifikante Lohnerhöhungen durch.

Von den 40 Millionen Beschäftigten in Indonesiens formellem Sektor sind nur drei Millionen gewerkschaftlich organisiert. Der Kampf geht also weiter. Der Film »Bekasi in Bewegung« wurde überwiegend mit Handykameras gedreht und zeigt sehr unmittelbar die Lebensumstände der Arbeiter. Und auch, welche Energie in einer alten Parole steckt: »Sind die Arbeiter vereint, können sie nicht besiegt werden«.

»Bekasi in Bewegung« von LIPS und KoPI, Indonesien 2017, 35 min, http://de.labournet.tv/bekasi-bewegung


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