Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 8 / Ansichten

Kulturerbestadt des Tages: Kiew

Von Reinhard Lauterbach
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Die Statue des Sowjetführers in Kiew, Ukraine

Die bekannteste Straße von Kiew ist der Chreschtschatik, ein Boulevard, der vom Bessarabischen zum Europäischen Platz führt. Am Europäischen Platz war 2013 und 2014 die Barrikadenzone, hier flogen die Molotowcocktails und waberte das Tränengas. Unlängst wurde dort renoviert: Ein Geschäftsgebäude bekam einen neuen Anstrich. Bei der Gelegenheit ließ der Besitzer eine Reihe von Graffiti aus der Zeit des Euromaidan übermalen. Das erste, was passierte, war, dass rechte Gruppen die Schaufenster eines Polstermöbelgeschäfts einwarfen. Statt aber den Vandalismus zu verurteilen, stürzten sich die ukrainischen Kulturwächter auf den Hauseigentümer: Er habe »Ikonen der ukrainischen Geschichte geschändet«, warf ihm die leitende Denkmalschützerin vor. Der Chef des Instituts für Nationales Gedenken forderte, die Graffiti müssten sofort auf Kosten des Besitzers wiederhergestellt werden.

Am oberen Ende des Chresch­tschatik stand von 1946 bis zum 8. Dezember 2013 ein Lenin-Denkmal aus rotem Granit. An jenem Dezemberabend zerrten Aktivisten der »Swoboda«-Partei die Statue vom Sockel, trampelten darauf rum und zerschlugen sie mit Vorschlaghämmern. Seitdem stand das Podest ungenutzt in der Gegend, nur vor ein paar Wochen hampelte eine der Politstripperinnen von Femen darauf herum und warf Kamellen ins Publikum. Jetzt hat der für Lenin errichtete Sockel eine neue Funktion: Der »Rechte Sektor« schraubte eine Gedenktafel für zwei verstorbene Anführer daran fest und dekorierte sie mit blau-gelbem Tinnef. Mindestens einer der Geehrten war ein notorischer Krimineller, den die Polizei erschoss, nachdem er dem Innenminister Arsen Awakow gedroht hatte, ihn aufzuhängen.

Stichwort aufhängen: Vor dem Lenin-Denkmal stand an dieser Stelle ein Galgen, an dem die Nazis Kiewer Antifaschisten umbrachten. Die Henker sind zurück.

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