Aus: Ausgabe vom 14.09.2017, Seite 6 / Ausland

Geheimdienstchef auf Mission

Doppelagent verhinderte türkisches Komplott gegen PKK-Führer in der kurdischen Autonomieregion im Irak

Von Nick Brauns
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MIT-Chef Hakan Fidan (rechts) und der türkische Präsident Recep Tayyip ­Erdogan in Ankara

Für einen Geheimdienstchef sonnt sich Hakan Fidan erstaunlich oft bei internationalen Terminen an der Seite seines Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Licht der Öffentlichkeit. Doch in diesen Tagen steht eine heikle Reise an, die der Leiter des Nationalen Nachrichtendienstes der Türkei (MIT) wohl lieber geheimgehalten hätte. Wie das Nachrichtenportal Al-Monitor zu Wochenbeginn meldete, will Fidan nach Erbil fliegen, die Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Irak. Dass er dort die mit Ankara ansonsten freundschaftlich verbundene Regierung von Präsident Masud Barsani beknien wird, das für den 25. September angesetzte Referendum über ein unabhängiges Kurdistan abzusetzen, gehört noch zum Routineteil der Mission. Eigentliches Ziel aber ist die Freilassung von zwei Topagenten des MIT, die sich in den Händen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) befinden.

Es klingt wie ein Geheimdienstthriller: Als ihm Ende August der MIT per Dekret direkt unterstellt wurde, hoffte Erdogan sofort mit einem spektakulären Erfolg aufwarten zu können. Geplant war der größte Geheimdienstcoup gegen die kurdische Arbeiterpartei seit der Verschleppung des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan im Jahr 1999. Diesmal galt das Komplott einem Mitbegründer der Partei, Cemil Bayik. Der 62jährige Kovorsitzende des Dachverbandes Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) ist in der Türkei Staatsfeind Nummer eins.

Von einen Maulwurf unter Bayiks Leibwächtern, der bereits seit zwei Jahren Informationen aus dem Innenleben der Organisation liefert, bekam der MIT den Tip, dass sich der PKK-Kommandant im August inkognito aus seinem Versteck in den Kandilbergen zu einer medizinischen Behandlung in die irakisch-kurdische Großstadt Sulaimanija begeben würde. Dort sollte das MIT-Team zuschlagen und Bayik in seine Gewalt bringen. »Die Rechnung sah vor, dass nach der Festnahme von Bayik die PKK die südkurdischen Parteien für mitschuldig erklären würde, da diese seit Jahren türkische Geheimdienstaktivitäten auf ihrem Boden dulden«, deutet das kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad die Strategien Ankaras. Ziel sei es gewesen, durch das provozierte Chaos eine Annullierung des Unabhängigkeitsreferendums zu erreichen.

Der Maulwurf bat zwei für diese Operation aus Ankara eingeflogene hochrangige MIT-Agenten noch um eine letzte Vorbesprechung am 3. August im Ferienort Dukan. Doch dort, auf halbem Weg zwischen Sulaimanija und dem Kandilgebirge, wartete bereits ein Kommando der PKK. Das kurdische Team verschleppte die Agenten, vorbei an mehreren Checkpoints der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), die diese Region kontrolliert, bis hoch in die Kandilberge. Dass der angebliche Maulwurf des MIT letztlich als Doppelagent agierte, hatte zuerst der Journalist Fazel Hawramy für Al-Monitor enthüllt. Civaka Azad bestätigte das mittlerweile.

Ankara schweigt bislang zu der Geheimdienstpanne, auch die PKK äußerte sich mit Rücksicht auf die PUK zunächst nicht öffentlich. Doch am 23. August verwies die über mangelnde Hilfestellung der PUK erboste türkische Regierung den PUK-Repräsentanten in Ankara, Behroz Galali, und 80 weitere Personen aus dem Umfeld der irakisch-kurdischen Partei des Landes. Daraufhin verkündete dann PUK-Politbüromitglied Sadi Ahmed Pirê gegenüber dem US-Nachrichtensender Voice of America, dass eine türkische Geheimdienstoperation in der Autonomieregion missglückt sei.

PKK-Führungsmitglied Mustafa Karasu gab vergangene Woche im einem Radiointerview die Gesamtzahl der von der PKK gefangenen MIT-Mitarbeiter mit 20 an. »Die einzige Person mit der Schlagkraft, die Freilassung der Agenten zu erreichen, ist der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan«, meint die Monitor-Journalistin Amberin Zaman. Bis auf einen einmaligen Besuch seines Bruders Mehmet vor einem Jahr gab es seit Frühjahr 2015 kein Lebenszeichen von dem auf der Gefängnis­insel Imrali im Marmarameer gefangenen PKK-Gründer. Es ist also gut möglich, dass Fidan, der als Verhandlungspartner während der 2012 aufgenommenen Friedensgespräche zwischen Ankara und der PKK Öcalans Vertrauen gewonnen hatte, eine Botschaft des Parteivordenkers mit nach Erbil bringt.

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