Aus: Ausgabe vom 13.09.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Eine Feier für Meyer

Hingucker und Wahnsinn: Am Wochenende soll das Kreuzfahrtschiff »World Dream« von Papenburg zur Nordsee überführt werden

Von Gerrit Hoekman
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Schon da eine Freude für die Zugucker: Kreuzfahrtriese »World Dream« beim Verlassen des Baudocks im August

Am kommenden Wochenende erwartet das Emsland ein Spektakel: Das Kreuzfahrtschiff »World Dream« soll von der Meyer-Werft in Papenburg aus über die schmale Ems in die 38 Kilometer entfernte Nordsee geschleppt werden. Der Termin ist allerdings noch nicht bombensicher, denn Wind, Wetter und eine ungünstige Tide können die kniffelige Überführung noch verhindern.

Zweimal im Jahr gibt es dieses Ereignis zu bestaunen, so oft stellt die Werft ein neues Kreuzfahrtschiff fertig. Insgesamt sind es bis jetzt über 40. Auch diesmal werden wieder Tausende Schaulustige erwartet, die an den Ufern miterleben wollen, wie sich der 335 Meter lange, 40 Meter breite und 16 Decks hohe Ozeanriese durch die norddeutsche Tiefebene quält. Die Buchungsplattform Trivago spuckt für das Wochenende kaum noch freie Zimmer aus. Wer keinen Platz mehr ergattert, kann die Jungfernfahrt der World Dream im Livestream am Computer verfolgen.

Für Gastronomie und Hotelgewerbe sind es goldene Tage, für das sensible Ökosystem der Ems eine Tortur. Denn um dem Pott die nötige Wassertiefe zu bieten, wird flussabwärts das Sperrwerk bei Gandersum geschlossen und die Ems auf 8,50 Meter aufgestaut. Gerade genug für die World Dream. Umweltschützer protestieren auch jetzt wieder gegen den Wahnsinn.

Nach offizieller Lesart wurde das Sperrwerk gebaut, um den Küstenschutz im Hinterland zu verbessern. Der Bund und das Land Niedersachsen übernahmen deshalb die Kosten in Höhe von 223 Millionen Euro. Das rief seinerzeit die EU auf den Plan, die eine unzulässige staatliche Unterstützung für den Schiffbauer aus Papenburg vermutete. Jetzt verlangt das Land Niedersachsen von der Meyer-Werft für einen Tag gestaute Ems eine Gebühr von 130.000 Euro. Eine lächerliche Summe. »Es wäre Quatsch zu sagen, das Sperrwerk hätte nichts mit uns zu tun«, räumte Werftsprecher Peter Hackmann 2012 in der Hannoverschen Zeitung ein.

Meyer hat einen guten Draht zur Landespolitik. Der resultiert aus der Ausnahmestellung der Werft. 3.300 Menschen sind dort angestellt, das ist viel in der strukturschwachen Region um Papenburg, Leer und Emden. Hinzu kommen noch einmal 2.400 Jobs bei den Zulieferbetrieben. Würde Meyer pleite gehen, stürzten viele kleinere Betriebe mit in den Abgrund.

Die Jobs bei Meyer sind heißbegehrt, die Werft gilt als Garant für einen sicheren Arbeitsplatz. Die Motivation der Belegschaft sei hoch, erzählt der betriebseigene Guide bei einem Rundgang über die Werft. »Ein Tag Verzögerung kostet Meyer mehrere hunderttausend Euro. Da macht jeder gerne Überstunden.« Seit den 1980ern baut Meyer abgesehen von ein paar Gastankern nur noch Kreuzfahrtschiffe. Das Geschäft boomt, die Auftragsbücher sind bis 2024 voll.

2016 buchten 24 Millionen Menschen eine Kreuzfahrt, berichtete die Neue Osnabrücker Zeitung am 23. August. Mit deutlich steigender Tendenz, denn diese Art des Tourismus wird auch bei reichen Asiaten immer beliebter. Die gerade bei Meyer fertiggestellte World Dream wird ebenfalls überwiegend im Indischen Ozean unterwegs sein.

Ob man allerdings in Papenburg von der Kreuzfahrt-Hausse auf dem asiatischen Markt profitieren kann, ist unsicher, denn die Genting Group aus Malaysia will in Zukunft die Schiffe für ihr Tochterunternehmen Dream Cruisers, für das auch die World Dream fährt, selbst bauen. Auf den MV-Werften in Wismar, Stralsund und Warnemünde, die Genting im April 2016 für 230 Millionen Euro gekauft hat. In zwei Jahren soll mit dem Bau des ersten Kreuzfahrtschiffs begonnen werden, wie der Nordkurier am 1. September berichtete. An der Lloyd-Werft in Bremerhaven, die ebenfalls zur Genting Group gehört, sollen nur Reparaturen ausgeführt werden.

Der Irrsinn auf den Weltmeeren kennt keine Grenzen. Kreuzfahrten sind die vielleicht aggressivste Form des Tourismus. Wenn eines der riesigen Schiffe in einem Hafen anlegt und auf einen Schlag 5.000 Touristen über die Stadt herfallen, dann ist das selbst für eine Metropole wie Barcelona eine Last. Inzwischen sind so viele schwimmende Städte auf den Ozeanen unterwegs, dass sich vor Venedig zuweilen lange Warteschlangen bilden, weil die Lagune nicht so viele Schiffe aufnehmen kann. Ökonomisch lohnt sich der Besuch eines Kreuzfahrtschiffes für die Hafenstädte nur bedingt. Weil die Touristen auf den Cruisers rundum versorgt sind, geben sie nur verhältnismäßig wenig Geld an Land aus.

Der Boom ist für die Umwelt ein Desaster, denn die Ökobilanz der Kreuzfahrtschiffe ist verheerend. Auf den Schiffen werden weitaus mehr Abfall produziert, Energie verbraucht und Schadstoffe ausgestoßen als in einer ähnlich großen Stadt an Land. Besonders, dass die Pötte mit Schweröl fahren, ist ein großes Umweltproblem. 3,5 Millionen Liter dieser giftigen Pampe aus Schwefel und Schwermetallen passen in die Tanks der World Dream. Das Schiff, das für den asiatischen Markt bestimmt ist, besitzt keine Abgasreinigungsanlage, denn die wird in Asien nicht verlangt.

Meyer will in Zukunft noch größere Schiffe bauen. »Dafür erweitern wir demnächst die Fertigungshalle«, verrät der Guide. Im Moment diskutiert der Konzern mit der Politik und Umweltverbänden, wie das bewerkstelligt werden soll. Gemeinsam will man einen Masterplan Ems 2050 ausarbeiten. Schon jetzt ist aber sicher: Der Fluss wird wieder der Leidtragende sein.


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