Aus: Ausgabe vom 13.09.2017, Seite 4 / Inland

»Hightechland Deutschland«

Forschungsministerin Wanka feiert OECD-Bildungsbericht. DGB beklagt lange Liste an Baustellen. Herkunft weiter entscheidend für Erfolg in Schule und Beruf

Von Ralf Wurzbacher
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Bröckelnder Putz, verstopfte Klos und andere Unappetitlichkeiten finden sich im Hightechland allerorten, hier in einer Schule in Darmstadt

Wenn die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Deutschlands Kitas, Schulen und Hochschulen Fortschritte bescheinigt, dann muss das nichts Gutes bedeuten. Der Club der weltweit führenden Industrienationen begreift Bildungserfolg als etwas, das sich an Kriterien wie Wettbewerb, Leistung und Effizienz messen lassen muss. Was am Ende zählt ist, dass der Schulabgänger, Azubi oder Student in irgendeinem Job landet und dem Staat nicht auf der Tasche liegt. Das soll sich die Politik auch gerne etwas kosten lassen, solange der »Output« an verwertbarem Humankapital die Ausgaben rechtfertigt.

Deutschland ist in dieser Hinsicht offenbar auf einem guten Weg. Während es vor noch gar nicht langer Zeit regelmäßig Prügel von den OECD-»Experten« setzte, geriet deren Urteil in jüngeren Jahren immer milder. Auch bei der Vorstellung des neuesten Updates der Studie »Bildung auf einen Blick« am Dienstag in Berlin gab es für die sogenannte Bildungsrepublik deutlich mehr Lob als Tadel. So sei das Land gut gerüstet für »technologiebasierte Wirtschaft«, weil 26 Prozent der 25- bis 64jährigen einen tertiären Bildungsabschluss – ein Studium, einen Meister oder eine vergleichbare Qualifikation – in den Fachrichtungen Ingenieurwesen, Fertigung und Bauwesen vorweisen können. Dazu schlossen im Jahr 2015 von den Hochschulabsolventen 37 Prozent in einem MINT-Fach ab (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Damit liegt die BRD sogar an der Spitze aller OECD-Staaten und Partnerländer, gefolgt von Indien und Südkorea.

Deutschlands »herausragendste Stärke« im internationalen Vergleich ist für den OECD-Direktor für Bildung, Andreas Schleicher, das duale Ausbildungssystem. In fast keinem anderen Industriestaat sei »der Anteil junger Menschen, die weder in Ausbildung noch erwerbstätig sind«, so niedrig wie hierzulande. Die Beschäftigungsquote bei den 25- bis 34jahrigen mit abgeschlossener Lehre ist demnach mit 86 Prozent nur einen Prozent geringer als bei denen mit tertiärem Abschluss. Das OECD-Mittel liegt hier bei 83 Prozent. Positiv hob Schleicher auch die zunehmende »Akademisierung« hervor. Zwischen 2005 und 2014 ist die Zahl der Erstabsolventen eines Studiums pro Altersjahrgang um rund zwölf Punkte auf 38 Prozent gestiegen. Der Anteil der jungen Erwachsenen mit Tertiärabschluss legte zwischen 2005 und 2015 von 22 Prozent auf 30 Prozent zu.

Kritikwürdig findet es Schleicher, dass in Deutschland keine allgemeinen Studiengebühren erhoben werden, »während die meisten Staaten von den gut verdienenden Bildungsgewinnern erwarten, dass sie sich an den Kosten ihres Studiums beteiligen«. Der Bildungsökonom sähe es lieber, wenn der private Finanzierungsanteil im Tertiär­bereich wachsen und dafür im Pri­marbereich die Kitagebühren wegfallen würden, »also dort, wo Nachteile aufgrund eines bildungsfernen Elternhauses am ehesten ausgeglichen werden können«. Das klingt schön, folgt aber allein dem Kosten-Nutzen-Kalkül. Der Einsatz der Neoliberalen für die frühkindliche Erziehung zielt zuvorderst darauf ab, einheitliche Verwertungsbedingungen für die Arbeitskraft von Eltern kleiner Kinder zu schaffen, insbesondere für gut qualifizierte Mütter, um so die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt und den Lohndruck zu erhöhen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) freute sich gestern über die frohe Kunde der OECD. Der Bericht enthalte »gute Nachrichten für das Hightechland Deutschland«, sagte sie vor Pressevertretern. Nun komme es »stärker als bisher darauf an, Leistungsschwächeren den Einstieg in eine Ausbildung zu ermöglichen und Leistungsstärkeren attraktive berufliche Karrieremöglichkeiten zu bieten«.

Ob davon die Kinder aus ärmeren Familien profitieren werden, ist zu bezweifeln. Laut Report stagniert Deutschland nach wie vor in puncto Bildungsaufstieg. Über die Generatio­nen hinweg habe sich die »Mobilität nach oben in den Tertiärbereich« nicht verbessert, schreiben die Autoren. So hätten nur 13 Prozent der heute 45- bis 59jährigen, deren Eltern nicht studiert haben oder Meister sind, einen tertiä­ren Abschluss. Und auch unter den heute 30- bis 44jährigen sind es gerade mal 14 Prozent.

Auch bei den Bildungsinvestitionen tritt Deutschland auf der Stelle. Lediglich 4,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes kamen 2013 staatlichen und privaten Bildungseinrichtungen zugute, wogegen es im OECD-Schnitt 4,8 Prozent waren. Angesichts dessen forderte gestern Elke Hannack, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), Bildung müsse ein »Top-Thema der kommenden Bundesregierung werden«. Die Liste der »Baustellen« sei lang. Marode Schulen, soziale Auslese, steigende Schülerzahlen, fehlende gute Ganztags­angebote, Digitalisierung und Inklusion sowie die Integration von Flüchtlingen.

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