Aus: Ausgabe vom 11.09.2017, Seite 11 / Feuilleton

Klassenkampf im Urwald

Maria Leitner gilt als verschollene Autorin der Weimarer Republik. Nun gibt es mit »Amerikanische Abenteuer« eine erstaunliche Dokumentation ihrer Texte

Von Cristina Fischer
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Maria Leitner in Niederländisch-Guayana, aufgenommen ca. 1930

Die deutsch- ungarische Journalistin Maria Leitner (1892–1942) war eine unerschrockene linke Reporterin und Undercoverjournalistin. Sie wurde in der Weimarer Republik bekannt mit sozialkritischen Reportagen über ihre Reisen in Nord- und Südamerika. Ein Großteil dieser Arbeiten erschien 1932 im Agis-Verlag als erfolgreicher Sammelband unter dem Titel »Eine Frau reist durch die Welt«. 1942 ging Leitner im französischen Exil zugrunde. Einen Nachlass gibt es nicht, nur wenige Manuskripte sind erhalten geblieben.

Die Publizisten Helga und Wilfried Schwarz haben während ihrer bereits über fünf Jahrzehnte dauernden Recherchen in allen möglichen Zeitungen und Zeitschriften weitere Publikationen von Maria Leitner ermittelt. Der Gedanke, die neu entdeckten mit bereits bekannten Texten unter dem Leitmotiv »Amerika« als Dokumentation herauszugeben, lag nahe. Ihre nun im Nora-Verlag veröffentlichte Auswahl wird allerdings von den Herausgebern weder erklärt noch begründet.

Offenbar sollte ein Quasi-Nachdruck von »Eine Frau reist durch die Welt« vermieden werden; nur die Kapitel über Südamerika sind weitgehend auch im vorliegenden Band enthalten. Der erste Abschnitt, in dem Maria Leitner über ihre Arbeit als »Scheuerfrau im größten Hotel der Welt« und andere Tätigkeiten in New York (»Automat unter Automaten«) berichtet, ist ersetzt worden. Das Kapitel über Britisch-Guayana (heute Guayana) umfasst in der Originalausgabe vierzehn Abschnitte. Die im Anhang beigefügte Bibliographie Leitners weist jedoch nur elf entsprechende Artikel aus, davon sind sieben abgedruckt.

Nur ein Beispiel für die Problematik: Ein Kapitel im Buch befasst sich mit »Prostitution im Urwald«. In der Berliner Abendzeitung Tempo war dieser Teil stark gekürzt und durchaus entschärft unter dem Titel »Schicksal einer weißen Frau« publiziert worden; der Hinweis auf organisierten Frauenhandel entfiel. Insofern stellt sich die Frage nach den Originaltexten – eine Veröffentlichung in einer Zeitung entspricht eben nicht immer ganz dem, was der Autor verfasst und intendiert hat. In diesem Fall muss man annehmen, dass die »endgültige« Fassung im Buch näher am Original ist.

Ein Teufelsweib?

In der damaligen Presse wurde aus Reklamegründen gern behauptet, Maria Leitner sei bis auf die berüchtigte Teufelsinsel vorgedrungen, auf die bis 1899 der französische Offizier Alfred Dreyfus verbannt gewesen war. Tatsächlich hat sich die Journalistin in Französisch-Guayana aufgehalten, das vorwiegend als Strafkolonie genutzt wurde. An der Inselgruppe, zu der die Teufelsinsel gehört, ist sie jedoch nur mit dem Schiff vorbeigefahren. Sie hat mit Sträflingen sprechen können, vor allem mit sogenannten Libérés (Befreiten), die gar nicht frei waren.

In Berlin hatte ihr das französische Konsulat kein Visum für die Reise erteilt. Man vermutete, sie würde über die Missstände dort schreiben. Sie merkt lakonisch an, diese Befürchtung sei nicht ganz unbegründet gewesen. Schon über ihre Ankunft in Französisch-Guayana hat sie einen erschütternden Bericht verfasst. Sie sah zerlumpte Männer auf der Straße liegend ihrem Tod entgegendämmern.

In ihren Reportagen aus Südamerika thematisierte Leitner die elende Lage der Bevölkerung in den Kolonien ebenso wie die Ausbeutung der Bodenschätze und der Landwirtschaftsproduktion. Sie weist insbesondere auf die Bedeutung der Erdölvorkommen in Venezuela für die USA hin. Diesem Thema war in ihrem Buch das letzte, zwölfteilige Kapitel gewidmet, das von den Herausgebern vollständig übernommen wurde. Die in den Zeitungen damals abgebildeten Fotos – viele davon stammen von Leitner selbst – und andere zeitgenössische Illustrationen wurden im vorliegenden Band verwendet.

In einer tschechischen Zeitschrift konnten die Herausgeber auch ein drittes Porträtfoto von Maria Leitner ausfindig machen. Allerdings liegt es wie die beiden bisher bekannten Fotos von ihr nur als Pressereproduktion in dürftiger Qualität vor. Der Verfasserin dieses Artikels ist es gelungen, im Rijksmuseum Amsterdam das erste Originalfoto von Maria Leitner zu entdecken. Passend zum Thema zeigt es die Journalistin – etwas entrückt lächelnd – mit einem männlichen Begleiter vor einem Geländewagen in Niederländisch-Guayana.

Tschechische Entdeckung

»Wehr dich, Akato!«, Leitners vergessener, von Helga und Wilfried Schwarz hier erstmals wieder vorgestellter Urwaldroman war in Fortsetzungen in der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ) erschienen. Das Copyright hatte der Agis-Verlag. Mit dem Sieg der Nazis 1933 musste die Zeitung 1933 eingestellt werden; der Roman galt bisher als Fragment. Nach aufwendigen Recherchen hat das Ehepaar Schwarz ermitteln können, dass es eine tschechische Übersetzung von Frantisek Schöner (dt. Franz Schörpner) gibt, die zunächst – ebenfalls unvollständig – in der tschechischen Frauenzeitschrift Rozsevacka und dann 1935, um einen relativ kurzen Schluss ergänzt, in der Reihe »RODOKAPS« (»Romany do kapsy«, dt. »Romane für die Tasche«) veröffentlicht wurde. Unter dem wiederum irreführenden Namen »Dabelske ostrovy« (Teufelsinseln) war er als Abenteuerroman für die Jugend aufgemacht.

Schauplatz der Handlung ist jedoch Niederländisch-Guayana (heute Suri­name). An der dortigen Küste hatten US-amerikanische Firmen Konzessionen zum Abbau von Bauxit, das für die Herstellung von Aluminium gebraucht wird, erworben und mit dem Bau einer Stadt begonnen. Die Anwerbung von Arbeitskräften im Urwald erwies sich als schwierig, so dass man auf indische Kulis, verkrachte Goldgräber, auf »Buschneger« (wie Akato) und sogar auf entlaufene Sträflinge aus dem nahe gelegenen französischen Teil Gua­yanas zurückgreifen musste.

Solidarität entwickeln

Maria Leitner schildert die Arbeiterschaft als ein buntes Gemisch aus Männern und einigen Frauen von allen Kontinenten, verschiedensprachig und von unterschiedlicher Hautfarbe. Die harte Arbeit unter furchtbaren Bedingungen im Urwald schmilzt sie bald zu einer Gruppe zusammen, die angesichts der gnadenlosen Ausbeutung Klassenbewusstsein und Solidarität zu entwickeln beginnt. Als sich die Firma vorübergehend aus dem Projekt zurückzieht, da es nicht mehr profitabel genug erscheint, legen die Arbeiter ihre kargen Ersparnisse zusammen, gründen eine Art Selbstverwaltung und sammeln Waffen zu ihrer Verteidigung. Bald jedoch wird Aluminium wieder in großem Umfang für die Rüstungsproduktion benötigt, die amerikanische Firma kehrt zurück und meldet ihre Ansprüche an. Man kauft Verräter, die Sträflinge werden an Frankreich ausgeliefert, das Waffenversteck wird ausfindig gemacht, und die Arbeiter sehen sich einer Übermacht gegenüber, der sie vorerst wenig entgegenzusetzen haben.

Der nun erst bekannte, dennoch optimistische Schluss des Romans legt nahe, dass sie aus ihren Erfahrungen gelernt haben und auch in Zukunft solidarisch zusammenhalten werden. Maria Leitner hat mit diesem, literarisch leider nur mittelmäßigen Werk damals wie heute aktuelle Themen aufgegriffen: Kolonialismus und Imperialismus. Damit ist es den Herausgebern gelungen, dem Bild der Schriftstellerin, über die lange nur sehr wenig bekannt war, ein weiteres Puzzleteil hinzuzufügen.

Helga und Wilfried Schwarz (Hg.): Amerikanische Abenteuer. Eine Dokumentation. Originaltexte von 1925 bis 1935. Episoden, Reportagen und der Roman »Wehr dich, Akato!«, Nora-Verlag, Berlin 2017, 417 S., 22 Euro

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