Aus: Ausgabe vom 06.09.2017, Seite 7 / Ausland

Im Auge des Sturms

Der Wirbelsturm »Irma« ist auf dem Weg in die Karibik. Kuba bereitet sich vor

Von Volker Hermsdorf
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Im Jahr 2016 trieb Hurrikan »Matthew« in Kuba sein Unwesen

Die Karibik bereitet sich auf den Hurrikan »Irma« vor, der voraussichtlich am Mittwoch früh (Ortszeit) die nördlich gelegenen Inseln der Kleinen Antillen erreicht. Die französischen Überseegebiete Saint-Martin und Saint-Barthélemy, die Jungferninseln und Puerto Rico haben den ursprünglich für diese Woche vorgesehenen Schulbeginn verschoben; Universitäten, Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen. Der Gouverneur von Puerto Rico hat zudem die Nationalgarde in Alarmbereitschaft versetzt. Laut Meteorologen hat der Wirbelsturm das Potential, sich zu einem Hurrikan der höchsten Kategorie 5 zu entwickeln. Obwohl die weitere Zugbahn am Dienstag noch nicht exakt berechnet werden konnte, wird »Irma« mit großer Wahrscheinlichkeit am Freitag Kuba erreichen und könnte danach Kurs auf die US-Küste nehmen.

In Kuba werden bereits Tage vor Eintreffen des Hurrikans vorsorglich Rettungstrupps in die bedrohten Regionen entsendet. Der Staat stellt Transportmittel zur Verfügung und organisiert Schutzunterkünfte, um ältere Bürger, Schwache, Kranke und Kinder frühzeitig in Sicherheit bringen zu können. »Kuba liefert ein Beispiel dafür, dass die Gefährdung der Bevölkerung mit einfachen Mitteln erheblich reduziert werden kann«, lobt der Direktor des Sekretariats der Vereinten Nationen für die Internationale Strategie zur Katastrophenvorsorge (UNISDR), Salvano Briceno, das Konzept des kubanischen Evakuierungssystems.

Indes ist der heraufziehende Sturm für die Bevölkerung der gefährdeten Regionen entlang der US-Küste ein Alptraum. In Texas leiden derzeit noch Hunderttausende Bürger unter den Folgen des letzten Wirbelsturms. Hurrikan »Harvey« war erst vor knapp zwei Wochen auf die osttexanische Küste getroffen und hatte große Überschwemmungen ausgelöst. Mindestens 50 Menschen starben, in vielen Gebieten brach die Trinkwasserversorgung komplett zusammen, und die Gefahr von Krankheiten und Seuchen steigt täglich. Die texanische Behörde für öffentliche Sicherheit gab die Zahl der beschädigten Häuser mit mindestens 200.000 an. Doch auf eine von US-Präsident Donald Trump versprochene »Soforthilfe« in Höhe von 7,85 Milliarden Dollar, ungefähr 6,6 Milliarden Euro, müssen betroffene Gemeinden und Bürger möglicherweise noch warten: Der Kongress stimmt am heutigen Mittwoch über das Hilfspaket ab. Dazu wird heiß diskutiert, ob eine Anhebung der Schuldenobergrenze notwendig und richtig ist. Statt über eine klare Ansage aus der Politik können US-Medien derzeit lediglich über Spenden von Sandra Bullock, Beyoncé und Jennifer López berichten. Die Hurrikan-Opfer werden derweil zum Spielball der Innenpolitik.

In der Karibik und den USA erinnert man sich noch an die Wirbelstürme »Sandy« und »Matthew«. Im Oktober 2013 hatte »Sandy«, ein Hurrikan der Kategorie 3, auf Haiti, im Osten Kubas und in den USA schwerste Verwüstungen angerichtet. Mindestens 285 Menschen kamen ums Leben, davon die meisten in den USA, 104 in Haiti und elf in Kuba. Der Kata­strophenschutz der sozialistischen Insel hatte zuvor über 340.000 Menschen der betroffenen Gebiete in Sicherheit gebracht. Kubas Evakuierungssystem bewährte sich auch im Oktober 2016, als Hurrikan »Matthew« die Karibik und die Ostküste der Vereinigten Staaten heimsuchte. Dem Wirbelsturm fielen weltweit mehr als 1.000 Menschen zum Opfer, doch Kuba, über dessen Ostspitze das Auge des Hurrikans am 4. und 5. Oktober 2016 gezogen war und Städte wie Maisí, San Antonio del Sur und Baracoa zu großen Teilen zerstört hatte, musste keine Toten beklagen. Doch trotz ihres effizienten Schutzes vor Naturkatastrophen und Spekulanten hoffen die Kubaner, dass »Irma« am Freitag in möglichst großem Abstand an ihrer Insel vorbeizieht.

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