Aus: Ausgabe vom 06.09.2017, Seite 4 / Inland

Gedenken an revolutionäre Matrosen

Veranstaltung zum 100. Jahrestag der Hinrichtung von Max Reichpietsch und Albin Köbis in Köln

Von Elmar Wigand
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Der Gedenkstein für Albin Köbis und Max Reichpietsch auf dem der Stadt Köln gehörenden Friedhof auf dem Gelände der Luftwaffenkaserne Wahn

Deutschland, Land der Dichter und Denker, der Richter und Henker, ist auch ein Land der imposanten Abkürzungen. Eine besonders schöne ist zweifelsohne FlBschBMVg. Gemeint ist damit die Flugbereitschaft des Bundesministeriums für Verteidigung, die von der Luftwaffenkaserne Köln-Wahn aus die Flüge von Ressortchefin Ursula von der Leyen (CDU) in die Krisengebiete der Welt organisiert und durchführt. Am Dienstag begaben sich 30 Personen auf ihr Hoheitsgebiet, um der aufrührerischen Matrosen Max Reichpietsch und Albin Köbis zu gedenken.

Als eine der größten Kasernen Deutschlands beherbergt Wahn ein merkwürdiges Konstrukt. Auf der weitläufigen Liegenschaft, die von den Preußen als Schießplatz genutzt und von der faschistischen Wehrmacht ab 1939 zum Militärflughafen ausgebaut wurde, befindet sich auch eine Exklave, die offiziell zur Stadt Köln gehört. Ein »öffentlicher Militärfriedhof«, auf dem »Gefallene« des Kriegs gegen Frankreich 1870/71 und des Ersten Weltkriegs ihre »letzte Ruhe« finden sollten. Außerdem wäre ein Obelisk zum Gedenken an französische und ein Ehrenmal für verstorbene russische Kriegsgefangene zu sehen – wenn man denn so einfach auf das Gelände käme.

Seit 1917 befinden sich auf diesem Friedhof auch die Gräber von Max Reichpietsch und Albin Köbis, Angehörige der damaligen Kaiserlichen Marine. Sie waren am 5. September 1917 als »Rädelsführer« von Aktionen zivilen Ungehorsams gegen das Offizierskorps hingerichtet worden (siehe dazu auch Seiten 12/13 in jW vom Dienstag). Die in Wilhelmshaven stationierten Matrosen hatten als Vertrauenspersonen Proteste gegen die miserable Versorgung mit Lebensmitteln und Bummelstreiks gegen Marineoperationen im Rahmen der Kriegshandlungen im August 1917 mit organisiert. In Köln waren sie fern der Küste klammheimlich füsiliert und begraben worden. Das Militär fürchtete einen bewaffneten Aufstand. Selbst den Soldaten des Exekutionskommandos wurde erzählt, es handle sich bei den beiden Männern um britische Spione. Es ist ein zweiter Skandal nach dem Justizmord, dass die Angehörigen die Leichen nicht beisetzen konnten. Wahrscheinlich fürchtete man zu Recht öffentlichen Aufruhr bei den Beerdigungszeremonien, zumal Reichpietsch aus dem roten Berlin stammte.

1928 ließ der Rotfrontkämpferbund ein Denkmal für Reichpietsch und Köbis anfertigen, das auf dem Friedhof in Köln-Wahn steht. Bis zu seinem Verbot 1929 führte der Bund dort ein jährliches Gedenken durch. Diesem Beispiel folgte nach dem Zweiten Weltkrieg die KPD, bis sie ihrerseits 1956 verboten wurde.

Die Gedenkveranstaltung am Dienstag konnte allerdings nur unter rigiden Auflagen stattfinden. So musste der Autor dieser Zeilen draußen bleiben. Der Oberkommandierende Stabsfeldwebel erklärte, zwecks Sicherheitsüberprüfung sei eine Anmeldung fünf Tage im voraus nötig gewesen. Er hatte dem Veranstalter Roland Schüler, Geschäftsführer des Kölner Friedensbildungswerks, außerdem auferlegt, es dürften wegen des laufenden Wahlkampfs keine Politiker sprechen.

Am frühen Nachmittag versammelten sich 50 Personen an der Kreuzung zweier Straßen in Köln-Porz, die nach den Verstorbenen benannt sind. Vertreter der Linkspartei, der Falken, der VVN–BdA und des Kölner Friedensforums erhoben die Forderung nach freiem und unbeschränktem Zugang zum Friedhof der Stadt Köln auf dem Militärgelände in Wahn. Der ehemalige Kölner DGB-Vorsitzende Wolfgang Uellenberg-van Dawen forderte Verteidigungsministerin von der Leyen auf, Köbis und Reichpietsch zu Vorbildern der Bundeswehr zu erklären – gemäß dem Motto der Falken: »Die Waffen nieder!« Günter Baumann (VVN-BdA) forderte eine offizielle Aufhebung der Todesurteile. Roland Schüler mahnte erklärende Ergänzungen an den Straßenschildern an, während der evangelische Pfarrer Hans Mörtter sich an den Gedenkplaketten stieß, weil auf ihnen nicht die Vornamen der beiden Männer vermerkt sind – und weil der Nachname von Köbis falsch geschrieben ist.

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