Aus: Ausgabe vom 05.09.2017, Seite 12 / Thema

»Wir sind Sozialrevolutionäre«

Vor 100 Jahren wurden Max Reichpietsch und Albin Köbis erschossen. Sie hatten in der deutschen Hochseeflotte eine Antikriegsbewegung organisiert

Von Leo Schwarz
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»Dem Krieg muss mit Gewalt ein Ende gemacht werden«, so Max Riechpietschs (links) Überzeugung. Am 25. August 1917 wurde der Matrose zusammen mit Albin Köbis (rechts) als »Rädelsführer« durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Sie wurden am 5. September hingerichtet

Die Taten des Seeoffizierskorps der kaiserlichen Marine erlauben den einen oder anderen Einblick in die Mentalität des deutschen Bürgertums in der wilhelminischen Ära. Anders als beim Landheer, wo zumindest bis 1914 vorwiegend der alte Militäradel die Offiziersstellen bis hinab zum Leutnant besetzte, kommandierten auf den Schiffen die Söhne von Fabrikanten, Professoren und Oberstudiendirektoren. Neun von zehn Marineoffizieren hatten das Abitur erworben, damals viel mehr noch als heute Nachweis nicht von Bildung, sondern einer bestimmten sozialen Herkunft. Der von Elternhaus und Schule anerzogene Herrenstandpunkt wurde durch die Richtlinien für die Erziehung des Offiziersnachwuchses gefestigt und verstärkt; bereits außerdienstlicher und vertraulicher Umgang mit den für die technischen Anlagen an Bord verantwortlichen, überwiegend aus dem Kleinbürgertum rekrutierten Marineingenieuren galt als unerwünscht, das Verteilen von Ohrfeigen an Matrosen und Heizer sowie deren Anrede als »Schweine« dagegen als akzeptabel.

Steine statt Brot

Das Urteil der Mannschaften über ihr Verhalten war den Seeoffizieren so egal, die Überzeugung von der eigenen Unantastbarkeit so fest, dass sie sich noch lange nach Beginn des Krieges keinen Zwang antaten: »Auf ›Stettin‹ wurden viele Bordfeste abgehalten. Da sangen die Herren Offiziere ›Deutschland, Deutschland über alles‹, warfen die belegten Brötchen an die Wand, dass sie kleben blieben, und einer ließ einmal von Land an Bord mit einem Grammophontrichter im Arm sich in einem Schubkarren fahren.« Die Offiziere eines anderen Schiffes hatten an Land gefeiert: »Um zwei Uhr nachts musste das Dampfboot, nachdem es bereits zweimal Feuer ausgemacht hatte, wieder Dampf aufmachen, um sieben total betrunkene Offiziere an Bord zu holen. Unterwegs verunreinigten sie das Boot durch ›Seekrankheit‹ und, an Bord angekommen, führten die Herren vor der Offiziersmesse Deliriumstänze auf, ohne jede Rücksicht auf die dort in den Hängematten schlafenden Mannschaften.« Willkürliche Schikanen gehörten zum Alltag: »Während der Indienststellung [der] ›Nürnberg‹ hatten die Offiziere eines Tages am hellen Nachmittag in unerhörter Weise gezecht. Der wachhabende Offizier, Oberleutnant zur See N., torkelte während seines Abendrundgangs vor einer Heizerwache hin und her. Als einzelne Leute sich das Lachen nicht verbeißen konnten, ließ er die aus 18 Unteroffizieren und 56 Mann bestehende Wache über 20 Minuten bei einigen Grad Kälte ohne Unterbrechung stillstehen.« Ein Matrose des Großlinienschiffes ›Rheinland‹ beobachtete bei einem zweistündigen Strafexerzieren, »dass die Offi­ziere und der katholische Geistliche mit Ferngläsern auf etwa 30 Meter Entfernung sich an unserem Geschliffenwerden belustigten«; seine darauffolgende Beschwerde quittierte der Kommandant so: »Ob Sie verrecken oder nicht, das ist uns egal, die Hauptsache ist die Gefechtsbereitschaft des Schiffes. Leute sind Nebensache, denn die können wir kriegen, soviel wir haben wollen.« Selbst die Heizer, die schwerste körperliche Arbeit verrichteten, bekamen seit dem Winter 1916/17 häufig nur noch Steckrüben, Dörrgemüse, schlechtes Brot, Marmelade und Kunsthonig, den Matrosen Stumpf trieb der Hunger »bei Ebbe hinaus ins Wattenmeer, um einen Eimer ekelhafter Miesmuscheln zu sammeln«. Beschwerden aus der Mannschaft über die schlechte Ernährung beantwortete der I. Offizier des Kleinen Kreuzers ›Nürnberg‹ im Frühjahr 1917 im gleichen Stil: »Heute haben verschiedene Leute um mehr Brot gebeten. Das gibt es nicht, da müssen Sie eben hungern. Sollte einer von Ihnen dabei eingehen, so bin ich gern bereit, ihn mit allen Kriegsehren beerdigen zu lassen.« Der Matrose Max Reichpietsch vom Großlinienschiff »Friedrich der Große« berichtete seiner Verlobten: »Einmal sei 500 Mann, welche hätten antreten müssen, von den Offizieren gesagt worden, als sie hätten Brot haben wollen: ›Steine könnt ihr fressen!‹« Auch der Oberheizer Willy Sachse, ebenfalls von der »Friedrich der Große«, hörte von einem Offizier den Satz »Fresst Steine statt Brot!« Die Speisekarten in den Offiziersmessen blieben dagegen bis 1918 ansehnlich. Mehr noch: Auf vielen Schiffen zweigten sogar die Kommandanten ungeniert für die Mannschaften vorgesehene Lebensmittel für den Eigenbedarf ab oder verschoben sie an Land: »Die übrigen Offi­ziere, Ingenieure, Ärzte folgten natürlich dem Beispiel ihrer Vorgesetzten und nahmen aus den Bordvorräten, soviel sie nur kriegen konnten, um sie an Land zu bringen.«

Dittmann und Brüninghaus

Das hier fragmentarisch zitierte Material wurde zwischen 1926 und 1928 von dem Unterausschuss des Reichstages zusammengetragen, der sich mit der Untersuchung der »Ursachen des deutschen Zusammenbruches im Jahre 1918« befasste – so der offizielle Titel. Wenige Jahre nach der wesentlich durch den Aufstand der Matrosen der Hochseeflotte ausgelösten Revolution von 1918/19 war die Erinnerung daran noch lebendig genug, um die Zustände in der Marine mit besonderem Interesse zu untersuchen; die einschlägigen Referate, Verhandlungen, Gutachten und Zeugenvernehmungen füllten am Ende zwei dicke Bände. In den Blick gerieten damals auch die – je nach Standpunkt des Betrachters – als »Unruhen«, »Meutereien« oder »Aufstand« bezeichneten Vorgänge in der Hochseeflotte vom Sommer 1917, die am 5. September 1917 mit der Hinrichtung des Matrosen Max Reichpietsch und des Heizers Albin Köbis endeten. Sie lassen sich nach nunmehr einem Jahrhundert nur bis zu einem gewissen Grad verlässlich rekon­struieren. Wesentliche Aktenbestände, die dem Unterausschuss noch zur Verfügung gestanden hatten und insbesondere von den beiden Hauptreferenten Wilhelm Dittmann und Franz Brüninghaus verwertet wurden, sind verlorengegangen. Dazu kommt, dass Dittmann und Brüninghaus ihr Material nach Gesichtspunkten zusammenstellten, die höchst problematisch sind: Dittmann vertrat, gestützt von den liberalen Mitgliedern und Gutachtern, im Ausschuss die Sicht der SPD (und rechtfertigte nebenbei die Rolle, die er 1917 als führendes Mitglied der USPD in diesem Zusammenhang gespielt hatte). Der ehemalige Marineoffizier Brüninghaus verfocht in modifizierter Form die Positionen der Marineführung von 1917. Dittmann versuchte, die »Unruhen« vor allem auf »Gründe, die aus den Zuständen an Bord der Schiffe herrührten und nicht von außen her in die Flotte hineingetragen worden sind«, zurückzuführen (diesem Eifer verdanken wir die oben zitierten Zeugnisse über die Verhältnisse an Bord). Umgekehrt ging es Brüninghaus immer noch darum, die schon 1917 vom Staatssekretär des Reichsmarineamts Eduard von Capelle und von Reichskanzler Georg Michaelis behauptete Steuerung von außen bzw. die Verschwörung zwischen der Zentrale der USPD und den Matrosen nachzuweisen. Dittmann bestritt (mit Recht) nicht nur diesen letzten Punkt, sondern leugnete letztlich strikt, dass es überhaupt so etwas wie eine koordinierte Matrosenbewegung mit radikalen politischen Zielen gegeben habe; im Grunde sei es nur um Verpflegung, schlechte Behandlung und verweigerten Urlaub gegangen. Er ging dabei soweit, den 1917 als »Rädelsführer« verurteilten Willy Sachse, der ihm bei seinen Zeugenaussagen im März und April 1927 in wesentlichen Punkten widersprochen hatte, als »politischen Fanatiker mit starkem psychopathischen Einschlag« hinzustellen, dessen »alberne Phantastereien« man nicht glauben könne.

Dittmanns Linie aus den 20er Jahren ist inzwischen auch die des deutschen Staates. Die Bundesregierung antwortete im Oktober 2007 auf eine kleine Anfrage der Fraktion Die Linke, die sich nach den Zuständen um das im September 1928 vom Roten Frontkämpferbund errichtete Denkmal an der Begräbnisstelle von Reichpietsch und Köbis erkundigt hatte (die wegen ihrer Lage auf dem Gelände der Luftwaffenkaserne Wahn nicht frei zugänglich ist), mit einer Vorbemerkung: Die »noch nicht eindeutig« erforschte Bewegung der Seeleute habe ihren Ursprung offenbar »vornehmlich in der wachsenden Kritik an Missständen innerhalb der Marine« gehabt; dieser »innerdienstliche Zusammenhang« relativiere die Vorstellung, dass »die beiden geradezu Protagonisten einer revolutionären Bewegung« gewesen seien. Wo es keine revolutionäre Bewegung gibt, braucht man kein Verhältnis zu ihr zu finden. Das erspart einem die Peinlichkeit, sich offen von ihr distanzieren zu müssen. Was für die SPD der 20er Jahre funktionierte, klappt 90 Jahre später auch bei einer von der CDU geführten Bundesregierung.

Flottenstreik

Was war 1917 auf den Schiffen geschehen? Am 6. Juni 1917 weigerte sich ein großer Teil der Heizer des vor Wilhelmshaven liegenden Großlinienschiffs »Prinzregent Luitpold«, das zum III. Geschwader der Hochseeflotte gehörte, das ungenießbare Mittagessen zu verzehren. Dieser »Hungerstreik« wurde von der Schiffsführung, die augenscheinlich eine Untersuchung der Nahrungsmittelwirtschaft an Bord vermeiden wollte, nicht »nach oben« gemeldet. Ende Juni sabotierten Besatzungsmitglieder des gleichen Schiffes das Kohleaufnehmen, indem sie bewusst langsam arbeiteten und sogar Seile der Kohlekörbe durchschnitten. Vier Wochen später, am 5. Juli, verweigerten Matrosen auf der »Friedrich der Große«, dem ehemaligen Flottenflaggschiff, den Antritt zum Dienst, als nach einer nächtlichen Schießübung kein frisches Brot als Ersatz für das in der Nacht verzehrte ausgegeben worden war. Durch das demonstrative bewaffnete Auftreten der Offiziere ließen sie sich nicht einschüchtern. Auch hier erfolgte keine Weitermeldung durch die Schiffsführung, die schließlich warme Suppe verteilen ließ und wenig später der Einrichtung der von der Besatzung geforderten Menagekommission zustimmte, einem Komitee, das die Verpflegung regelte – ein großer Erfolg für die Mannschaft. Auf der »Friedrich der Große« hatte sich spätestens im März 1917 eine Gruppe sozialistischer Matrosen und Heizer zusammengefunden, die nach und nach aktiver wurde. Ihre Leiter waren Max Reichpietsch und die Heizer Willi Sachse und Wilhelm Weber. Etwa drei Wochen vor dem Vorfall vom 5. Juli hatte Reichpietsch während eines Urlaubs bei seinen Eltern in Berlin das Büro der USPD aufgesucht und dort mit dem Parteivorsitzenden Hugo Haase, dem bereits erwähnten Parteisekretär Dittmann, dem Kassierer Herbst, dem Marinereferenten Ewald Vogtherr und mit Luise Zietz, die dem Parteivorstand angehörte, gesprochen. Reichpietsch trug hier Beschwerden über die Verhältnisse an Bord vor und erkundigte sich nach den rechtlichen Möglichkeiten und Grenzen einer politischen Betätigung als Militärangehöriger. Dittmann riet ausdrücklich von der durch Reichpietsch vorgeschlagenen Bildung von Par­teigruppen auf den Schiffen ab, erklärte sich aber bereit, die erbetenen Zeitungen und Broschüren zu liefern. Reichpietsch trat daraufhin in die USPD ein und betrachtete seine weitere politische Arbeit nach seiner Rückkehr – Leser für die Parteipresse gewinnen, Mitgliederwerbung, das Sammeln von Unterstützungsunterschriften (am Ende waren es etwa 5.000) für die in Stockholm geplante Konferenz sozialistischer Parteien – als Betätigung für diese Partei. Er begann, mit seinen Freunden über die Möglichkeit eines »Flottenstreiks« oder einer Friedensdemonstration in Wilhelmshaven zu diskutieren, augenscheinlich in der sehr optimistischen Annahme, die USPD-Führer würden dieses Vorgehen wünschen und im Ernstfall decken. Die nötige Infrastruktur dafür lieferten die nach und nach auf den meisten Schiffen der Flotte gebildeten, miteinander ganz offiziell in Kontakt stehenden Menagekommissionen. Anfang Juli suchte auch Sachse Dittmann im Reichstag auf, erhielt von diesem aber nur »eine rein passive Stellungnahme«. Im Gegensatz zu Reichpietsch, der aus einem religiösen Elternhaus stammte und politisch sehr unerfahren war, war Sachse in der Arbeiterjugendbewegung politisiert worden und stand mit den Bremer Linksradikalen um Johann Knief in Verbindung; er empfand das Verhalten Dittmanns nicht als ermunternd, sondern als distanziert: »Als ich zurückkehrte, war ich enttäuscht. Das sage ich ganz offen. Wir waren alle enttäuscht.«

Eine spontane Geschichte

Mitte Juli verweigerten Heizer auf der »Posen« den Verzehr von verschimmelten Rüben, woraufhin sie der Oberingenieur, wie dieser bei einer späteren Vernehmung einräumte, anfuhr: »Ihr verfluchten Schweinehunde. Ihr sollt froh sein, dass ihr überhaupt noch was zu fressen bekommt.« Etwa zur gleichen Zeit fand auf der »Prinzregent Luitpold« ein zweiter Streik der Heizer statt, nachdem Suppe ausgegeben worden war, in der Würmer schwammen. Der Streik zwang das Schiff mitten im Kaiser-Wilhelm-Kanal vorübergehend zur Unterbrechung der Fahrt. An Bord dieses Schiffes hatte sich eine ähnlich aktive Gruppe wie auf der »Friedrich der Große« gebildet, an deren Spitze Hans Beckers und Albin Köbis standen. Köbis hatte, so Sachse 1927, »soweit man von einer bewusst politischen Tendenz reden kann, eine Einstellung zum Anarchismus.« Ähnliches galt für Beckers. Am 20. Juli entfernten sich 140 Mann der Besatzung des Kleinen Kreuzers »Pillau«, wo eine von dem Oberheizer Fischer geleitete illegale Organisation bestand, während des Dienstes unerlaubt von Bord, um gegen willkürliche Urlaubsverweigerungen zu protestieren. Vergleichbare, jedoch zunächst nicht so entschieden hervortretende Organisationen bildeten sich im Juli auf den Schlachtschiffen »Helgoland«, »Westfalen«, »Rheinland« und »Ostfriesland«. Am 25. Juli fand im Wilhelmshavener Lokal »Tivoli« eine Versammlung von Vertrauensleuten mehrerer Schiffe statt, die von Reichpietsch geleitet wurde. Am Ende seiner Rede führte er nach Aussage zweier Zeugen aus: »Deshalb müsse dem Kriege mit Gewalt ein Ende gemacht werden. (…) Wenn aber die Abgeordneten wiederkommen sollten und hätten nichts in Stockholm ausgerichtet und dann an die Soldaten der Ruf herantrete: ›Auf, sprengt die Fesseln nach russischem Muster‹, dann wisse ja jeder, was er zu tun habe.« Köbis geriet in eine Auseinandersetzung mit Weber und rief dabei aus: »Wir sind nämlich keine Revisionisten wie manche unter euch, sondern Sozialrevolutionäre!«

Anfang August kam es auf der »Prinzregent Luitpold« schließlich zu den Vorfällen, die die Marineführung zum Eingreifen veranlassten. Es muss hervorgehoben werden, dass diese Aktion, die zur Aufdeckung und Zerschlagung der illegalen Gruppen führte, »eine spontane Geschichte [war], die gegen den Willen der zentralen Leitung entstanden ist«, so Sachse zehn Jahre später. Am Vormittag des 1. August verließen 49 Mann der dritten Heizerwache der »Prinzregent Luitpold« unerlaubt das Schiff, nachdem ohne ersichtlichen Grund der geplante Besuch des Bordkinos gestrichen und dafür Dienst angesetzt worden war. Als die 49 nach zwei Stunden wieder zurückkehrten, ließ der Kommandant elf »Unliebsame und Hetzer« festnehmen und mit Arrest bestrafen. Daraufhin gingen am Morgen des 2. August auf Initiative von Köbis zwischen 400 und 600 Matrosen und Heizer von Bord. Sie zogen in strömendem Regen zu einem Lokal in Rüstersiel: »Dort wurden ein paar ulkige Vorträge gehalten. Es wurde getanzt, einer klimperte auf dem Klavier.« Auch Köbis hielt eine kurze Rede, dabei sollen die Bemerkungen gefallen sein: »Die dritte Wache hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht«, und: »In einigen Wochen wollen wir zum großen Schlag ausholen.« Nach ihrer Rückkehr lief das Schiff sofort aus. In der Absicht, den am Abend des 1. August versprochenen »Sympathiestreik« auszulösen, informierte Beckers seine Kontakte auf der »Friedrich der Große« mit einem Zettel: »Schiff läuft aus, wahrscheinlich unter Belagerungszustand. Wenn in drei Tagen keine Nachricht, dann los!« Bei der Rückkehr am nächsten Morgen wurden 18 Mann der Besatzung verhaftet, darunter Beckers und Köbis. Nach den ersten Aussagen folgte ein paar Tage darauf die Festnahme von Reichpietsch, Sachse und Weber.

Revolver oder Galgen

Mehr oder weniger alle Festgenommenen machten umfassende Aussagen, vor allem weil der mit der Untersuchung beauftragte Kriegsgerichtsrat Dobring die Festgenommenen, von denen die meisten Anfang 20 oder jünger waren, massiv einschüchterte. Beckers begrüßte er mit dem Satz: »Aha, das ist einer von den Todeskandidaten«, bei dem Verhör Sachses legte er neben die Zeichnung eines Galgens einen Revolver, verbunden mit der Aufforderung, zwischen beiden zu wählen. Die gesamte Untersuchung zielte bereits nach wenigen Tagen darauf ab, die USPD-Führung als vermeintlichen Anstifter in die Angelegenheit zu verwickeln, um die Partei verbieten zu können. Staatssekretär Capelle sagte am 24. August in einer Regierungsbesprechung: »Eine so gute Gelegenheit wie die jetzige, gegen die revolutionäre Partei vorzugehen, ergibt sich so leicht nicht wieder.«

Die Verhängung der fünf Todesurteile am 26. August erfolgte unter Anwendung des Paragraphen 90 Absatz 6 des Reichsstrafgesetz­buches und des Paragraphen 58 des Militärstrafgesetzbuches. Den Angeklagten wurde vollendeter Aufstand im Kriege – nach damaligem Verständnis eigentlich definiert als »größere bewaffnete Erhebung gewaltsamer Art gegen die Vorgesetzten« – zur Last gelegt, also das maximal mögliche Delikt. Die weitaus plausibleren, aber weniger schwerwiegenden Tatbestände Gehorsamsverweigerung, Meuterei oder Aufruhr wurden den Angeklagten nicht vorgeworfen, ebensowenig erfolgte eine genaue Unterscheidung nach Vorbereitung, Versuch und vollendeter Tat, denn das eine wie das andere hätte die angestrebten Todesurteile gefährdet. Dass der Tatbestand des vollendeten Aufstandes nicht vorlag, wurde selbst von Admiralitätsrat Felisch, dem leitenden Juristen des Reichsmarineamts, eingeräumt (wenn auch nur intern). In einem Brief an Capelle vom 3. Oktober 1917 wies er diesen darauf hin, dass »auch der Rechtsberater des Chefs der Hochseestreitkräfte die Todesurteile für einen Fehlspruch hält«, und riet ihm sodann davon ab, die Urteilsbegründung in der Öffentlichkeit zu thematisieren: »Die Marinejustizverwaltung braucht sich auf einen Streit hierüber, aus dem sie nicht als Siegerin hervorgehen würde, nicht einzulassen.« Die Anklagevertreter, die Militärrichter und Admiral Reinhard Scheer als Chef der Hochseestreitkräfte wollten jedoch, wie Dittmann 1926 vor dem Unterausschuss ausführte, »unter allen Umständen Blut sehen«, um der Bewegung auf den Schiffen durch Einschüchterung Herr zu werden. Nachdem Capelle Scheer jedoch bedeutet hatte, dass die Vollstreckung aller fünf Todesurteile einen schwer beherrschbaren Skandal auslösen würde, gab dieser nach und bestätigte am 3. September nur die Todesurteile gegen Reichpietsch und Köbis, die gegen Sachse, Weber und Beckers wandelte er in Zuchthaushaft von je 15 Jahren um. Scheer rechnete bei einer Vollstreckung des Urteils in Wilhelmshaven mit Unruhen und beantragte deshalb beim Kriegsministerium die Genehmigung für eine Vollstreckung in Köln, die auch erteilt wurde.

Sachse und Ebert

Reichpietsch und Köbis wurden am frühen Morgen des 5. September 1917 vom Festungsgefängnis Köln zum Schießplatz Wahn gefahren und dort um kurz nach sieben Uhr erschossen. Warum Scheer die beiden für die Hinrichtung ausgewählt hat, ist nicht mit letzter Sicherheit zu klären. Weber rettete augenscheinlich, dass er sich als Anhänger der Mehrheitssozialdemokratie ausgeben konnte. Köbis dagegen bestätigte vor dem Militärgericht seine zitierte Aussage vom 25. Juli und hat höchstwahrscheinlich damit sein Schicksal besiegelt. Reichpietsch war bei den Vernehmungen und vor Gericht viel vorsichtiger, aber letztlich derjenige, der die Verbindung zur USPD hergestellt und besonders intensiv für die Partei geworben hatte. Er hatte zudem im Laufe seiner mehrjährigen Zugehörigkeit zur Marine eine ganze Reihe von Disziplinarstrafen erhalten. Willy Sachse wurde schließlich auch Opfer eines deutschen Henkers: Er wurde am 21. August 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet. Sein Weg nach 1917 führte ihn über die KPD und ihre »oppositionelle« Abspaltung KPO in den Kreis um Beppo Römer, ganz zuletzt war er einer der führenden Männer in der von Robert Uhrig aufgebauten kommunistischen Widerstandsorganisation. 1942 wurde er verhaftet, in der Haft erfuhr er vom Tod seines einzigen Sohnes. Er reichte kein Gnadengesuch ein. Sachse ist trotz seines einzigartigen Lebensweges im Grunde ein Unbekannter geblieben, auch wenn ihn Luise Kraushaar mit ihrer 1981 erschienenen Arbeit über die Uhrig-Gruppe davor bewahrt hat, gänzlich vergessen zu werden.

Andere, die im Sommer 1917 auch eine Rolle spielten, haben dagegen bis heute einen unverdient guten Namen. In den Akten der Reichskanzlei hat sich ein mit dem Vermerk »Ganz geheim!« versehenes Schreiben erhalten, das der Staatssekretär des Reichsmarineamtes am 9. August 1917 an Reichskanzler Michaelis gerichtet hatte. Capelle informierte den Kanzler darin ausführlich über ein Gespräch mit dem »Führer der gemäßigten sozialdemokratischen Partei« vom gleichen Tag. Das war Friedrich Ebert. Wie wenige andere vermittelt das Dokument einen Eindruck davon, wo die Loyalität dieses auch gegenüber Sozialdemokraten seiner Richtung verschlossenen und ausweichenden Mannes wirklich lag. Ebert zeigte sich völlig überrascht von den Marinevorgängen, die er »als krassen Landesverrat bezeichnete und in den schärfsten Ausdrücken verurteilte«; er erklärte sich »in jeder Weise« bereit, dem »Gedanken der Gegenwirkung Folge zu geben.« Der SPD-Vorsitzende, so Capelle in der Zusammenfassung, habe mehrfach versichert, dass »die Regierung fest auf seine Partei rechnen« könne, und es dabei »nicht an Worten der Entrüstung über das landesverräterische Vorgehen fehlen« lassen. Diese letzte Passage hat Michaelis am Rand mit drei senkrechten Strichen markiert. Sie muss diesem konservativen preußischen Beamten als höchst bedeutungsvoll erschienen sein, und sie ist es auch. Die hier aktenkundig gemachte bedingungslos staatstragende Gesinnung Eberts war ein Geschenk an die herrschende Klasse, wie es größer kaum denkbar war. Sie sollte allerdings noch bis zum November 1918 zögern, es anzunehmen.

Leo Schwarz schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. April 2017 über die Gründung der USPD in Gotha im Jahr 1917.

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