Aus: Ausgabe vom 02.09.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Eroberungskonkurrenz

Im August und September 1917 arbeitete Lenin an einem seiner Hauptwerke: »Staat und Revolution« (Teil III)

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»Auf die Frage, warum besondere, über die Gesellschaft gestellte und sich ihr entfremdende Formationen bewaffneter Menschen (Polizei, stehendes Heer) nötig geworden seien, ist der westeuropäische Philister geneigt, mit ein paar Phrasen zu antworten: Komplizierung des öffentlichen Lebens, Differenzierung der Funktionen und dergleichen mehr«. Foto: 6. Juli in Hamburg

Wir sind berechtigt, von besonderen Formationen bewaffneter Menschen zu sprechen, weil die jedem Staat eigentümliche öffentliche Gewalt »nicht mehr unmittelbar zusammenfällt« mit der bewaffneten Bevölkerung, mit ihrer »selbsttätigen bewaffneten Organisation«. Wie alle großen revolutionären Denker sucht (Friedrich) Engels (1820–1895, in seinem Werk »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats«, jW) die Aufmerksamkeit der klassenbewussten Arbeiter gerade auf das zu lenken, was dem herrschenden Spießertum am wenigsten beachtenswert, am gewohntesten erscheint, auf das, was nicht nur durch fest eingewurzelte, sondern, man kann sagen, durch verknöcherte Vorurteile geheiligt ist. Das stehende Heer und die Polizei sind die Hauptwerkzeuge der Gewaltausübung der Staatsmacht, aber – kann denn das anders sein?

Vom Standpunkt der ungeheuren Mehrheit der Europäer am Ausgang des 19. Jahrhunderts, an die sich Engels wandte und die keine einzige große Revolution selbst miterlebt oder aus der Nähe beobachtet hatten, kann das nicht anders sein. Für sie ist es völlig unverständlich, was das für eine »selbsttätige bewaffnete Organisation der Bevölkerung« ist. Auf die Frage, warum besondere, über die Gesellschaft gestellte und sich ihr entfremdende Formationen bewaffneter Menschen (Polizei, stehendes Heer) nötig geworden seien, ist der westeuropäische und der russische Philister geneigt, mit ein paar (...) Phrasen zu antworten, auf die Komplizierung des öffentlichen Lebens, die Differenzierung der Funktionen und dergleichen mehr hinzuweisen.

Ein solcher Hinweis hat den Anschein der »Wissenschaftlichkeit« und schläfert den Spießbürger vortrefflich ein, da er das Wichtigste und Grundlegende vertuscht: die Spaltung der Gesellschaft in einander unversöhnlich feindliche Klassen. Ohne diese Spaltung würde sich die »selbsttätige bewaffnete Organisation der Bevölkerung« zwar durch ihre Kompliziertheit, die Höhe ihrer Technik usw. von der primitiven Organisation der mit Baumästen bewaffneten Affenherde oder der des Urmenschen oder der in der Gentilgesellschaft zusammengeschlossenen Menschen unterscheiden, aber eine derartige Organisation wäre möglich.

Sie ist unmöglich, weil die zivilisierte Gesellschaft in feindliche und noch dazu unversöhnlich feindliche Klassen gespalten ist, deren »selbsttätige« Bewaffnung zu einem bewaffneten Kampf unter ihnen führen würde. Es bildet sich der Staat heraus, es wird eine besondere Macht geschaffen, besondere Formationen bewaffneter Menschen entstehen, und jede Revolution, die den Staatsapparat zerstört, zeigt uns sehr deutlich, wie die herrschende Klasse die ihr dienenden besonderen Formationen bewaffneter Menschen zu erneuern sucht und wie die unterdrückte Klasse danach strebt, eine neue Organisation dieser Art zu schaffen, die fähig ist, nicht den Ausbeutern, sondern den Ausgebeuteten zu dienen. (...)

Doch kehren wir zur Darstellung von Engels zurück. Er weist darauf hin, dass zuweilen, zum Beispiel hier und dort in Nordamerika, diese öffentliche Gewalt schwach ist (es handelt sich um eine für die kapitalistische Gesellschaft seltene Ausnahme und um diejenigen Teile Nordamerikas in seiner vorimperialistischen Periode, wo der freie Kolonist vorherrschte), dass sie sich aber, allgemein gesprochen, verstärkt: »Sie« (die öffentliche Gewalt) »verstärkt sich aber in dem Maß, wie die Klassengegensätze innerhalb des Staats sich verschärfen und wie die einander begrenzenden Staaten größer und volkreicher werden – man sehe nur unser heutiges Europa an, wo Klassenkampf und Eroberungskonkurrenz die öffentliche Macht auf eine Höhe emporgeschraubt haben, auf der sie die ganze Gesellschaft und selbst den Staat zu verschlingen droht.«

Das ist nicht später als Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschrieben worden (Das Vorwort zur vierten Auflage seines Werks schrieb Engels 1891). (...) Damals nahm die Wendung zum Imperialismus – sowohl im Sinne der völligen Herrschaft der Trusts und der Allmacht der größten Banken als auch im Sinne einer grandiosen Kolonialpolitik usw. – in Frankreich gerade erst ihren Anfang, noch schwächer war sie in Nordamerika und Deutschland.

Seitdem hat die »Eroberungskonkurrenz« Riesenschritte vorwärts getan, um so mehr, als zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts der Erdball endgültig unter diese »konkurrierenden Eroberer«, d. h. die räuberischen Großmächte, aufgeteilt war. Seit dieser Zeit sind die Rüstungen zu Lande und zu Wasser ins Ungeheure gewachsen, und der Raubkrieg 1914–1917 um die Beherrschung der Welt durch England oder Deutschland, um die Teilung der Beute hat das »Verschlingen« aller Kräfte der Gesellschaft durch die räuberische Staatsmacht in solchem Maße gesteigert, dass eine völlige Katastrophe naht.

Wladimir Iljitsch Lenin: Staat und Revolution. Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution. Petro­grad 1918. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Band 25. Dietz Verlag, Berlin/DDR 1974, Seiten 399–401. Teil I und II erschienen in den Wochenendbeilage zu den jW-Ausgaben vom 19./20. und vom 26./27. August

Die Verlag 8. Mai GmbH, in der jW erscheint, besitzt die Rechte an der deutschsprachigen Übersetzung der Werke Lenins. Sie bereitet gegenwärtig eine kommentierte Ausgabe von »Staat und Revolution« vor, die im Frühjahr 2018 vorliegen soll. 2016 gab sie bereits Lenins Imperialismus-Studie heraus – mit großer Resonanz: Die erste Auflage ist bis auf wenige Exemplare ausverkauft.

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