Aus: Ausgabe vom 02.09.2017, Seite 10 / Feuilleton

Die Leere spüren

Im Zerfall der Gesellschaft: Enno Stahls Roman »Spätkirmes«

Von Jakob Hayner
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Moment des Untoten: Folkloreveranstaltung Schützenfest

»Kirmes, dat is’ die schönste Zeit im Jahr, die schönste Zeit, oder nit? Was waren wir immer bejeistert. All die Leute, die Blumen, die Fahnen, die Schützen, nee, Kirmes, dat is ...« Ja, was eigentlich? Irgendwo im Rheinland, zwischen Neuss und Mönchengladbach, wird Kirchweih gefeiert. Obwohl, eigentlich feiert nur der Schützenverein sein 175jähriges Jubiläum, also veranstaltet man zu diesem Zweck eine sogenannte Spätkirmes. Das alles findet in dem fiktiven Kirchweiler statt, dort spielt Enno Stahls neuester Roman, der den Titel »Spätkirmes« trägt. In den Schützenvereinen sammelten sich einst um 1848 die nationalliberalen Bürger. Aber das ist lange her, die Entbürgerlichung weit fortgeschritten, und die Kostüme sind nur Folklore. In der Form der Erzählung wird deutlich, dass in den tradierten Formen kein Inhalt mehr ist. Die Dinge sind von etwas Unwirklichem umhaucht. »Alles Ständische und Stehende verdampft«, schrieben Karl Marx und Friedrich Engels 1848. Doch in welcher Weise verdampft es? Es verschwindet nicht einfach, sondern bleibt als leere Form weiterbestehen. So liegt in all diesem Mitgeschleppten, dem scheinbar Anachronistischen etwas Beunruhigendes, ein Moment des Untoten, Zombiehaften, das auch Stahls Roman durchzieht. Denn mitnichten sehen die Menschen in Kirchheim »ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen«, wie sich Marx und Engels erhofften. Alles ist von einer tiefsitzenden Fremdheit durchzogen.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Hannes und Meta Tannert mit ihrer gemeinsamen Tochter Cora. Hannes ist Teil des akademischen Prekariats, nach der auslaufenden Juniorprofessur ohne Möglichkeit des beruflichen Aufstiegs, der aber im universitären Betrieb zwingend notwendig ist, und somit von Arbeitslosigkeit bedroht. Seine Frau fühlt sich in Kirchheim deutlich wohler als ihr distanzierter Mann, doch kommt sie mit einem 400-Euro-Job eher schlecht als recht über die Runden. Tochter Cora schließlich kann sich angesichts der Lage ihrer Eltern und der daraus auch entstehenden Spannungen und Konflikte nur kurze Momente von Unbeschwertheit erlauben. Dazu kommen noch Jeanette und Mandy, zwei rüpelhafte Kids aus dem Städtchen, Bob, der als Behinderter immer gehänselt wird, und viele weitere. Alle treibt es zu dem Volksfest zusammen. Natürlich wird gesoffen. Und Musik gespielt. Und ein bisschen getanzt. Und irgendwann werden auch Naziparolen gegrölt. So manches kommt zum Vorschein. Und um so dringlicher stellt sich die Frage, ob es – anlässlich dieses festlichen Anlasses – überhaupt gelingen kann, gesellig zu sein, sich frei zu vergesellschaften. Nun mag man zu Recht einwenden, dass von Menschen, die sich für die Verwertung des Werts abschuften, nicht unbedingt zu erwarten ist, dass sie nach Feierabend plötzlich frei und lebendig werden. Die Freizeit als das der Produktion Nachgeordnete war nie die volle Freiheit, sondern immer nur ein mehr oder weniger befriedigender Ersatz für das, was mit der Assoziation freier Produzenten gemeint war – sie bleibt eine Assoziation unfreier Konsumenten.

»Spürt diese Gesellschaft ihre Leere nicht?« fragt sich Hannes Tannert angesichts dieser scheiternden Freizeitvergesellschaftung. Der zum Zynismus neigende Intellektuelle räsoniert über den Ausnahmezustand bei Carl Schmitt, bei Heinrich von Kleist, im Dadaismus. Was ist, wenn nur die Gewalt herrscht? Der Souverän entscheidet? Selbst schwankt er zwischen Sehnsucht nach der Ausnahme und dem Schutz durch die Souveränität. Doch er ist nicht der einzige, dessen Innenleben von schweren Ambivalenzen geprägt ist. Stahls literarische Technik basiert darauf, innere und äußere Vorgänge der Figuren so zu verschränken, dass sich zwischen gesellschaftlichem Handeln und persönlichen Motiven ein Spalt auftut. Die Inkohärenz zwischen Dialog und innerem Monolog verweist auf den Druck zur sozialen Anpassung und ihre gleichzeitig verspürte Sinnlosigkeit. Der Grund der Zerrissenheit, der sozialen Schizophrenie der Stahlschen Figuren ist, dass der Kapitalismus sowohl den Kampf aller gegen alle durch die Konkurrenz als auch die Selbstbeschränkung des Homo oeconomicus und Einhaltung zivilisatorischer Regeln erfordert. Der Blick auf den latenten Ausnahmezustand, der unter der Hülle der Kultur längst herrscht, macht die Qualität des Romans aus.

»Spätkirmes« steht in der Folge anderer Arbeiten Enno Stahls. Mit seinem Essayband »Diskurspogo. Über Literatur und Gesellschaft« hatte er für ein neues realistisches Verständnis der Literatur geworben und mit seinem vorigen Roman »Winkler, Werber« ein präzises Psychogramm der Krise am Beispiel der Figur eines alternden Werbetexters vorgelegt. Nicht Politik in der Literatur zu kommentieren, sondern politische Literatur zu machen, das Literarische selbst politisch wirksam werden zu lassen, ist ihm von Bedeutung. Sei neuer Roman versucht deshalb die Welt, gespiegelt in dem Verhalten und Denken der Figuren, zu erfassen und ihrer Ungenügsamkeit zum Ausdruck zu verhelfen. So wird der Zerfall der Gesellschaft erfahrbar. Die Spätkirmes steht auch für den keineswegs beruhigenden Zustand des Spätkapitalismus.

Enno Stahl: Spätkirmes. Verbrecher-Verlag, Berlin 2017, 224 Seiten, 18 Euro

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