Aus: Ausgabe vom 01.09.2017, Seite 5 / Inland

Erzwungene Flexibilität

Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft fordert Maßnahmen gegen prekäre Beschäftigung an den Hochschulen

Von Ben Mendelson
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Die TU Dresden ist da keine Ausnahme: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Drittmittelfinanzierung sind an allen deutschen Hochschulen an der Tagesordnung

Anlässlich der Bundestagswahl hat das Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) am Donnerstag in Berlin gemeinsam mit Gewerkschaftsvertretern Forderungen an die Politik formuliert. Der Grund: Der sogenannte Mittelbau, also die abhängig beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiter an den Hochschulen, sieht seine Lage als prekär an.

Die Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft »verschlechtern sich seit Jahren«, konstatierte Fabian Frenzel vom NGAWiss bei der Pressekonferenz. Befristungen von unter einem Jahr und die Unterbezahlung oder gar Nichtentlohnung von Lehrtätigkeiten seien inzwischen der Regelfall. Nicht wenige junge Beschäftigte seien gezwungen, mit Hartz IV aufzustocken, und jede Gesetzesreform scheine die Dinge nur schlimmer gemacht zu haben, so Frenzel. Es brauche umfangreiche Strukturreformen, wobei Geld allein aber nicht ausreiche.

Die Universitäten benötigten eine deutlich bessere Grundfinanzierung. In vielen Bundesländern seien die dafür vorgesehenen Ausgaben in den letzten Jahren gleichgeblieben oder gar gesunken. Die Summe der Drittmittel für kurzfristige und spezifische Forschungsprogramme steige jedoch deutlich an. Diese kämen zu achtzig Prozent von Bund und Ländern. Das NGAWiss sieht diesen hohen Anteil der Drittmittel an der Hochschulfinanzierung allerdings kritisch: An der TU Dresden würden 57 Prozent der wissenschaftlich Beschäftigten durch Drittmittel finanziert. Durch diese kurzfristigen Projekte gebe es auch immer mehr Zeitverträge im Wissenschaftsbereich.

Gerade befristete Arbeitsverhältnisse sieht das Netzwerk als immer drängenderes Problem: Heute hätten bereits 75 Prozent aller wissenschaftlich Beschäftigten befristete Verträge. Bei den unter 45jährigen seien sogar 93 Prozent befristet angestellt. Diese seien »Dauerkunden beim Arbeitsamt«, erläuterte der ebenfalls in dem Netzwerk aktive Mathias Kuhnt. Auch wenn ihre Verträge letztlich verlängert würden, müssten die Betroffenen drei Monate vor Vertragsende beim Arbeitsamt vorsprechen.

Matthias Neis von der Gewerkschaft Verdi merkte an, dass im deutschen Hochschulwesen offensichtlich versucht werde, »die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts mit der Personalstruktur des 19. Jahrhunderts« zu verwalten. Bislang sei die Forschung auf Prekarisierung aufgebaut, so Neis. Es brauche daher eine völlig neue Personalstruktur, nicht bloß Neueinstellungen.

Das NGAWiss fordert deshalb die Auflösung der Lehrstühle und eine Demokratisierung der Institute an den Universitäten. Bislang herrschten Professoren oft »in feudaler Manier«, kritisierte die Privatdozentin Ulrike Stamm. Oft seien sie auch die einzigen Festangestellten am Lehrstuhl. Statt dessen sollten alle Mitarbeiter ihre Verträge nicht mit dem Lehrstuhl, sondern mit der Universität abschließen und fest angestellt werden. Das fördere die Autonomie des Mittelbaus.

Dumpinglöhne seien in diesem Bereich weit verbreitet, konstatiert NGAWiss. Gerade Menschen mit Lehraufträgen schulterten viel Arbeit und Verantwortung, würden aber »unterirdisch bezahlt«, so Lisa Janotta vom Netzwerk. An der TU Dresden bekämen Lehrende beispielsweise 15,20 Euro pro Semesterwochenstunde (45 Minuten). Allerdings werden Prüfungen sowie Vor- und Nachbereitungszeiten quasi als Freizeit angesehen und überhaupt nicht entlohnt. Der tatsächliche Stundenlohn liege also bei weniger als drei Euro, so das Netzwerk.

Neis erinnerte daran, dass studentisch Beschäftigte zunehmend grundsätzliche Aufgaben wie Pressearbeit, die Gestaltung von Websites oder die Besetzung des Sekretariats übernehmen. Wo dies dauerhaft der Fall sei, müsse auch unbefristet beschäftigt werden, forderte der Gewerkschafter.

Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, mahnte, der Bund müsse seine Verantwortung im Wissenschaftsbereich ernster nehmen. Von der Max-Planck-Gesellschaft und anderen vom Bund finanzierten Forschungseinrichtungen wisse man, dass sie untertariflich bezahlen und sich weigern, Tarifverträge abzuschließen. Der Bund müsse hier auf deren Durchsetzung pochen.

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Wissen ist Macht Bildungsprivilegien und -benachteiligungen

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