Aus: Ausgabe vom 30.08.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

»Wir bleiben revolutionär«

Aus der Eröffnungsrede von FARC-Comandante Timoleón Jiménez auf dem Kongress der bisherigen Guerillaorganisation in Bogotá

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Comandante Timoleón Jiménez während seiner Ansprache auf dem FARC-Kongress

Der oberste Comandante der Revolutionären Streitkräfte Kolum­biens – Armee des Volkes (FARC-EP), Timoleón Jiménez alias Rodrigo Londoño, eröffnete am Sonntag mit einer Ansprache den Gründungskongress der neuen Partei, die aus der Guerilla hervorgehen soll:

Wenn wir uns zu diesem Kongress mit dem Ziel versammeln, eine neue politische Partei zu gründen, die das kolumbianische Volk repräsentiert, machen wir einen großen Schritt in der Geschichte der Volkskämpfe in Kolumbien.

Als FARC-EP, dieser glorreichen, am 27. Mai 1964 geborenen revolutionären bewaffneten Bewegung, werden wir uns mit dieser Versammlung in eine neue, ausschließlich politische Organisation transformieren, die ihre Tätigkeit mit legalen Mitteln ausüben wird. Das bedeutet nicht, dass wir in irgendeiner Weise unsere ideologischen Grundlagen oder unser Gesellschaftsprojekt aufgeben.

Wir bleiben so revolutionär wie die Kämpfer aus Marquetalia (In diesem rund 200 Kilometer nordwestlich von Bogotá gelegenen Bezirk entstanden die FARC-EP; jW), wir beharren auf unseren bolivarischen Bannern und den Befreiungstraditionen unseres Volkes, um die Macht zu kämpfen und Kolumbien zur Ausübung seiner nationalen Souveränität und der Volkssouveränität zu führen. Wir werden auch weiterhin für die Schaffung eines demokratischen politischen Systems kämpfen, das den Frieden mit sozialer Gerechtigkeit, die Achtung der Menschenrechte und die wirtschaftliche Entwicklung sowie das Wohlergehen für alle, die in Kolumbien leben, garantiert.

Wie wir es als FARC immer getan haben, antworten wir unseren Gegnern an beiden Enden des politischen Spektrums immer mit Fakten, ohne in komplizierten Debatten verfangen zu bleiben. Unser bestes Argument werden die organisierten Massen und Bewegungen sein, die sich dem Regime und dem System entgegenstellen.

Es ist unsere Verpflichtung, unsere Stärke und Energie für die Einheit der progressiven, demokratischen und revolutionären Kräfte des Landes, der politischen und sozialen Bewegungen, der zahlreichen gesellschaftlichen Organisationen und Bestrebungen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene anzubieten. Dazu müssen wir uns der Bedeutung bewusst werden, die Nation ohne Dogmen oder Sektierertum mit klaren und einfachen Vorschlägen anzusprechen, denen alle ideologische Prahlerei fremd ist.

Das sollte sich in unserem Namen, in unseren Symbolen, in unserer Haltung, in unserem Umgang mit den Menschen, auf unseren Plattformen und in unseren Programmen manifestieren. Die große nationale Übereinstimmung, durch die wir die Macht der Basis erschaffen und mit den Institutionen um die öffentlichen Räume streiten wollen, wird nur möglich sein, wenn wir bescheiden, ohne Arroganz oder Eitelkeit und mit Respekt für andere agieren. Wir müssen uns nicht davon überzeugen, dass wir Revolutionäre sind, sondern müssen mehr und mehr Menschen dem Prozess für die großen Veränderungen des Landes zuführen.

Während unserer Märsche waren wir es als Guerilleros gewohnt, enorme Gebirgskämme zu erklimmen, und wenn wir sie bezwungen hatten, erlaubte uns das, zu anderen Tälern und Gipfeln weiterzugehen. So sollten wir unseren aktuellen Schritt verstehen. Wir überwinden grundsätzlich das Hindernis des Krieges, wir feiern diesen Kongress öffentlich und in der Hauptstadt des Landes, ein echter Sieg, der vor Jahren nicht denkbar war. Wir stehen vor großen Herausforderungen und vielen Schwierigkeiten.

Nichts in der politischen Welt ist einfach, viel weniger die revolutionäre Tätigkeit. Das Regime und das System sind nicht für uns gemacht, aber wir sind in sie eingetaucht und bereit, sie zu ändern. Wir brauchen einen kühlen Kopf und die Massen, die uns in allen Bereichen unterstützen. Unsere grundlegende Aufgabe wird es sein, sie zu gewinnen – ohne sie wird der Gegner mit uns tun, was er will, ohne sie werden wir nicht in der Lage sein, etwas zu ändern.

Lassen Sie uns diesen zu einem historischen Kongress machen, von dem aus wir uns mehr als je zuvor vereinigen, um unsere Träume zu erfüllen. Es ist dringend notwendig, die strategische politische Dimension des Schrittes zu verstehen und ihn zu verinnerlichen. Es ist nicht eine Frage der Sehnsucht nach unseren alten Zeiten, sondern die Notwendigkeit, daraus die Erfahrung zu sammeln, um eine bessere Zukunft für unser Volk aufzubauen. Frieden muss in Kolumbien die Wirklichkeit sein, eine schöne Aufgabe erwartet uns.

Übersetzung: www.farc-epeace.org/deutsch.html

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